Gerdas Schweigen – unbedingt anschauen!


Kaum war ich zurück aus dem Feindesland wartete Jos Lars mit diversen Vorschlägen für die anspruchsvolle Abendgestaltung auf. Unser Kommilitone der ersten Stunde macht dem Geschichtsstudium alle Ehre und ist staatlich angestellt in der Erinnerungskultur tätig, daher hat er auch immer die besten Insidertipps für tiefgründige Events und so auch diesmal.

Der erste Streich war die Kino-Premiere des Dokumentarfilms „Gerdas Schweigen“ heute Abend in der Kulturbrauerei. Ein Fim über die ganz besondere Geschichte einer Auschwitz-Überlebenden.

Beim Thema Shoah geht es mir offen gesagt oft wie dem guten alten Walser, ich frage dann gerne: „muss das wirklich? hatten wir nicht schon?“

Na ja – diesmal ließ ich mich gerne überreden, denn die schlagenden Argumente hießen:

Knut Elstermann – der Kino King bei einem meiner Haus und Hof-Radiosender, Radio Eins – hat die Buch-Vorlage für den Film geliefert. Wer selber Kino-Kritiker ist und so ein guter, der wird sich nicht die Blöße geben und mit einem mittelmäßigen Machwerk aufscheinen, dachte ich mir.

Premiere – ich liebe Premieren! Die sind immer gut und von illustrem Publikum besucht, erinnern mich an meine Filmfestival-Zeiten, weil da immer so eine Aufregung herrscht und wenn alles nichts war, dann gibt es am Ende auf jeden Fall umsonst was zu trinken.

Beide Punkte haben sich im Nachhinein bewahrheitet: Die Elstermann-Filmvorlage und sein Auftritt waren gut, Publikum und Premierenstimmung waren gegeben und einen Sekt gab es hinterher auch.

„Gerdas Schweigen“ hat all das aber gar nicht nötig, der Film behandelt ein wahnwitziges Einzelschicksal einer faszinierenden Frau, deren Charme, Witz und Lebensmut trotz grausamster und traumatischer Erlebnisse ungebrochen ist. Die Story von Gerdas Verfolgung, Inhaftierung und auch ihres Umgangs mit der Erinnerung reicht für drei Romane und ich werde sie hier nicht rekapitulieren, das macht der Film ja ganz hervorragend. Diese Frau hatte sich vorgenommen den Auschwitz-Teil ihrer Lebensgeschichte mit ins Grab zu nehmen, wie das Hautstück mit der tätowierten Häftlingsnummer, das sie sich entfernen lassen aber nicht weggewofen hat. Dem neugierigen Elstermann, bei dessen Verwandtschaft Gerda quasi aufgewachsen war, ist es zu verdanken, dass Gerda ihr Schweigen doch gebrochen hat – ein Glück, denn ihr Reden ist oral history at its best.

Mir jagt es immer noch einen Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wie sie vom Auswahlverfahren des Dr. Mengele berichtet, der über direkten Tod der Auschwitz-Häftlinge durch Gas oder aufgeschobenen Tod durch Arbeitslager entschied und ihn im Nebensatz mit dem Attribut „handsome man“ versieht.

Besser kann man die ganze Verschleierungssprache von „Katastrophe“ und „Monstern“ nicht unterlaufen, die gerne benutzt wird um so zu tun, als seien Nazi-Verbrechen nicht von dieser Welt gewesen. Sie waren durchaus diesseitig und die Verbrecher waren ganz normale Menschen – hey – manche sahen sogar gut aus. Ihr Verhalten war nur so unvorstellbar grausam, dass man sie leicht als „unmenschlich“ bezeichnet.

Der enorme Wert dieses Films liegt aber darin, dass er dem Zuschauer genau so viel und noch ein bisschen mehr zumutet, als eigentlich auszuhalten ist, berührt und dabei dennoch wunderbar konsumierbar, ja sogar schön bleibt. Wie das funktioniert ist wirklich beeindruckend und mir noch nie begegnet.

Die Inszenierung der beiden Städte- Berlin und New York- wo Gerda herkommt und wohin sie emigrierte, ist in Bild und Musik einfach herrlich anzusehen. Dank der Meta-Ebene, in der Elstermann erzählt wie es zur Themenfindung kam, wie er Gerda langsam zum Sprechen bringen konnte und wie er sich auf die Spurensuche nach den Hintergründen begab, hat man als Zuschauer Zeit durchzuatmen.

Ein toller Film, den man sich unbedingt anschauen sollte und der ganz nebenbei auch dazu animiert (ganz unabhängig vom Shoah- und Nazi-Thema) vielleicht mal wieder die eigene Oma anzurufen.

Ab 6. November im Kino.

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3 Antworten

  1. Hallo Maya,

    auf der diesjährigen Filmkunstmesse in Leipzig wurde mit etlichen Filmen zu Israel & Judentum bewiesen, dass diese „Monster“ ihr Ziel, die jüdische Kultur auszumerzen, nicht erreicht haben. Wenn ich mich so recht erinnere, gab es eigentlich kaum einen Film, der nicht irgendwie etwas mit Judentum zu tun hatte… Falls das Sujet nicht jüdisch war, so waren es zumindest die Künstler. Z.B. Dany Boon in der Komödie „Willkommen bei den Schtis“ – Kann ich aber nicht empfehlen. Musste nicht ein einziges Mal lachen. Okay, vielleicht aus Befangenheit – ich wurde ja auch sozusagen beruflich ans Ende der Welt versetzt und muss mich mit den Schwoben statt Schtis herumschlagen. Die sprachliche Lautverschiebung scheint sehr ähnlich zu der französischen verlaufen zu sein…

    Gerdas Schweigen zeigen wir hoffentlich in unserem Programmkino am See. Die Filmauswahl läuft heute Abend und der Film ist vorgeschlagen. Nach Deiner tollen Rezension würde ich mich um so mehr freuen, diesen Film einzulegen und später zu genießen.

    Ade vom See

    Chloe

  2. Interessant, ich mache diesmal wieder das abweichende Gegengewicht und sage, „Willkommen bei den Shtis“ fand ich ziemlich witzig. Hab ihn allerdings OmU gesehen, das ist bei einem Film, der hauptsächlich in Dialekt ist, glaube ich, unabdingbar… er funktioniert nur vor dem Hintergrund der ganz eigenen Identifikation der Franzosen mit ihrer Landkarte oder eben dem Mangel genau daran. „Gerdas Schweigen“ habe ich noch nicht gesehen, meine Begleiterin zu „Willkommen…“ allerdings schon, und sie meinte, er sei für sie niederschmetternd gewesen. So liegt alles im Auge des Betrachters… aber das ist ja eh klar.

  3. Das ist gar nicht so abweichend – natürlich ist „Gerdas Schweigen“ niederschmetternd, wie könnte er es nicht sein, bei dem Thema. Aber im Gegensatz zu ähnlichen Projekten ist er eben mehr als das.

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