WiesnWahnsinn- Wer rettet uns vorm Dirndldrama?


Da hilft kein Jammern und kein Leugnen: der Herbst ist da. Kälte, anhaltender Regen und Chloes Erwähnungen von Apfel- und Hopfenernte sowie Kürbis in der letzten Zeit waren überdeutlich. Weil mich der Berliner Himmel heute mit goldenen Sonnenstrahlen verwöhnt, kann ich dieser Wahrheit aber gelassen ins Auge sehen.

Allerdings ereilte mich beim Sichten der Haus- und Hofzeitungen, -internetseiten und -sendungen prompt der nächste Schlag.

Denn vor das – durch den Kürbis angekündigte – Halloween hat eine böse Macht dem feierseligen Medien-Volk ein anderes Opium in den Kalender der überbewerteten Feste geschrieben: die Wies’n. Allenthalben bierlaunige Berichterstattungen über das größte aller Volksfeste. Und was könnte wichtiger sein als die Garderobenplanung für einen solchen Anlass?

Ich kann kein Dirndl mehr sehen – schon jetzt!

Reicht es denn nicht, dass wir jedes Jahr an Halloween von „Süßes oder Saures“ schreienden Kindern und fürchterlichen Motto-Partys belästigt werden? Dass nicht nur an Fasching die gesamte Nation sich Gedanken darüber macht, was unser deutsches Vorzeigemädel Heidi auf dem „Zuch“ trägt, sondern sich auch noch im Oktober jeder fragen muss, zu welchen Lächerlichkeiten sie den eigenen Ehemann auf ihren legendären Allerheiligen-Festen zwingt?

Offensichtlich nicht – vier Wochen vorher stockt nochmal eben dem ganzen Land der Atem bei der entscheidenden Frage frei nach Shakespeare:

Dirndl oder kein Dirndl?

Unter den unzähligen Statements der mannigfaltigen ABCDEFG-Prominenz haben sich zwei besonders hartnäckig nach vorne gedrängelt.

1. DIRNDL – aber was für eins

Wüssten wir nicht längst, dass Cora Schuhmacher„büchermäßig auch nicht so lesetechnisch unterwegs” (Selbstaussage in einem Interview) ist, könnte man meinen auch sie hätte sich von Shakespeares gutem alten Hamlet inspirieren lassen. Erschien sie doch – oh schreck oh schreck- mit einem Gothic-Dirndl voller Totenköpfe. Das erregte die Gemüter in den Redaktionen von Hamburg bis München doch gar sehr. Die ach so tiefgründige Erklärung dazu, zeugt von ihrem deutlich gereiften Geist:

Ich habe da den totalen Knall! Ich liebe Totenköpfe schlicht und ergreifend“, sagte sie einmal in einem Interview. „Tod gehört zum Leben. Und ich habe das Gefühl, dass Totenköpfe meine absoluten Glücksbringer sind.

Wenn doch mal einer eine einstweilige Verfügung durchsetzen würde, mit der man Coralein das Interview-Geben verbieten könnte. Ich wäre dann ausnahmsweise in diesem Fall für die Beschneidung von Freiheitsrechten. Auch weil Frau Schumacher in der Medienpause ganz ungestört noch mehr große Gedanken zum Thema Leben und Tod sammeln könnte, davon hätten alle was!

Der ganze Kunststoff, aus dem die Frau besteht, wird mich 100prozentig überleben, wenn ich dann tot bin, kann die Verfügung gerne wieder aufgehoben werden und Coras Reste können meinetwegen unentwegt weiter Blödsinn absondern.

