Kinders! Jetzt hatte ich doch gerade meine Facebook Anleitung verfasst. Und nun… ? Was begegnet mir prompt auf meiner Startseite unter “Höhepunkte” ??
Facebook Höhepunkte
Da eine meiner Freundinnen als Reaktion auf die Ultraschall-Videoaufnahmen eines IHRER Freunde “Gefällt mir” angeklickt hat, erschien das nicht nur als Neuigkeit auf meiner Mattscheibe, nein, viel schlimmer: bei meinem Test musste ich leider feststellen, dass ich das Video des mir völlig unbekannten Vaters in der Tat von vorne bis hinten anschauen konnte. Ist das nicht unheimlich?
Der Sommer hält viele ästhetische Herausforderungen bereit, wenn er denn mal richtig da ist:
Unter anderem bekommt das durch die Sonnenbrille nur unzureichend geschützte Auge dschungel-ähnliche unrasierte Körperstellen zu Gesicht, überhaupt viel zu viel unbedeckte Haut in unterschiedlich gepflegten und straffen Zuständen. Bierbäuche werden von engen T-Shirts umspannt und kaum verdeckt, blässliche Spargel-Extremitäten schauen aus Feinrippunterhemden und Bermuda-Shorts heraus und die schlimmsten Überraschungen erlebt man meist bei einem Blick auf die Füße: was da nicht alles schiefgehen kann!
Hornhaut, Schrunden, Pilze, Verfärbungen, blaue Zehen, abgefallene Nägel, nicht vorhandene Pediküre, Trekkingsandalen und und und…
Chloe vom See kämpft bei dieser Aufzählung wahrscheinlich schon sehr stark mit den Nerven, hat sie doch lange gebraucht um ihre Fußphobie zu überwinden und sich inzwischen zum Tragen zumindest teilweise offener Schuhe durchgerungen. Eine Option, die noch vor ein paar Jahren kaum denkbar war.
Mir persönlich war diese Phobie immer schleierhaft. Mein Vater, der mich schon als Kind davon in Kenntnis setzte, meine Füße hätten eine absurde Form, die allenfalls mit der von Pumuckls dreieckigen zu vergleichen wären, konnte mich nicht davon abhalten, meine zugegebener Maßen nicht gerade wohlgeratenen Füße zu entblößen. Ohnehin hatte ich ihn im Verdacht, dass ihn besonders die Anschaffungskosten des passenden Schuhwerks nervten. Selbst ein Ex-Freund, der mich einst vor versammelter Freundesschar verdutzt ansah und rief:
Maya, das sind deine Füße? Wie sehen die denn aus? Gut dass ich mir die noch nie so genau angesehen habe, hast du aber immer schön kaschiert…
konnte mich mit dieser Charmeoffensive nicht beschämen – ich stehe weiterhin zu meinen Füßen!
Zum Glück wechselt in Deutschland das Wetter so oft, dass man sich nach all den äußerlichen Entgleisungen, die sich Menschen ab 25 Grad aufwärts leisten, immer mal ein paar Tage erholen kann, wenn die Schönwetterperiode vorbei ist. Und auch die geschätzte Fußphobikerin hatte hier nur kurz Luft schnappen dürfen, bevor ich zur gnadenlosen Konfrontation mit dem gefürchteten Objekt ansetze. Denn – nobody is perfect – in diesem Sommer reiht sich auch eine enge SpreeSee-Vertraute in die Schar der ästhetischen Fehltreter ein:
Fuß mit Sonnenmuster
Die bemitleidenswerte Person mit den gescheckten Füßen scheiterte kläglich bei allen Versuchen, das Geschehene als einen neuen alten Trend namens Sonnentattoo zu verkaufen und versuchte mich zu überzeugen, ein wenig mehr Verständnis für Sommersünden zu entwickeln. Wenn es warm sei, dann pfeife man halt manchmal auf Eitelkeit und Schutz der fremden Augen und gebe sich einfach der Sonne hin, ohne an die Folgen zu denken. Sie, die jetzt die Folgen trägt, wird jedenfalls auch weiterhin die nun gemusterten Füße offen zur Schau stellen.
Maya maynt, sie ist froh, dass sie eine Karikatur im Internet ist, UV-Licht und Vergilbungsgefahr gibt es hier nicht – allen anderen kann man nur den guten Rat mitgeben:
Gerade als Kommunikationsjunkie und Heavy Web 2.0-User wie ich schützt man sich gerne vor den Tücken der virtuellen Welt. Auch meine Freunde ermahne ich immer wieder über die weitreichenden Konsequenzen:
Achtung, das sieht doch jeder! Sei Dir dessen bewusst, was Du da für Daten freigibst.
