Der erste Schnee am See


Seit Tagen tröpfelt es monoton vom Himmel. Die erste Depression wollte mich schon einholen, als ein Amazon Paket mir wieder kurz vor Schluss das Leben rettete. Die aufbauende Lektüre „Ich bin ein Philosoph, der fühlt“ stammt von Waslaw Nijinsky. Die Tagebuchaufzeichnungen des berühmten Tänzers und Schizophrenen Anfang des letzten Jahrhunderts brachten mich gleich zu Beginn zum Lachen:

Die Schweiz ist krank, denn hier steht Berg an Berg.

Mein prüfender Blick gen Übersee war jedoch ob des Nebels betrübt. Die Schweizer Berge sind in letzter Zeit sehr scheu und kleiden sich in einem weibischen Watteschleier. Die Diva unter ihnen, der Säntis, ließ sich dieses Jahr kaum blicken.
Höchste Zeit also mit meinen echten Diven mal wieder zu dinieren. Spontan trafen sich gestern Abend vier Single-Seeerinnen zum „Svabian Storytelling in Swamp Regions“. Unsere scharfe Gastgeberin kochte vorzüglich und der Wein floss reichlich. Nur nicht für mich, die für ihr kleines Blutbild am nächsten Tag nüchtern bleiben sollte. Chloe nutzte ferner die Gelegenheit und nahm heute Morgen auch noch einen zweiten Stich in Kauf: Rabipur. Nein, Chloe hat jetzt nicht nen vollen Knall und lässt sich von einem Rabbi namens Pur (ein echter muss doch zumindest „Rosentreter“ heißen) bekehren. An Rabipur ist Maya Schuld: Ohne Tollwutimpfung (die mich trotz einer kleinen Ermäßigung dank meines Apothekerfreundes gleich drei Chanel Lidschattensets kostete!) lässt sie mich nämlich nicht nach Indien. Noch eine rasende oder gar tollende Reporterin können wir auf SpreeSee schwer verdauen.

Zurück zum Abend: Natürlich unterhielten wir uns nur über das andere Ufer. Nein, nicht die Schweiz, sondern Männer. Ferner hatten wir uns für diesen Spaß sonderlich vorbereitet. Jede hatte ein paar Exemplare aus ihrem Portfolio als Foto mitzubringen. Das mit der Physiognomie ging so daneben, dass wir am Schluss auf lustiges Memory setzten. Unser Resümee: Das Jahr war zwar spannend und unterhaltsam, aber richtig was bei herumgekommen ist dann ja auch nicht. Chloe lässt in ihr Schlafzimmer weiterhin nur Philosophen rein. Sie hätte gar nicht gedacht, dass der Faun neben seinem Tanz auch noch so schön Wort hielt. Ein starkes Stück Literatur!

Mit Männern kommt Chloe also doch zurecht, solange sie halt mindestens 50 Jahre lang tot sind… Trällernd zu Charlys Tape flogen Chloe auf dem Heimweg im Auto Flocken entgegen: Nach Regen folgt Schneeglitzern.

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7 Antworten

  1. „Oooohoo – Hohe Berge“

    Zunächst einmal (und nicht nur weil ich gestern bei einem Vortrag der Judith Butler- Schülerin Cynthia Kraus über Gender Studies und Feminist Theory unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechtsbestimmung bei Fruchtfliegen [keine Scherz- nicht die Schweiz sondern die Uni ist der Hort der spaßigen Verrücktheiten] war) muss ich darauf bestehen, dass das kein Tape von Charly, sondern ein Popkonsulat-Demo, das heißt von Charly und Maya ist. Der Mann ist nicht Brecht und ich bin keine stille Zuarbeiterin!
    Genug der Gender Trouble-Kampfesworte…oder doch nicht, jetzt mal vice versa:
    Ihr Lady-Chauvis am See spielt Quartett mit den Fotos aktueller Kandidaten? Und du behauptest, dass du nur mit toten Männern klar kommst. Von wegen: du würdigst die Jungs einfach nur schamlos zum Renommierobjekt und Einsatz im Kartenspiel herab! Skandal.
    Ich stelle mir das vor, wie in der Grundschule:

