Robbie Rammstein


Auf der Outdoor-Party zu der die gute Chloe mich beim Besuch in ihrer lieblichen Wohngegend schleppte – mangels anderer nächtlicher Attraktionen und wegen meines ethnologischen Forschungsdranges hatte ich eingewilligt – ereilte uns der größte gemeinsam erlebte musikalische Tiefschlag überhaupt:

Bravo Poster Boy goes Rammstein

Bravo Poster Boy goes Rammstein

Eine Cover-Band heizte dem Publikum so richtig ein.
Das Ensemble, das sich in tiefster Inspirationslosigkeit und völlig ohne eigene Ideen oder auch nur den Hauch von Stil, den größten „Hits der 80er, 90er und von heute“ widmete, schien in seiner technischen Ausstattung von allen Grand Prix Eurovision – Teilnehmern, die es jemals gegeben hat, unterstützt worden zu sein.
Wind- und Nebelmaschine sowie eine Armee von bunten Strahlern kamen quasi permanent zum Einsatz, während die 4 Sänger der Band sich abwechselten, Klone von „Wir sind Helden“, den „Red Hot Chily Peppers“, „Roxette“ etc. zu werden.

Und wenn ich sage, die Band heizte ein, dann meine ich das so.
Nicht nur die abschließende Pyrotechnik, deren Einsatz mich dann kaum noch wunderte, auch die Bewegung der begeisterten Massen setzten jede Menge Energie frei.

War ich denn der letzte nicht geschmacksverirrte Mensch auf der Welt?

Es herrschte beste Festival-Stimmung. Nasse durchgeschwitzte Leiber rieben sich aneinander, kernige Outdoortypen machten ihre Oberkörper frei und pogten gemeinsam mit asiatischen Vertrieblern. Kühlende Schauer des in Hektolitern ausgeschenkten Freibiers ergossen sich nicht nur in die frenetisch gröhlenden Kehlen, sondern – mitsamt den Plastikbechern geworfen – auch auf die applaudierende Menge.

Vor Grauen war ich wie gelähmt, das alles war so abstoßend und widerlich – ich musste mich zitternd gegen eine Säule lehnen, konnte jedoch den Blick nicht abwenden.

Im furiosen Finale sang der Traum aller Dorftussis, ein blondgelockter durchtrainierter Bubi im weißen Dinnerjacket mit der Barbie-förmigen Sängerin das Duett zwischen Robbie Williams und Kylie Minogue nach. Gleich anschließend – nur mit einem schwarzen Ledermantel, der die bloße aufgepumpte Brust umspielte – konnte er sich beim Rammsteinkracher „du has(s)t mich“ nochmal so richtig ins Zeug und in den Luftstrom der Windmaschine schmeißen, der seine Haarpracht ach so effektvoll zur Geltung brachte. Das nenne ich nicht variabel, das ist wohl eher wahllos.

Ich glaubte weder Augen noch Ohren zu trauen – hatte ich schon eine Überdosis Landluft? Halluzinationen wegen Abgas- und Feinstaubmangel?

Nein – alles war wahr und ich musste es erleben. Zum Glück konnte Chloe meinem entsetzten Gestammel entnehmen, dass dieses seltsame Schauspiel festgehalten werden musste und machte ein Foto. Nun habe ich für immer den Beweis, dass das kein schlechter Traum, sondern die Realität war und Stagediving bei Cover-Band-Konzerten möglich ist!
Dies ist nur ein weiteres Beispiel für die Ungerechtigkeit der Welt und die Dummheit der Menschen im Allgemeinen. Echte Künstler, die ihr Herzblut geben, eigene Songs schreiben und selbst kreativ sind, müssen lange im Jugendzentrum spielen, bis man sie auf eine so große Bühne lässt. Ob sie jemals soviel Zuspruch für ihre Kunst, für die Veräußerung ihres Innersten erhalten, wie diese Cover-Band für das bloße Nachäffen von so genannten Hits, ist fraglich. Ein sehr trauriger Gedanke!