Trotz all meiner vielseitigen Zwangsneurosen leide ich zumindest nicht unter der Gläserne-Mensch-Phobie. Der Grund, warum sich die andere Hälfte meines Freundeskreises gänzlich der Netzwerke und durchaus auch deren Vorteile versagt. Der Lauf der Dinge ist nun mal so, dass sich die Moderne schwer zurückdrehen lässt. Neulich hatten wir am Bodensee einen längeren Stromausfall. Das ganze Büro musste nach Hause (die Laptop-User zuletzt, sofern der Akku noch geladen war), da nicht mehr gearbeitet werden konnte. Kein Telefon, keine Mails, keine Dokumente… und wer auf dem Heimweg so klug war und den verfrühten Feierabend im Supermarkt sinnvoll nutzen wollte, stand blöd vor verschlossener Schiebetür oder einer nicht funktionierenden Kasse. Ohne Kasse kein Warenwirtschaftssystem, ohne Bezahlung kein Essen. Der Mensch im Zeitalter des digitalen Handels… Nicht einmal mehr ein Gurkenglas ist nicht nicht gläsern.
Wer ferner glaubt, dass der Fachbegriff „Datenmigration“ für eine Flucht vorm Datenraub steht, irrt sich. Hierbei handelt es sich lediglich um die Wanderschaft Deiner Informationen von einer zur nächsten Datenbank. Umso wichtiger also, dass Du lernst, Deine Information selber zu verwalten! Im Blogeintrag Google ist der neue Gott wetterte Chloe bereits:
Mich schockierte indes, dass die meisten Netzanwender immer noch so naiv sind. Glaubt Ihr denn im Ernst, dass Euch Facebook völlig umsonst Massen an Speicher für Eure Urlaubsfotos zur Verfügung stellt? Nichts ist umsonst. Eure virtuellen Spuren sind nachhaltiger als die reellen im Sand. Google macht uns unsterblich!
Aber wettern bringt nichts. SpreeSee sieht sich wie immer in der Aufklärungspflicht. Deshalb – und nachdem Maya beim letzten Telefonat völlig schockiert darüber war, dass Facebook plötzlich Zugriff auf Ihr Adressbuch hatte – kommt nun endlich meine Anleitung zum smarten facebooken.
Lektion 1: Stell Dir Deine Muttersprache ein
Facebook ist standardmäßig immer auf Englisch eingestellt. Wer gerade beim Kleingedruckten seinem Schulenglisch nicht traut, sollte lieber auf die deutsche Sprachversion setzen.
Maya maynt: Der Wahlkampf beginnt! Schon der zweite Kanzlerin-Artikel in Folge.
Ich nähere mich aber vorsichtig auf einer ganz leichten Pop-Ebene, die trotzdem gaaaanz viel kulturwissenschaftliches Potential hat, in Sachen Mode, performing gender, Politik und Kunst…
Bei meiner Suche nach einem passenden Geburtstagsgeschenk entdeckte ich kürzlich ein schönes Spielzeug für Erwachsene:
"Niemand soll mehr sagen, dass unsere Kanzlerin schlecht angezogen wäre! Zum Wahljahr 2009 präsentieren wir deshalb das ANGIE DRESSBOOK"
Onkel & Onkel, die das Produkt vertreiben, nennen sich selbst “Berliner Independent-Verlag für visuellen Rock’n'Roll”, das finde ich natürlich als rotzige Selbstbeschreibung schon an sich fantastisch und offensichtlich trifft nicht nur der Claim meinen Geschmack, sondern auch Shop und Produkte haben mich sofort überzeugt wie Jack White an den Drums oder Hopfenkügele von Seppi.
Persönlich fand ich das Angie Dress Book großartig und sah vor meinen inneren Auge schon die Wahlkanadierin eifrig mit der Schere hantieren und der Kanzlerin endlich einen stilvollen Powerlook zu verpassen. Raus aus der traurigen weiblichen Blazer-Uniform, raus aus der Decolleté-Falle. Überhaupt halte ich das für ein hervorragendes Konzept: Warum nicht einfach die Entscheidung dem Volk anheimlegen? Künftig wären Kleidungsfragen bei Merkel, genauso wie bei den Herren in der politischen Riege kein Läster-Thema mehr. Modisches Mitbestimmungsrecht, der Souverän nimmt direkt Einfluss darauf, wie sich das Land in der Welt präsentiert – wenn das nicht mal eine radikal basisdemokratische Idee ist!
