Der SpreeSee Ehrenpreis für die zickigste Diva geht an…


Marcel Reich-Ranicki, den Mann mit dem Literaturgeschmack aus dem vorletzten Jahrhundert, dessen Streitlust und Meinungsfreude im längst begrabenen „Literarischen Quartett“ durchaus mehr Spaß machten, als die grausige Betulichkeit der netten Tante Elke es je könnte.

Wir wussten es schon immer: Zickigkeit und Diven-Attitüde sind ein menschliches und nicht etwa rein weibliches Phänomen. Von Eitelkeit bräuchte man eigentlich gar nicht erst anzufangen!

Was haben wir da gestern von unserem Lieblingstroll erleben dürfen, der den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk erst ablehnte, um ihn dann doch mit nach Hause zu nehmen?

Ein 1A- Diven-Auftritt. Egozentrisch, witzig, widersprüchlich, ein bisschen tuberkulös – nur die Erotik ließ zu wünschen übrig.

Natürlich gefällt es selbst ähnlich veranlagten Menschen zunächst, wenn einer sagt:

„Ich gehöre nicht in diese Reihe. Ich finde es schlimm, dass ich das hier heute Abend erleben musste.“

Wie oft musste ich diesen Satz schon sagen, um – mir völlig unpassend und anmaßend erscheinende – Avancen niveau- und wahlloser Männer abzuwehren! Auch Chloe kann ein Lied (genauer gesagt ein Chanson) davon singen, wie es ist, wenn man sich durch (Ver)Ehrung eher beleidigt als gepriesen fühlt.

Nur im Gegensatz zu unseren tristen Erfahrungen hätte sich Mr. Literaturpapst dem ja entziehen können!

Dass man ganz andere hübsche Sachen mit dem Fernsehgerät machen kann und nicht unbedingt hineingucken oder aber drin erscheinen muss, bewies ein kreativer Berliner, der dieses TV-kritische Stillleben auf meinen gestrigen Weg zauberte:

Massive und nie gehörte Medienkritik auf Berliner Straßen

Ganz anders der Preisträger, Nicht-Preisträger, Doch-wieder-Preisträger! Nichts und niemand außer der eigenen Eitelkeit und der inneren Rampensau zwangen ihn dazu, sich das mistige Stückchen Fernsehgeschichte anzutun, über das er sich so hustenreich ereiferte. Er behauptet, er hätte nicht damit gerechnet, dass ihn so ein „Blödsinn“ erwartet – das mag ich ihm nicht so ganz abnehmen! Schließlich war das nicht der erste Fernsehpreis, den es je gab und in seiner Rede machte Reich-Ranicki ja selber deutlich, dass er durchaus ein Kenner der TV-Programme ist und deshalb gar nicht völlig überrascht vom bösen Moloch rund um seinen Bildungs-Elfenbeinturm sein kann.

Doch es kam noch viel besser, denn auf die Ablehnung des Preises folgte ja die ellenlang zelebrierte Versöhnung. Unser aller Gold-Tommy (ich kann ihn einfach nicht hassen, so sehr ich es auch will, weil er zu eng mit Gummibärchen verbunden ist) machte dem eitlen Nörgler ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: eine eigene 60-minütige Fernsehsendung, bei der die Gründe für die Zurückweisung des Preises beleuchtet werden sollen.

Ob diese Veranstaltung, die tatsächlich sogar schon bald stattfinden soll, aber die Rettung des intellektuellen deutschen Fernsehprogramms sein wird, bleibt zu bezweifeln.

Marcel Reich-Ranicki als Messias der Television? Wohl kaum. Denn er raubte mir, einer bildungshungrigen jungen Frau mit den besten Wünschen und Absichten, bereit wie ein Schwamm all seine goldenen Weisheiten aufzusaugen, mit seiner Schlussanekdote den letzten Nerv.

Ich war gespannt, maynte was mag jetzt wohl kommen, wie wird er mich belehren?