Chloe versuchte mich aufzumuntern, indem sie mich auf das lustige Bild aufmerksam machte, das entstand, als zwei Cover-Band-Anhänger sich in den künstlichen See vor dem Veranstaltungsort erleichterten, während ein anderer Fan etwas weiter links seine müde getanzten Füße zur Erfrischung im gleichen See badete. Doch ich war untröstlich…

Letztendlich kann ich für mich selbst sagen, dass ich derartig extreme Performances überhaupt noch nicht erlebt hatte. Nicht nur nicht im Verein mit meiner lieben Freundin (und wir haben in den vergangen Jahren schon diversen seltsamen Schau- und Hörspielen beigewohnt), sondern niemals.
Chloe hingegen musste zerknirscht zugeben, dass ihr Leben in der Provinz sie doch etwas abgestumpft hatte, schließlich sei ihr erst nach meiner Erschütterung aufgefallen, dass auf sämtlichen ländlichen Festivitäten, die sie zu Integrationszwecken aufsucht, Cover-Bands aufspielten. Zu ihrer Entschuldigung sei gesagt: Chloe tanzt unwahrscheinlich gerne, so gerne, dass alles andere hinter diesem Wunsch zurücksteht. Das Zucken in ihren Beinen setzt bei nahezu jeder Form von einigermaßen harmonisch aneinandergereihten Tönen ein, sie ist wohl machtlos dagegen, gelobte aber Besserung.

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13 Antworten

  1. Chloe chlaubt, dass es sich hierbei um den bisher besten SpreeSee-Blog-Eintrag handelt. Ich gratuliere zur eloquent gelungenen Sozialstudie, Maya! Nur scheinst Du Deine eigene Regel – Kürze geht vor Länge – vor lauter Schreiblust selber nicht mehr befolgen zu können. Tja, manchmal juckt das Tanzbein und ein ander mal fliegen die Tippfinger. Wobei handelt es sich hier: Reflex oder Talent?

    Chloe chlaubt, dass Deine Migräne am Montag sowie meine morgendliche Migration uns im Dauerzustand des Leids zu höchsten Schöpfungsphasen katapultieren. Während mein Unbewusstsein mir den gestrigen Schlaf raubte und mich zu einem nocturnen Blues inspirierte, scheint Dein Über-Maya herrlich gut zu funktionieren. Denn worüber Du Dich auf der Outdoor Party am meisten aufgeregt, scheinst Du völlig verdrängt zu haben. Ich befürchte, Deine Aura erneut herauszufordern (es tut mir so Leid, Dein zartes Wesen stets mit profanen Single-Landeiereien in Gefahr zu bringen), aber ich kann es einfach nicht lassen und erinnere Dich daran:

    Die Vergewaltigung eines der mit Abstand besten Lieder der letzten Jahre zur plumpen Fußball-Hymne!! Vielleicht klagst Du uns Dein dekadentes Leid in einem gesonderten Blog-Eintrag zum Aufstieg und Abgesang der „Seven Nation Army„.

    Na, bist Du Soldatin oder Veteran… ?

    Der Schwabenmeer-Imperator meldet sich für heute ab! Wir gehen an der Kletterwand für künftige Eroberungen trainieren.

  2. Zu viel der Ehre – ich bin sehr geschmeichelt. Tatsächlich konnte ich mich kaum noch stoppen, als die Erinnerungen einmal ausgegraben waren. Demnächst fasse ich mich wieder kürzer. Nur an das Schicksal des genannten und von mir so geliebten Liedes kann ich noch nicht schreibend denken…mir kommen schon jetzt wieder die Tränen…ich muss gehen…aber irgendwann „the words are gonna bleed from me and I will think no more“

  3. Every single mom’s got a story to tell 😉

  4. Oder heißt es single one? Auch egal, für mich heißt es so 😉

  5. Maya maynt: Für eine so fleißige Kommentatorin unseres Blogs schreiben wir gerne die Liedzeile um. Besonders wenn die Single Mom so versiert im Storytelling ist.