Euphorisch verkündete ich meine neueste Entdeckung am Telefon Charly und Chloe. Am anderen Ende der Leitung herrscht in beiden Fällen zaghafte Stille bis ablehnendes “Ach”, das Verständnis war gleich null. Die zögerliche Haltung brachte mich aber keineswegs von meinem Plan ab, mit diesem perfekten Geschenk für Freude zu sorgen und so blaffte ich in den Hörer
Ihr werdet schon sehen! Die Wahlkanadierin wird es toll finden, wie kann sich euch nur die Genialitiät dieses Spielzeugs nicht erschließen. Die Kanzlerin zum Ausschneiden und -staffieren, als Papierpüppchen, so wie früher und endlich tatsächlich dem Wählerwillen unterworfen…
Allerdings machten mir mein knapper Reisezeitplan und die Fashion Week einen gehörigen Strich durch die Geschenkerechnung. Auf dem Weg zum Bahnhof noch schnell ins Kulturkaufhaus gehüpft um das Objekt der Begierde zu erstehen, blickte ich auf einen von jeder Ironie bereinigten Modebüchertisch – für die vielen Mode-Touristen, die die Hauptstadt anlässlich zahlloser Messen überschwemmten, waren nur noch edle Coffeetablebooks ausgelegt, von denen jedes einzelne mehr wiegt, als eine Frau mit den gängigen Modelmaßen. Sehr schick, sehr schön, sehr ernst und gar nichts mehr zum Spielen.
Was zu beweisen war, musste nun leider Vermutung bleiben. Angie verbannt, ganz ohne neue Kleider.
Aaangela oh Angela
ging es mir durch den Kopf und plötzlich mit dem Jarvis Cocker Song im Ohr tröstete ich mich. Wer möchte schon mit der Kanzlerin spielen? Jarvis – der inzwischen übrigens auch neue Kleider hat, er zeichnete sich schon `95 durch einen Stil aus, den Franz Ferdinand erst eine Dekade später entwickelten (schmaler Anzug, clean, smart und einfach heiß aussehen) und ist nun beim intellektuellen Clochard-Look angekommen – dieser Jarvis also möchte nicht mit Angie spielen, denn eine Verwendung seines Songs für den Wahlkampf hat er sich schon mal vorab verbeten. Pech für Angie! Mit dem Lied hätte man mich zwar auch nicht überzeugt, aber Sympathiepunkte wären schon drin gewesen.
Ich frage mich nur, ob es eigentlich überhaupt viel Musik im deutschen Wahlkampf gibt. Mir wäre das bisher noch nicht aufgefallen. Früher mal – als sich auch noch Schriftsteller und andere eingemischt haben, da gab es natürlich auch mal den ein oder anderen Musiker, der Stellung bezogen hat, aber heute? Mir fällt keiner ein. Eigentlich wäre das doch ein spannendes Thema, da muss ich noch mal genauer nachforschen…
Mein MoMa ist ein rechter Schlingel. Wochenlang hört er sich am Telefon meine Memoiren an und erzählt mir im Gegenzug rein gar nichts von seinem aktuellen Buchprojekt. Heimlich hoffte ich schon, er arbeitet an der Visualisierung meines Lebens! Aber gut, der große Karikaturist opfert sich lieber der politischen Bildung statt der Seebohème und widmet sein neuestes Werk einer großartigen Frau. Anfang dieser Woche rückte er nämlich endlich damit heraus, dass er mit der Autorin Miriam Hollstein den ersten Comic über einen deutschen Bundeskanzler herausgebracht hat. Chloe, die der Feder des Meisters ebenfalls höchstpersönlich entsprungen, musste ihrem Schöpfer sofort verbal applaudieren:
Hallo MoMa,
ich bin begeistert !!! Ehrlich gesagt hatte ich ja schon lange auf Deine Andeutungen hin vermutet, dass Du bald etwas größeres herausbringst. Sprechen durftest Du ja nicht offiziell darüber. Deshalb versuchte ich – und das ist für MICH bemerkenswert – nicht penetrant zu sein. Ach wie herrlich, dass nun dabei so etwas Großartiges herausgekommen ist. Ich & alle meine Freunde lieben ja Dein Nibelungenlied und hatten schon lange prophezeit, wie erfolgreich dieses Konzept an sich für Dich werden könnte !! Nutze es! Erkläre uns die Welt in Bildern und bilde uns !
