Wanted gegen Wenders


Nach einer harten Arthouse-Woche (= Filme mit Open End statt Happy End) auf der Filmkunstmesse in Leipzig schloss sich Chloe gestern ihrer weniger alternativen Frauen-Kino-Truppe an. Das Credo dieses Vereins lautet: Kein Blockbuster ist uns zu Schade! In Friedrichshafen gibt es eigentlich nur ein großes Kino, das für dieses Unterfangen in Frage kommt: Das Cineplex mitten im Herzen des Ghettocenters (das Wort schnappte ich mir von ein paar vermeintlichen Locals hier auf. Anscheinend hängen viele Ausländer mit getunten Golfs vor dem Kaufland oder Fitnessstudio ab… so etwas fällt mir – jo, motherfucker! – natürlich nicht auf).

So trafen sich also weiland fünf Business Tussies, um sich die Verwandlung des Pussies Wesley Gibsons zum Profikiller in Wanted reinzuziehen. Das alleine – die geballte Handtaschenfraktion – war für die Männer im Saal schon eine Attraktion. Wenn Frauen wirklich Blicke auf sich ziehen wollen, dann sollten sie in Actionmovies gehen… Eine aus unserer Truppe schlief jedoch neben mir ein. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie das bei einer solch lauten Dolby Surround Beschallung gelingen kann. Die Frau muss extrem ausgeprägte Hemmsynapsen haben.

Ich hatte zumindest meinen Spaß. Klar war das kein Fight Club Klassiker, aber für einen Abend gut zu haben. Immerhin musste ich nicht wie in Die Stadt der Blinden panisch aus dem Saal rennen (das lag wohl auch etwas an der Fast Food Ernährung während der Messe).

Wanted umreißt alle großen Jungsthemen: Suche nach der wahren Identität (= Vater), vom Getretenen zum Helden (= Harry Potter) sowie viel Kampf und Blut (= wahre Männlichkeit). Sogar für ein kleines kafkaeskes Element hatte man etwas Mut übrig: Der Gildechef Morgan Freeman interpretiert die binären Codes eines vorseherischen Webstuhls. Seine Apostel, die Profikiller, werden dann lediglich mit der Umsetzung der Morde betraut. Wörter, die von einer Maschine gesponnen werden! Fantastisch. Gildechefs, die sich über die Vorsehung hinwegsetzen! Wer fühlt sich da nicht gleich an die Strafkolonie erinnert? Und statt dass die Ratten das sinkende Schiff verlassen, legen tausende mit kleinen Armbanduhren versehene Sprengmäuse die Weberei in die Luft! Ob sie Murat hießen, weiß man nicht. Jedenfalls fuhren sie voll auf Erdnussbutter ab.

Und was hat das alles mit Wim Wenders zu tun? Sein neuester Film „Palermo Shooting“ versucht, das zu haben, was Wanted erst gar nicht will: ANSPRUCH. Und der Schuss geht voll nach hinten los. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ungewollte Lacher im Kino vernommen habe. Jedenfalls wurde der peinliche Satz: „Lass uns die Stadt verlassen. Es könnte gefährlich werden!“ zum Running Gag der After Movie Partys („Lass uns den Film verlassen. Er könnte schlecht werden!“). Immerhin war der Film so furchtbar, dass wir uns wirklich bis heute noch darüber lustig machen können. Die Metaebene über eine ästhetische Diskussion zum Tod des Negativs zugunsten der digitalen Kunst ging uns sonst wo vorbei. Die platten Sprüche des Todes in Gestalt von Dennis Hopper und die grauenvolle Sprechstimme des nicht für die Schauspielerei geborenen Campi (so nannte Wim Wenders beim Interview seinen Zögling) übertünchten einfach alles mit Fremdscham. Ich empfinde es immer noch als Beleidigung, dass Wenders gerade diesen Film Bergman & Antonioni widmet! Bergman hat schließlich den einzig wahren Klassiker zum Thema Tod gedreht: „Das siebente Siegel“. Product Placement war ferner zur Zeit der Pest völlig undenkbar. Zeitweise glaubte ich nämlich, dass Campinos Handy der eigentliche Protagonist des Films war. Aber ein iPhone (zuletzt in Sex and the City gesehen) war es dieses Mal zur Abwechslung nicht (noch ein Unterschied zwischen Blockbuster und Arthouse).

Morgen lege ich wieder selber im Programmkino ein: Happy-Go-Lucky. Eine Frau, die chronisch glücklich ist? Da kann ich doch nur nen Filmriss bekommen…

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5 Antworten

  1. Happy Go Lucky? Geh nicht rein! Ich hab gehört, der soll unterirdisch sein. Ist aber eben nur aus zweiter Hand. Ich meinerseits war am Montag in The Dark Knight und stellte fest – ich werde zu alt für hektische Filme. Wie meine eigenen Eltern komme ich mir vor: „Was passiert da grade? Das geht alles so schnell!“ Aber meinem 2 Jahre jüngeren Bruder ging’s zum Glück auch so 😉

  2. Ich musste ja meinem Kino den Dienst erweisen!
    Keine Angst: Ich bin nicht rein, sondern brav im Vorführraum mit ner Flasche Wein versunken.
    Der Film war nicht zu ertragen!!
    Was gestern Abend nach dem Film sonst noch für ein Film abging, wage ich zudem gar nicht zu erzählen. Unfassbar, unfassbar! Das muss ich alles noch verdauen…

  3. So, jetzt nochmal richtig eingeloggt. Irgendwie dauert das wohl noch Lichtjahre, bis ich das raushabe. Stimmt, hast ja recht, da hättest Du wohl kaum nicht reingehen können, wenn Du einlegst 😉 Und dann harre ich mal Deiner Erzählungen 🙂

  4. […] ist die Messe. Links von mir das Stadtzentrum. Geradeaus kommst Du direkt zum Bodenseecenter (auch Ghetto-Center […]

  5. […] im La Scala zu stillen. Das Restaurant befindet sich in dem von mir inzwischen oft frequentiertem Bodensee-Center. Als ich die Speisekarte aufschlug, traf mich der Schlag: Die Gerichte waren eingebettet in einem […]

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