Kommen wir zum 2. Akt der Trachtenposse:

2. KEIN DIRNDL

Vorbei sind die Zeiten in denen man sich auf die stets adrette Stoiberin Muschi verlassen konnte. Da ziehen dunkle Wolken am bajuwarischen Himmel auf, die weißblau gestimmte Volksseele ist getrübt und das ausgerechnet so kurz vor der Wahl: Marga Beckstein, die Gattin des Ministerpräsidenten „geht ohne“. Ein Skandal! Schon bangt der Focus um die Wählerstimmen des Trachtenvereins, die Süddeutsche spricht gar von Dirndl-Gate. Am Ende ist hier vielleicht eine Verschwörung im Gange. Ist die Modeberatung der First Lady Bayerns etwa von der Roten Gefahr unterwandert und soll so ganz perfide der Freistaat in den Abgrund gestürzt werden? Schon einmal scheiterte eine CSU-Frau an unpassender Kleidung (Pauli – Latex – Park Avenue).

Soll ich zum Ausdruck bringen wie absurd und bescheuert ich solche Diskussionen finde? Lieber nicht. Ich verweise nur noch einmal darauf, dass ich für all diese Informationen kein einziges Boulevardblättchen zur Hand nehmen musste. Seriös geglaubte Tageszeitungen und früher mal investigative Magazine beschäftigen sich mit der Kleiderfrage zum Oktoberfest. Das ist amüsant – klar – aber irgendwie auch ein journalistisches Armutszeugnis.

Als Kommentar ziehe ich hier einfach zwei Joker:

Erstens

Whatever doesn’t kill you simply makes you stranger„,

und zweitens

„In welchem Land leben wir?“

Es ist ganz offensichtlich:

Style ist die neue Politik!

Deshalb wollen wir bei Spreesee natürlich nicht hintanstehen. Da heulen wir doch gnadenlos mit den Wölfen und zeigen hier, dass wir bereits im Juni das schönste Fescht-Accessoire entdeckt haben, auf das von der First Lady bis zum Boxenluder keine mehr verzichten sollte:

Ein Filzanstecker in Form des volksfesttypischen Lebkuchenherzes. Für Politikerehefrauen geeignet, da unaufdringlich und doch volksnah, für Boxenluder ebenso ideal, da völlig kalorienfrei…


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8 Antworten

  1. Uh. Ich war eine Trommlerbraut, bis April 2007… ansonsten, wer kann keine Dirndl mehr sehen? In Berlin? Ich wohne in Dirndl-City! 😉

  2. Dir gehört mein ganzes Mitleid – oder hat das Virus dich auch befallen?

  3. Maya, Du hast mir ein Thema quasi vor der Nase weggeschnappt!! Wenn, dann bin ja wohl ich hier unten im Süden extrem vom Dirndl-Wahn betroffen. Von Single-Mom weiß ich zumindest, dass sie schon zwei Dirndl besitzt. Alle meine weiteren Freundinnen, die nach München gezogen sind, haben sich auch schon zum Kauf eines Dirndls durchgerungen. Man geht anscheinend mit der Firma zum Zeltausflug. Ohne Dirndl aufzutauchen ist quasi Karriere schädigend! Fast als würde man am Skilift im Bikini stehen. Völlig daneben…

    Ich weigere mich weiterhin, beschürzt den männlichen Schürzenjägern als Projektion ihrer „ordentlich Holz vor der Hütten“-Phantasien zu dienen.

    Seit Wochen muss ich mich etlicher „Welche Farbe soll mein Seiden-Dirndl haben, damit so viele Schürzen wie möglich kombiniert werden können“-Diskussionen unterwerfen. Viele meiner See-Freundinnen verreisen mitten in der Nacht mit dem Zug gen München, um am Wochenende um 7.00 Uhr in der Früh (ungelogen!!) in ein Festzelt zu kommen. Bier gibt es aber erst ab 11 Uhr. Ich verstehe das ganze einfach nicht… Was für eine Tortur, nur um die Menschheit auf grünen Wiesen kotzen sowie ausnüchtern zu sehen!