Ich finde den Titel des Buches sehr gelungen, die Zeichnung sowieso und das wird der Hit !
Aber nun hülle ich mich wieder in Schweigen. Bald wird sicherlich dieses Buchcover alle Magazine schmücken:
Welcher Bundeskanzler sich dahinter versteckt, sei erstmal nicht verraten. Ich warte noch auf ein Rezensionsexemplar vom Eichborn Verlag.
Nur noch eine Anmerkung, mein geschätzter MoMa: Neulich erst entdeckte ich das folgende Comic und musste noch mehr als sonst lachen!
Bei meinem Freund Kino-Woody entdeckte ich nämlich vor einem halben Jahr eine kleine Schachtel mit Celluloid-Streifen. Auf meinen fragenden Blick hin gab er grinsend zu, dass er sich von jedem Film ein Bild herausschneidet, bevor er die Filmrollen wieder zurück an die Verleiher schickt.
Gestern Nacht, gerade hatte mich noch Penelope Cruz`Gesang in Almodovars Volver zum Heulen gebracht, da lieferte das Nachtmagazin mir eine schockierende Nachricht: Michael Jackson sei mit Herzstillstand ins Krankenhaus eingeliefert worden, manche US-Medien berichteten sogar, er sei tot.
Wie groß die Weltgeltung eines Menschen ist, zeigt meistens die mediale Aufmerksamkeit und die ist wie zu erwarten riesig. Seine Bedeutung für das eigene Leben zeigt sich im Bedürfnis die Nachricht mit anderen zu teilen, tatsächlich habe ich zur nächtlichen Stunde noch überlegt, Charly anzurufen, dabei war ich nicht mal ein Fan des King of Pop, hatte nie ein Album und mag vielleicht 5 seiner unzähligen Songs – aber der Einfluss Michael Jacksons auf die Popkultur und damit auf mein eigenes Leben ist natürlich unbestreitbar.
Was ich mir dann doch verkniffen habe, holte Charly (der gerne mal die Jackson 5 auflegt) morgens nach, allerdings nicht ohne geschäftstüchtigen Hintergrund:
Ran an den Blog! Michael ist tot…
Ich war immer noch ganz betäubt und wusste gar nicht, was ich zu diesem Tod sagen soll:
tragisches Ende eines verkorksten Lebens?
deshalb war meine Antwort erst einmal abschlägig. Aber irgendwie kann man dieses Weltereignis ja nicht ignorieren, schließlich geht im Moment sogar die grauslige neue Moderatorin (Clarissa Stadler – wer hat die nur da hingesetzt?) der “Tage der deutschsprachigen Literatur” in Klagenfurt darauf ein. Also hoffte ich auf meine Blogpartnerin, die manchmal weniger von Grübeleien gelähmt ist als ich, ein bisschen Scham war auch dabei, beim Senden der trockenen Mail an Chloe:
Morgen!
Michael Jackson ist tot, fällt dir dazu was ein? Wäre eigentlich was für den Blog, aber ich bin irgendwie uninspiriert…
Grüße
Binnen Minuten kam die Antwort:
ich hab es gerade gelesen! bin schockiert. als wäre snoopy oder eine andere figur unserer kindheit plötzlich weg…
Damit trifft es die Madame vom See ziemlich genau, eine Figur – und Bestandteil unserer Kindheit. Mein seltsames Gefühl, rührt von dieser Wahrnehmung. Dieser Mann, war für mich gar kein Mann, sondern immer nur eine absolute Kunstfigur (und wahrscheinlich für den Großteil der Menschen), niemals gab es ein Fünkchen Authentizität in seinem Auftreten. Ich konnte hinter der enormen Selbststilisierung den Menschen gar nicht mehr erkennen, und wer eigentlich gar kein Mensch war, soll jetzt tot sein? Kann so einer überhaupt sterben? Snoopy stirbt schließlich auch nicht. Das scheint mir genauso unwirklich, wie damals Anfang der Neunziger die Aussage meines Vaters:
Den Jackson, den kenn ich doch schon, da ist er noch als kleiner Junge mit seinem Brüdern aufgetreten, damals war er noch ein putziger kleiner schwarzer Bub, der konnte ganz schön singen!