  6. Liebe Stadt-Land-Fluss-Runde,
    als ebenfalls am schwäbischen Meer Gestrandete möchte ich euch heute zum Abschluss eines wundervollen Tages noch etwas Aufbauendes mitgeben.
    Love is all around the lake, höret und staunt! Heute abend genügten mir schon 5 Minuten des regionalen TV Senders Regio-TV Euro3, um glücklich und zufrieden einzuschlafen.

    Highlight Nummer eins: Das Traumpaar der Volksmusik Stefanie-Perlweiß-Hertel und Stefan-Goldilock-Mross kommt am 6.9. auf den Bierbuckel nach Ravensburg. Ein weiterer Höhepunkt und sicher unplugged und un-covered.

    Highlight zwei: Großes Kino in „EURO 3-Das Journal“ -Katzenglück – wie alte, misshandelte, verwilderte, heimatlose und kranke Katzen in Tengen ein neues Zuhause finden. Erika und Horst Mengeu betreiben seit 23 Jahren die Villa Samtpfötchen. Sie bereiten über 80 Katzen einen würdigen Lebensabend. Für die Erweiterung des Nebengebäudes inklusive OP werden noch zu Lebzeiten potente Sponsoren gesucht, die noch mit „warmen Händen“ geben. Katzenfreundin Barbara Schlotterbeck bringt 20 Findelkatzen aus Messi-Wohnung in die Katzenoase. Endlich haben alle Samtpfötchen, die auf dem Land bestialisch abgeschlachtet werden ein lauschiges Zuhause. http://www.pensio-samtpfötchen.de sei Dank!

    Hier ist eben die Welt einfach noch in Ordnung, in diesem Sinne, Träumt süss!

  7. Hehe, wusste ich doch, dass Ihr das findet, sobald ich Euch verlinke… 😉 Hab lange die Bloggerwelle an mir vorbeibrausen lassen, aber Ihr habt mich letzten Endes auf den Geschmack gebracht, das Verdienst gebührt Euch! Macht viel Spaß zu lesen. Jetzt weiß ich, ich hätte auch zu wordpress gehen sollen, so tolle Dinge wie Tagwolke und Statistiken gibt’s drüben nicht…

    Tja, der Gedanke an Stefanie Hertel jagt mir auch immer wieder leichte Schauer über den Rücken. Ist sie doch der gleiche Jahrgang wie ich… und zu den Samtpfötchen fällt mir ein: Als ich noch bei einer Online-Redaktion mein Unwesen trieb, hieß es dort immer: „Wir müssen mal wieder was mit Kindern oder Tieren machen! Das läuft immer! Vor allem Tiere, die mögen viele Menschen noch mehr als Kinder.“ Das haben sich die Senderverantwortlichen sicher auch gesagt.

  8. Tja – eine echte Blog-Soldatin schläft nie, sie ruht nur und hat dabei stets ein Auge auf die Blogstatistik, so werden neue Blogfreunde sofort geortet, um die Allianz zu stärken.

  9. […] als unerträgliche Lästerschwester zu gelten, die immer alles schlecht redet (Advent im August, Cover Bands, Tiefkühl-Lasagne etc. – aber immer daran denken: I was only joking) und um all den Leuten Genüge […]

  10. […] & Chillen am See”. Die hiesige Ausgehkultur habe ich bis auf die legendäre Outdoor Party, die jedoch nur einmal im Jahr stattfindet, noch nicht richtig auskosten können. Als wir also […]

  11. […] lernen wir: Nicht jede Coverversion ist schlecht, nur reine Cover Bands gehören […]

  12. […] 50 Jahre Motown – ein Grund zu feiern und ein Grund für ein klitzekleines und ganz subjektives Mini-Mixtape meiner “Maya remembers Motown” Videos. Viele Motown Songs ließen sich übrigens auch als wunderbares Beispiel für gelungene Cover-Versionen heranziehen, eins meiner liebsten Themen. […]

  13. […] Number 1 “Cover”-Girl Posted on 13. Juni 2009 by mayavonderspree Manic Mayas Ausbruch über die Coverband, zu der Chloe sie einst schleppte, ist ja längst Schnee von gestern, die Liebe zu gelungen Coverversionen echter Künstler ist […]

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