    Zum Dirndl als solches pflegte ich in frühester Jugend jedoch doch ein sehr inniges Verhältnis. Während Du Dir seit Jahren einen Migrationshintergrund antrainierst, versuchte ich deutscher als die Deutschen zu sein. Eines Tages ging der Traum in Erfüllung! Meine Eltern kauften mir und meiner Schwester ein blaues Dirndl mit weißer Schürze. Dazu kombinierte ich (der Herbst ist bekannterweise sehr stürmisch… haha!) rote Strumpfhosen. Was an Kindern süß ausschaut, ist mit fortschreitendem Alter aber nicht wirklich zu er-tragen. Obwohl ich hier unten in der Tat – Weinfeste, Bockbierfeste oder sonstige Feschtle – etwaige Gelegenheiten zum Walk of Dirndl hätte, rette ich mich vor der Geschmacksverirrung mit diversen Entschuldigungen: keine Zeit, keine Geld, kein Laden in der Gegend.

    Ich habe nämlich tatsächlich Angst davor, dass ich sonst wieder rückfällig werden könnte. Ich traue mich nicht einmal, eine Schürze probeweise umzubinden. Du warnst mich ja auch immer vor dem „Bindungshormon“.

  4. Ja Dirndl ist in und zweifellos gibt es auch ganz tolle- von mir aus darf man das ja auch gerne anziehen, ich möchte nur nicht in allen Medien davon unterrichtet werden, wer was warum trägt oder nicht trägt! Deine Dirndl-Erfahrung hingegen interessiert mich natürlich sehr. Gibt es davon Fotos? Die würde ich gerne sehen!
    Meine eigene Kindheit birgt übrigens auch Trachtenerlebnisse, so war ich im Besitz einer reizenden knielangen Lederhose mit Hirschhornknopf, die ich besonders im Herbst gerne auf Wanderausflügen trug. Auch meine frühen Lyrikstudien bezogen sich auf das Beinkleid aus Tierhaut – vor den zu Tränen gerührten Augen meines Vaters rezitierte ich im Alter von acht Jahren gerne meine Lieblingsballade „Die Lederhosen-Saga“ von Börries Freiherr von Münchhausen (keine Anspielung! Der Schöpfer dieses Kleinods heißt wirklich so).
    Ein Dirndl kam jedoch nie vor, was bin ich glücklich, dass meine Eltern mich so Gender-offen erzogen haben…vielleicht haben sie aber auch einfach mit scharfem Auge früh erkannt, dass mir der Dirndl-Look fehlt.

  5. […] in 26. September 2008 von chloevomsee Jetzt muss ich doch aus einem Kommentar zum Dirndl-Diskurs gleich einen neuen Blog-Eintrag machen. Maya, Die “Lederhosen-Saga”? Das ist völlig […]

  6. Hm, da ich nun erst seit heute wieder in den hiesigen Breitengraden bin und auf den Cannstatter Wasen niemals mit Dirndl gegangen wäre, ich mir nicht zuletzt nicht sicher bin, ob das letztes Mal schon knalleng sitzende Ding nach der Schwangerschaft noch passt und zuletzt ich einen Babysitter organisieren müsste, um danach wieder nach Rauch stinkend duschen zu müssen (kein Rauchverbot in Zelten… ) und ohnehin doch nur das Gleiche wie in all den Vorjahren gesehen zu haben, würde ich sagen: Nein, kein Virus. Letztes Jahr, schwanger, schon nicht mehr so ganz („alkoholfreies Radler“, dafür kriegt man noch bösere Bedienungs-Blicke als für „Radler“.) Dieses Jahr gar nicht mehr. Zum ersten Mal seit acht Jahren! Davon vielleicht drei in zumindest ab und zu einem Dirndl. Harry Potter im Regal, kurzes Dirndl im Schrank… ich bin ja sowieso für meine geschmacklichen Entgleisungen bekannt.

  7. […] was sich die Nachbarn eigentlich denken. Diesen ganzen Wahnsinn auch noch zu unterstützen!!! Meine Missbilligung der alljährlichen Promi-Kostümparade habe ich ja schon an anderer Stelle kundgetan. Und nun auch noch das. Nicht nur, dass ich das […]

  8. […] –  Trost zu finden, setzte mir nur noch mehr zu: TRACHTEN-Specials allüberall. Der Wiesnwahnsinn beginnt also aufs Neue und ich muss mich der Realität […]

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