Mit Verlaub, Klayn-Maya maynte damals, der Herr Papa würde ordentlich spinnen – schwarz und ein Kind? Die menschliche Realität dieser Pop-Persona war für mich schlicht unvorstellbar. Genauso wie jetzt der Tod, denn die Sterblichkeit ist der Beweis, das hinter der Kunst tatsächlich ein menschliches Wesen steckte und das war, wie die einst perfekte und später zur grusligen Maske verkommene Hülle dann doch vermuten ließ, ziemlich kaputt. Wäre ich keine Atheistin, würde ich diesem humanen Kern des geplagten Menschen wünschen, dass er im Jenseits sein Neverland findet, das er auf dieser Welt trotz heftigen Suchens nicht finden konnte.
Der King of Pop ist tot – es lebe die Illusion, der Mensch möge in Frieden ruhen.
Lang, lang ist es her, dass wir unsere Leser in die SpreeSee Blogstatisitk haben spicken lassen. Daher krame ich zwei Suchbegriffe hevor, die mir in den letzten zwei Tagen besonders ins Auge gestochen sin.
Tatort aus Stuttgart „Das Mädchen Galina“, Sonntag, 21. Juni 2009, 20.15 Uhr Note: Thema verfehlt ! Keine Spannung, kein Ausdruck, lauter Wirrwarr !
Ich weigere mich. Ich weigere mich, meine wertvolle Zeit für die Rezension eines erneut schlechten Tatorts zu verschwenden. In weiser Voraussicht hatte ich meinen Frühjahrsputz so eingetaktet, dass ich mich abends durch die Wohnung auf die Couch wischen musste. Viele Szenen bekam ich somit zum Glück nur auf die Ohren. Meine Sehnerven konzentrierten sich aufs Schmutzwasser.
Tja, Chloe ist nicht nur Schwäbin, sondern OBER-Schwäbin. Als Kehrwochen-Freimaurer war ich also doch etwas gespannt auf meinen ersten Tatort mit den neuen Stuttgarter Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Maya maynte noch am Telefon, dass sie auf die Knollennase Richy Müller steht und ich darauf achten soll, ob Felix Klare mehr als drei Gesichtsausdrücke kann.
Chloe chlaubt, Klare kann noch viel weniger als Nix! Chloe chlaubt gar, dass dieses Mal statt Drehbuchautoren ein interdisziplinärer Walddorfschüler-Sitzkreis das Storyboard an die Wand geschmissen hat. Die Schlagwörter zum Brainstorming lauteten: Prostitution, Politik & Pubertät ! Das hätte sicherlich für einen Videoclip auf MTV was werden können, aber 90 Minuten sind unerbitterlich lang. Auch zum Wischen meiner 45qm Wohnung…
Akt I – Bad Lannert und Bootz sitzen im Auto. Zwei Kappen Reinigungszeug auf 5 Liter. Notruf in der Zentrale und kein verfügbares Auto in der Nähe. Lannert und Bootz erbarmen sich, packen ihr abnehmbares Blaulicht aufs Dach und düsen ins Hochhausghettoviertel mit unerwartet hübschen Penthousewohnungen. Grausamer Leichenfund. Die Prostituierte Galina liegt tot auf ihrem Bett in einem Duschvorhang eingewickelt. Schüsse. Bootz wird verletzt. Der kleine Lannert schleppt den blutenden Kollegen in den Aufzug und rettet sich und ihn aus dem Schussfeuer. Keine Tränen, kein Pathos, aber auch keine Leiche mehr. Wilder Start, chlaubt Chloe und wechselt in den nächsten Raum.
Akt II – Küche Auflistung der Protagonisten und vermeintlich Verdächtigen:
1. Galinas Zuhälter und Fotograf Zehender (Christian Koerner), der Galina als Model nach Deutschland gelockt hat.
2. Galinas Freier, der Politiker Bertram Högele
3. Des Freiers Frau Tonia.
4. Des Freiers pubertierende Tochter Laura.
5. Galinas Mitbewohnerin sowie Prostitutions-Tutor Mareen.
6. Galinas Bruder aus Kroatien auf der Suche nach seiner Schwester.
Auf Högele kommen die Kommissare dank eines Geheimcodes. Pünktchen und Anton bzw. der Waldorfschüler-Drehbuch-Sitzkreis lassen grüßen… Die findige Knollennase fand hinter der Heizung in Galinas WG-Zimmer ein rotes Notizbüchlein. Galinas Bruder und die Polizeibeamtin mit kroatischem Migrationshintergrund, Nik Banovic (Miranda Leonhardt), entschlüsseln das Enigma. Die beiden, vereint in Kinderbüchernostalgie, turteln ganz schön rum. Am Schluss passiert aber nix, sonst hätte Niks Pathologenfreund wirklich nichts mehr zum Lachen im Leichenkeller. Die Abschiedsszene an der Balkanbusshaltestelle hinterm Stuttgarter Hauptbahnhof, an der Chloe auch schon des Öfteren in Busse gen Migrationsland gestiegen ist, spiegelt dennoch eine unerfüllte Sehnsucht wider.
