Maya im Feindesland


Während europaweit die Nacktscanner-Diskussionen hochkochten, musste ich mich mit ganz anderen Widrigkeiten herumschlagen. Zwecks Familienbesuchs und Feier einer Schnapszahl in die Mutterstadt gereist, sah ich mich nicht nur der Taschen-WG ausgesetzt – nein, der gut gefüllte Kühlschrank meines Gastgebers war auch mal wieder umgezogen. Er steht jetzt in einem schönen südlichen Teil des Kessels.  Als hochdekorierte Soldatin der Großstadtinfanterie begab ich mich natürlich sofort auf einen Kiezerkundungsmarsch. Chloe chlaubt auch, dass man als Neuzugang die Vorzüge eines Bezirks viel klarer erkennen kann, so ging es ihr ja ebenfalls als Späherin am See.

Im Vorfeld hatte ich erfahren, dass die Gegend Globetrotter und Kosmopoliten an Brooklyn Heights, NYC, erinnert. Ein Vergleich, der sicher nicht zu kurz gegriffen ist, dachte ich. Erwartungsvoll machte ich mich also auf den Weg, stolz im Stuttgarter Pendant des Ortes zu weilen, der bereits Truman Capote und Arthur Miller inspirierte und neugierig, ob die Backsteinumgebung auch mich zu Höhenflügen tragen könnte. Welch schicksalhafte Ironie…denn ich hatte ja keine Ahnung unter was für einer unseligen Herrschaft das ganze Gebiet steht.

Erste Parallelen der Partnerkieze – neben dem Baustoff der Häuser – begegneten mir beim Versuch lang entbehrtes schwäbisches Backwerk (während der teuflische Seelenhandel inzwischen bundesdeutsch geworden ist, gibt es guten Zwiebelkuchen in Berlin eigentlich nur bei wenigen Anbietern, zum Beispiel bei Jos Lars Soederbaum, ich war also ausgehungert nach dieser stinkigen Delikatesse) zu kaufen :

Brooklyn Heights wird gerne als America`s First Suburb bezeichnet und auch in Heslach sind die Öffnungszeiten eher vor– als städtisch:

„Montags Ruhetag“

Außerdem deutete die liebevolle Fassadenmalerei darauf hin, dass das Essen hier am Rande der Stadt noch gut vor wilden Tieren geschützt werden muss:

Mutiger Bäcker rettet Nahrung unter Einsatz seines Lebens

Nun gut, mit dieser Erkenntnis und noch immer knurrendem Magen aber fortan besser auf der Hut, ging die Erkundung weiter – und ach – was musste ich da sehen! Die Bedrohung kommt nicht nur von Seiten des Wildes, auch die domestizierten Tiere sind große Gefahrenquellen:

Trojanische Gäule schleusen Gift in den Kessel, das träge, dick und dumm macht...

Ein paar Schritte weiter hatte ich die Gewissheit, ich war tief im Feindesland und es gab keine Entrinnen! Nur eine Straße weiter von Charlys Behausung befanden sich die Giftmischer, die böser und erfolgreicher sind als Gargamel. Hier wird das schlimme Getränk hergestellt, das mich immer so komisch macht und Chloes Opium am See ist. Mein Freund wohnt in direkter Nachbarschaft zur Hopfen verarbeitenden Industrie! Aller Hunger war natürlich vergessen, Panik und Enttäuschung überkamen mich.

Brooklyn Heights – dass ich nicht lache, hier wird nicht das Literatentum in pittoresken Rowhouses gepflegt, die Backsteinhäuser beherbergen stattdessen Bierbrauereien und so genannte „gemütliche Raucherkneipen“ aus denen der Biermief schon um 10 Uhr morgens herauswabert und empfindlichen Mayas den Atem nimmt. Von hier aus wird der Getränkemarkt professionell mit dem fürchterlichen Gebräu überschwemmt. Unauffällig begab ich mich auf den Rückzug. Hier war für mich nichts auszurichten, dieser Übermacht konnte ich mich unmöglich alleine entgegenstellen. Jedoch schaffte ich es noch eine wichtige Enthüllung festzuhalten:

Aliens stecken hinter dem Biergeschäft

Auf einer schön bewachsenen Backsteinmauer hatte es sich ein außerirdisch aussehendes Wesen aus Metall gemütlich gemacht und genehmigte sich einen Krug mit dem Gesöff. Nun wurde mir Einiges klar! Nicht nur ist Bier einfach kein Produkt, das für menschlichen Verzehr geeignet ist, sondern es ist vielmehr Bestandteil eines fiesen Eroberungsplanes feindlicher Aliens, die die Welt damit gefügig machen wollen…die männliche Bevölkerung haben sie schon fast vollständig in ihrer Hand. Darauf hätte man auch kommen können, wenn man mal an die Werbung zurückdenkt, mit der der Verkauf gefördert werden soll.

Als einzige Möglichkeit die feindliche Übernahme des blauen Planeten durch Bieraliens zu verhindern tat sich die Allianz mit dem Planeten Moet auf. Allerdings richtete auch dieser, sorgfältig von der Stuttgarter Crew ausgeführte, Gegenschlag schwere Kollateralschäden in meinem Körper an, so dass die gesamte Rettung der Welt im Getränkekrieg noch einmal überdacht werden muss. Beim Gipfeltreffen zogen Chloe und ich ein paar Tage später in eine weitere Schlacht mit Hilfe von Wasser und viel rhythmischer Bewegung – ich denke diese haben wir gewonnen. So kann erst einmal Entwarnung gegeben werden.

Zurück in Berlin frage ich mich bei allen taktischen Überlegungen aber sowieso, ob meine Einschätzung der Situation durch den erhöhten Science Fiction-Konsum, der in Charlys Haushalt herrscht, geprägt war…

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4 Antworten

  1. Liebe Maya,

    Du bist und bleibst die wahre „Rasende Reporterin“: stets rasend vor Wut entspringen Dir die schönsten Reiseberichte.

    Ich bedanke mich auch nochmals für die schöne Tanzstunde auf der Theodor Heuss.

    Chloe grüßt vom See, der noch weiter feindlich gelegen ist als Stuttgart.

  2. Danke danke – rasend bin ich ja tatsächlich fast immer, diesmal weniger vor Wut und mehr vor Alien- und Bier-Paranoia aber der Grund ist ja eigentlich auch egal – Hauptsache schön geschimpft.
    Die Tanzstunde hat mir auch sehr gefallen, dabei hätten wir das – streng nach dem Nyanja Sprichwort, das Krachts „Ich werde hier sein…“ vorangestellt ist – ja gar nicht nötig!

  3. […] kostete!) lässt sie mich nämlich nicht nach Indien. Noch eine rasende oder gar tollende Reporterin können wir auf SpreeSee schwer […]

  4. […] Veröffentlicht in 5. November 2008 von mayavonderspree Kaum war ich zurück aus dem Feindesland wartete Jos Lars mit diversen Vorschlägen für die anspruchsvolle Abendgestaltung auf. Unser […]

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