    Seefrau1: „Meiner hat mehr Hubraum, aber dafür verbraucht er auch mehr…“

    Seefrau2: „Wie schnell kommt deiner von 0 auf 100?“

    Seefrau1: „Vom ersten Date zum ersten Sex in nur 4 Stunden!“

    Seefrau2: „Das sticht, meiner brauchte 2 Tage!“

    Wow – ich fürchte, der See braucht dringend nen Männerbeauftragten…

  2. Ach ja – und ich finde es nach wie vor wichtig, geimpft nach Indien zu fahren. Hoffentlich bist wenigstens du nicht nur gegen Tollwut, sondern auch gegen allzu spirituelle Anwandlungen immun. Nachdem Rabipur vom Apotheker und dem Rabbi-Exorzismus, den ich einst sokratisch an dir ausübte, weiß ich nicht, wie wir dich vor Buddha, Brahma, Vishnu, Shiva und der ganzen Götterclique schützen sollen … außer vielleicht mit dem Argument, dass du echt gerne Kühe isst.
    Übrigens, dass du mich als schwer verdaulich beschreibst, nehme ich als Kompliment – wer möchte schon gerne leichte Kost sein?

  3. Haha, genial. Bei der Form von Quartett würde ich sogar auch mal gerne mitspielen. Wie alt dürfen die Männergeschichten denn sein?

  4. Maya maynt: Männer verjähren nicht!
    Darum archivieren Chloe und ich schon lange fleißig, damit mir als alte Damen im Jahr 2050 gemütlich unser ganzes Liebesleben beim Quartett ausspielen können. Vom Sandkastenfreund bis zum Kurschatten kommt dann alles auf den Tisch. Bist natürlich herzlich eingeladen!

  5. Männerbeauftragte? Hallo? Jahrelang wurde mir von Männern eingeredet, dass Frauen gefälligst nicht zu schreiben haben (Bob Dylan, Torben, Goethe etc.) Jean-Jacques Rousseau verbat sogar das bloße Lesen. Ferner wurde unser ganzes Frauenbild jahrelang verzerrt, da wir nur Frauen aus Männerfedern fühlten (Storms Effi, Flauberts Bovary, Tolstois Karenina). Was die Fruchtfliege dazu noch beitragen kann, weiß ich nicht zu sagen. Aber die Arme muss auch immer für alles herhalten.

    Meine feminine schreibende Seele hat ab sofort nichts mehr zu verbergen. Sollen die Männer doch erfahren wie wir wirklich sind. Davor haben sie ja eh Angst (Hexe oder Heilige !), da sie selber nie mit ihren Kumpels derart intensive Gespräche über Frauen führen. Wir zerpflücken und spielen. Von mir aus auch Quartett. Nehmt Euch nicht zu wichtig Ihr Genies da draußen!

    @Maya: Lass mal ne Vorlage für die Karte entwerfen. Ich füge noch hinzu: Neurosen, Musikgeschmack, Beruf, Größe, Bildung, bescheuerte Geschenke, Hassklamotte, Sprachfehler…

  6. Von der Fruchtfliege, genau wie von Judith Butler, können wir lernen, dass nicht nur Gender, sondern auch die Erforschung des biologischen Geschlechts (=sex) kulturell konstruiert sind. Darum schluss mit strukturalistischer Einteilung in binäre Systeme. Weder können Männer schreiben, noch Frauen nicht, noch umgekehrt. Manche Menschen können’s, manche nicht! Fertig.
    Das Quartett bietet unendlich viele Möglichkeiten. Ich fürchte wir können jeden Wochentag eines mit anderen Kategorien spielen. Häufigkeit der Rasur, Klammerfaktor, Tanzstil, Handtaschenteilhabe, Schlafverhalten – und Lautstärke, Kochkunst, Lieblingsfernsehsendung, Freunde, Verhältnis zu den Eltern, eigene Vaterschaft …

  7. […] das natürlich über alles wünschte. Kindergärtnerin war aber nie ihr Traumberuf gewesen und im Männerquartett ließe sich mit diesem Exemplar niemals ein Stich […]

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