Oh, dahin ist die Chronologie meiner Rezension… aber beim Wischen kommt man schon mal durcheinander.
Akt III – Schlafzimmer Schnell Putzwasser wechseln. Für den Parkettboden muss 1 Kappe Spezialreiniger auf 5 Liter Wasser. Hinter mir laufen die Verwicklungen weiter:
1. Zuhälter und Politiker kennen sich aus dem Studium. Der Zuhälter wollte ein mehrstöckiges Bordell ganz im Sinne des Thai-Paradieses am See bauen und erhoffte sich Hilfe vom alten Kommilitonen, den er großzügigerweise jahrelang durchgefüttert und mit Nutten, die seinen Würgefetisch bedienten, versorgt hatte.
2. Politiker will gewählt werden und kann keine großen Skandale gebrauchen. Seine Frau hat er wohl nur aufgrund ihres einflussreichen Vaters geheiratet.
3. Tochter Laura hat keine Freunde. Kein Wunder, da sie trotz der urschwäbischen Eltern, kein Schwäbisch schwätzt!! Während die Högeles sich ein „Weisch“ nach dem anderen beim Streiten um die Ohren hauen, parliert die kluge Laura mit den Kommissaren im reinsten Hochdeutsch. Laura freundet sich mit Galina an. Galina versucht sich über dieses Hintertürchen in Högeles Herz zu schleichen. Sie träumt den ganz großen Mädchentraum: Ihr Freier soll sie heiraten!
Nebenschauplätze:
1. Die hübsche Staatsanwältin im kleinen Schwarzen wird andauernd von allen ignoriert. Die Männer erkennen ihr Potential nicht. Erst später bei der Högele’schen Hausdurchsuchung zeigt die intelligente Schöne, dass sie was drauf hat und sich nicht einschüchtern lässt.
2. Nik fühlt sich als Laufmädchen. Ihr neuer kroatischer Freund versteht dieses Idiom nicht und reimt sich „Lauf, Mädchen!“ zusammen. Erneut nimmt in diesem Tatort also eine Frau die Rolle der nicht wertgeschätzten bzw. auf Augenhöhe wahrgenommen Kollegin ein. Knollennase bringt Nik mit dem Vorwurf, sie hätte die Falltür im Penthouse nicht gefunden, zum Weinen. Fiese Ermittler !
3. Im Privatleben schaut Knollennase mit seiner blöden Nachbarin Krimis an.
4. Das Charakter lose Gesicht soll als Familienvater ein Gesicht bekommen. Bootzens Familie wird öfters gezeigt. Auch dass sein Kleiner vom Tod des Vaters träumt.
Akt IV – Flur & Wohnzimmer Mist. Vom Flur aus kann ich gar nicht mehr auf den Bildschirm schielen. Aber bei all den Verwicklungen kommt man eh kaum mit dem Wischen hinterher…
1. Der Zuhälter wollte den Politiker mit Aufnahmen vom letzten Akt vor Galinas Tod erpressen. Alles spricht gegen Högele.
2. Nik hat ferner die Videoaufnahme von Högele mit dem Wetterdienst abgeglichen. Die Aufnahme deckt sicht in der Tat mit dem Regenrhythmus der Mordnacht.
3. Irgend so ein Parfum namens „Kot de Fleur“ oder so sticht allen in der Nase herum.
4. Galinas Leiche wird gefunden. Auch ihr Handy. Der letzte Anruf ging jedoch an den Zuhälter und nicht die Polizei raus…
Akt V- Sofainsel Ich sitze auf der Couch und warte, dass der Boden trocknet sowie der Tatort endlich ein Ende nimmt!