Und was folgte war nur eine ellenlange Einleitung, die einzig dazu diente, Gottschalk das DU anzubieten. Na toll!!! Wenn damit das Fernsehen gerettet werden soll, dass man zur öffentlichen Anbahnung von Duz-Beziehungen Karajan-Geschichten bemühen muss, dann sollte man es vielleicht doch lieber zu Grunde gehen, oder jemand anderen den Retter spielen lassen.

Marcel Reich-Ranicki als Diva? Unbedingt. Viel Getöse machen, stören, sich ordentlich hofieren lassen, im Mittelpunkt verweilen, so lange es nur irgendwie geht und den Preis am Ende doch einsacken.

Davon können Aufmerksamkeitsjunkies nur lernen…

Viva la diva!

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4 Antworten

  1. Marcel RR? Der lebt noch? Ach ja, das war ja so ein anderer Wichtigtuer, der am Wochenende ordentlich einen fahren ließ…

    Zum Glück sackt Chloe ihre falschen Verehrer nicht nach Ranickier Manier am Ende doch noch ein. Diese Enttäuschungen beleidigender Trophäen geb ich mir nicht. Ein Abgesang bleibt ein Abgesang.

    Oder hat Marcel auf einmal gemerkt, dass er ohne die schöne Preisskulptur nicht mehr leben mag? Wäre nicht der erste Mann, der plötzlich Dinge, die er tragen könnte, vermisst… okay, das ist ein schrecklicher Insider. Nur Maya kann jetzt herzhaft lachen.

    Ade vom See – Chloe.

  2. …und wie ich lache, es ist einfach zu komisch. Ich setze noch nen Insider drauf. Vielleicht hat die Jury ihm den Preis gar nicht wirklich verliehen, sondern nur zum Halten überlassen…

  3. […] sich ihr Anführer, der große Papa Schlumpf, in Höhen der Medienkritik aufschwingt, von denen ein Reich-Ranicki nur träumen […]

  4. Hahaha – und jetzt auch noch das: nach dem Divenauftritt und der Preiszurückweisung kam die anschließende völlig sinnlose Diskussion „Aus gegebenem Anlass“ unter dem Moderatoren- und dem Kritikerveteran kaum in Gang. Da hätten sie mal lieber andere rangelassen. Neue Erkenntnisse und Vorschläge für ein besseres Fernsehen gab es dabei kaum: dass Schiller auch für Unterhaltung war, wussten wir bereits, auch dass Brecht nicht der schlechteste Dichter war und Shakespeare mit Macht, love, sex and crime ganz gut für alle Volks- und Bildungsschichten rezipierbar ist. Was dem alten M R-R bisher entging, da gibt es schon eine Menge Filmadaptionen und für diese sind – ganz anders als der Tommy, der offensichtlich eine sehr schlechte Meinung von der Aufnahmefähigkeit der Menschen hat – die Leute keinesfalls zu blöd. Was denkt sich Gottschalk eigentlich, wenn er behauptet, man könne das den Zuschauern nicht vorsetzen, sie würden das nicht verstehen. Publikumsbeschimpfung reloaded? Oder sind seine eigenen Kinder etwa das Maß aller Dinge für ihn?

    Na ja – worauf ich eigentlich hinauswollte:
    Ein Gutes hat die ganze Fernsehpreis-Farce – die Tante Elke geht!
    Frau Heidenreich hat doch nun wirklich lange genug das Amt der wichtigsten Literaturloberin im deutschen Fernsehen inne gehabt. Jetzt wollen wir doch mal was anderes „lesen!“ und nicht mehr mit Imperativen von der Oberlehrerin befeuert werden.

    Vielleicht wird damit der Weg für eine bessere Literatursendung frei, vielleicht für eine etwas streitbarere, eventuell könnte man bei der Konzeption die intellektuellen Jubilare miteinbeziehen
    bei Maya grünet Hoffnungsglück!

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