Das Bildnis der Chloe vom See


An dem Tag, an dem ich nach einer ersten Probezeit den unbefristeten Vertrag bei meiner neuen Firma unterschrieb, verließ eine meiner Lieblingskolleginnen dieselbige. Wir beide waren uns von Anfang an sehr sympathisch gewesen. Das liegt wohl vor allem daran, dass wir beide die selben Vokale in unserem Vornamen tragen. Ferner schwätzte meine norddeutsche Seele auch kein Schwäbisch. Im schönsten Plattdeutsch überreichte sie mir also zum besagten Abschied bedeutungsschwanger eine ganz besondere Topfpflanze. Die schon etwas leicht lädierte Orchidee (ob es eine Robinsoniana war, konnte ich bereits nicht mehr ausmachen) hatte sie nämlich selbst von einer ihrer Lieblingskolleginnen weitergereicht bekommen. Ich versprach, tief gerührt ob der schönen Geste, das Pfand mit den treuesten grünen Händen zu pflegen, die der See je gesehen!

In den folgenden Wochen wurde ich von zahlreichen Kollegen mit Pflegetipps überhäuft. Die Blätter seien zu gelb, ich solle weniger gießen. Die abgestorbenen Orchideenstängel sollten bis zum dritten Auge zurückgeschnitten werden. Luftwurzeln hingegen scheuen jegliche Berührung. Manche brachten mir gar Dünger mit und mein Sitznachbar nahm sich der Sache aufgrund des maroden Zustands irgendwann selber an: Er lief zum nah gelegenen Teich und tunkte den Topf hinein, um ihn danach wieder trocken zu schütteln. Nährstoffe!

Aber wie das bei Komapatienten so ist, flachte die Orchideen-Wiederbelebungseuphorie bald ab. Neue Kollegen, denen die Pfandtradition nicht bekannt, fingen an, sich über den Zustand des Gestrüpps zu belustigen. Am schlimmsten traf mich die Bemerkung, ob die Pflanze ein Abbild meiner Seele sei.

Letzten Endes träumte mir neulich so wirr, dass mich ein Gefühl unendlichen Mitleids, nicht mit mir selbst, sondern mit meinem umgetopften Ebenbild, überkam. Die Orchidee hatte sich bereits verändert und würde sich weiter verändern. Ihr Blattgrün war zu Braun verblasst. Ihre roten und weißen Blüten verwelkt. Für jeden Stress, den ich ertrug, befleckte und beeinträchtigte ein Makel ihrer Schönheit. Aber ich werde nicht ausbrennen. Das Bildnis, verändert oder nicht, soll für mich die sichtbare Verkörperung des Work-Life-Balance sein. Ich werde jeder Workaholic-Versuchung widerstehen. Ich werde den Programmierer nicht mehr treffen – werde keinesfalls mehr jenen heimtückischen, Medienbruch beseitigenden Prozessoptimierungen nachrennen, die damals bei den IT-Schnittstellenworkshops zum erstenmal in mir die Leidenschaft für das Unmögliche geweckt hatten.

Fünfzehn Monate lang hat meine Orchidee kein Blüten mehr getragen. Mein Abbild sieht inzwischen so aus:
Orchi-weh

Orchi-weh

Soll ich wagen, sie endgültig wegzuschmeißen? Ich trau mich nicht. Wer erteilt mir die Absolution? Liebe Lieblingskollegin, was soll ich machen?

 

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Eine Antwort

  1. Meine liebe Chloe,
    ich bin gerührt von Deiner Erzählung… und schlage einen wunderbaren Abend zum Seelenheil im Bob-Cook-Way vor: Pflege des Herzens mit ein paar lecker zubereiteten Seelen und ausgiebigem Plausch … Orchideen mit oder ohne Blüten, grün oder braun können mitgebracht werden und verbleiben bis auf Weiteres im Hause der Gastgeberin.
    How about?
    Das Meer grüßt in den schönsten Blautönen!
    Eetho

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