Ich bin müde vom neurotischen Aggressions-Putzen und genervt zu wissen, dass alle Ermittlungen natürlich in die falsche Richtung laufen. Zum Glück schaut auf Galinas Beerdigung ihr Mörder vorbei und umarmt den Kommissar, der sofort das „Kot“ riecht. Ein Duft, der nach dem Mord auch im Penthouse in der Luft lag. Erst jetzt geht der Knollennase ein Lichtlein auf! Die Prostituierte Mareen hat Galina umgebracht sowie danach selbst den Notruf bei der Polizei getätigt, um dem Zuhälter eine Falle zu stellen. Bei der erneuten WG-Hausdurchsuchung entdecken die beiden Kommissare nun einen Högele-Schrein sowie eine Flasche des Kot-Parfums. Fünf Jahre lang war Högele in Mareens Diensten und hatte ihr was von großer Liebe erzählt, um bei ihr im Bett bis aufs Äußerste gehen zu können. Dann kam Galina und zerstörte Mareens Traum vom großen Glück. In der Schlussszene versucht Mareen noch Laura zu Tode zu würgen, wird aber von den gerissenen Kommissaren in letzter Sekunde daran gehindert. Schluss.
Ja! Ja! Und nochmals ja! Wenn der hinreißende Retro-Dandy David beim Lied Wo bist Du bitterweh „ich liebte Dich“ tönt, suhlt man gerne im Liebesschmerz mit. Und mit dem Stück Ich bin traurig chlaubt Chloe ihren persönlichen Sommerhit für 2009 – der Hopfen ist ja schon auf Halbmast! – ausgemacht zu haben. Heute morgen lief der Titel erneut auf FM4 auf meinem Weg zur Arbeit.
Wie kann eine Band, die so melancholisch kitschig den Schlager der 20er/30er Jahre NDWisiert, nur ernsthaft Tanz Baby! heißen? Kritisch hörte sich daher Chloe, die Chansonier vom See, in das Album Liebe für Euch rein.
Und plötzlich geriet, ohne jegliche Vorahnung!, mein tanzfreudiges balkanesisches Migrationshintergrundsblut beim Auftakt zu Träum kleines, träum völlig in Wallungen.
Ach, Maya, mein big city maniac, hör mal, wie die Jungs Singles wie mir mit Andauernd verliebt aus der Seele singen („ich bin andauernd verliebt / doch die eine find ich nie“)! Der Songwriter Mu bringt mit seiner schmähigen Sachlichkeit die Mühsamkeit der Modernität auf den Punkt.
Und mal im Ernst, wer ist nicht in den Sänger David verliebt! Ich schmachte meinem zeitgeistigen Richard Tauber des 21. Jahrhunderts hinterher… und sehne ein Treffen herbei. Die Jungs sind zum Glück noch so unbekannt, dass sie an Orten mit ihrer Heimorgel orgeln, die für Chloe innerhalb von einer halben Stunde erreichbar sind. Vienna kommt am 11. September nach Dornbirn. Twin-Tanz statt Twin-Tower im Spielboden! Chloe hofft, dass sie bei dem Anblick nicht in Ohnmacht fallen wird… „Ist das die Liebe, ist das die Liebe, bist das Du?“
In der Studentischen Texterschmiede an der Spree ist die “Touri-Reportage” das gefürchtetste Ressort geworden. Wann immer mein Chef anruft und motivierend in den Hörer ruft:
Frau von der Spree, ich habe einen tollen Spezialauftrag für Sie, recherchieren Sie mal XXX im Umland!
zucke ich innerlich zusammen und denke an misslungene Ausflüge in ausgestorbene Orte und verödete Landstriche. Diesmal hieß das Thema attraktive Ziele für einen Sonntag am See, bitteschön leicht mit der Bahn zu erreichen. Dumm gelaufen, denn meine favorisierten Seen liegen entweder im Stadtgebiet, oder sind nicht mit der Bahn zu erreichen. Also hieß es für Reporter-Maya ein weiteres Mal auf in die Einöde, zudem alleine, denn bei bedecktem Himmel und 20 Grad kann man Freunden auch nicht zumuten jetzt doch mal eine Stunde mit dem Zug zu fahren, um Seen zu testen.
Das Witzige am Reisejournalismus in Brandenburg ist aber, dass man sich immer ein bisschen fühlt wie der Hase beim Wettlauf mit dem Igel, denn ein großer Urvater war immer schon vorher da: bei Fontanes “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” findet sich Vorabinformation über so gut wie jeden Flecken der Steppe, die die Oase Berlin umgibt. Auch mein auserkorenes Ziel, die Gemeinde Schwielow, die gleich an drei Gewässern – Schwielowsee, Templiner See und Havel – liegt, hat der große Realist besucht:
Der Schwielow ist breit, behaglich, sonnig und hat die Gutmütigkeit aller breit angelegten Naturen
Subtext: es ist stink langweilig.
Da auf dem Brandenburger Land die Mühlen des Fortschritts langsam mahlen, hätte diese ca. 140 Jahre alte Aussage eigentlich genügt, dennoch maynte Maya, sich selbst überzeugen zu müssen und ergänzte nun die Eindrücke des alten Meisters anhand moderner Handy-Fotografie mit ein paar digitalen Bildern:
Trostlos steht die einst sicher hübsche Bahnhofsstation in typischer Backtsteingothik da und sofort schießen wieder Fluchblitze durchs Reporterinnenhirn: War ja klar, eine weitere Brandenburger Landpartie voller Öde und Trostlosigkeit steht an.
Einladender Empfang - das verfallene und verschlossene Bahnhofsgebäude von Caputh
Relikt aus alten Zeiten: die gelbe Telefonzelle. Hier kann man vom Planeten Brandenburg nach Hause telefonieren.
Aber nein, die Hoffnung stirbt zuletzt, und überhaupt, vom ersten Eindruck darf man sich niemals abschrecken lassen. Schließlich geht es um unberührte Natur und das idyllsche Wasserland Brandenburg. Also auf zum Badesee!
Das Seebad lockt mit einer sehr ansehnlich gestalteten Homepage, auf der neben dem Strand auch die drei umliegenden Gastronomien angepriesen und mit hübschen Bildern illustriert werden. Der Faktencheck in bester Plasbergischer Hart aber Fair -Manier bringt die ernüchternde Wahrheit ans Licht:
Die gesuchte Idylle...
...im Realitätscheck mit Bauruinen verschandelt!
Noch gibt die verbissene Reporterin aber nicht auf, schließlich liegt hinter dem See ein Ort mit Schloss und Einsteinhaus. Mal sehen, ob hier die Highlights versteckt sind. Doch die Einblicke, die ich hier gewinnen konnte, waren noch ernüchternder. 20 Meter Sandstrand und die gepflegte Havelpromenade, auf der die Rentner stolzieren, müssen wohl ausreichen, die Touristen anzulocken, denn der Ort gibt nicht gerade viel her außer Sperrmüllhaufen, die sicher keiner plündern möchte:
Komm nach Caputh, pfeif auf die Welt
mit diesen Worten soll Albert Einstein seinen Sohn zu einem Besuch in die väterlicher Sommerresidenz hier überredet haben, die bunte schillernde Welt muss man wohl auch erst vergessen oder auf sie pfeifen, um sich in dieser grauen faden Verlassenheit wohlzufühlen. Aber wer hätte je erwartet, dass ich die Vorlieben eines Physikers nachvollziehen kann…
Doch es gibt auch Lichtblicke, die Bürger nehmen ihr Glück selbst in die Hand. Wahrscheinlich haben schon fast alle Lehrer und Bibliothekare Reißaus genommen, auch einen Buchladen konnte ich nicht entdecken, damit die Jugend dennoch nicht auf das geschriebene Wort verzichten muss, tragen die findigen Brandenburger die Bildung einfach auf die Straße und Lehrmittelfreiheit wird hier ganz unkompliziert gelebt, wie der Bücherkoffer zur freien Verfügung beweist:
Sehr löblich: die Caputher Bildungsoffensive ist für den Nachwuchs kostenfrei...
Tatsächlich scheint die Jugend, trotz ihres Aufwachsens in größter Abgeschiedenheit, bemüht den Anschluss an moderne Subkultur zu halten. Ganz auf der Höhe der Zeit waren zum Beispiel schablonierte Streetartefakte, die ich entdecken konnte:
...und erste urbane Streetart-Früchte, der kulturelle Fortschritt ist unaufhaltsam.
Der kleine Streetart-Lichtblick kann jedoch nicht über die verheerenden Zustände in diesem Tal der Tränen, das nur wenige Fahrminuten außerhalb Berlins beginnt, hinwegtäuschen und so bleibt mir als Resumee nur ein weiteres Mal meinem geschätzten Nachbarn beizupflichten, der alles, was es zu Brandenburg zu sagen gibt, in dieses traurige Lied verpackt hat:
Die Suche und die Zugfahrten gehen dennoch weiter.