Chloes Netz-Werke: Federball für Anfänger


Ich sehe schon, Maya, die brav unsere Blogger-Fahne am Wochenende hochhielt, hat sich wieder völlig mit der Realitätsaufnahme via Monitor begnügt.  

Chloe, die sich laut Maya für nichts zu Schade ist, geht weiterhin auf Konfrontationskurs mit der greifbaren Welt da draußen. Nur da ich schlecht nebenher Notizen machen oder gar gleich mittippen kann, erreichen Euch die neuesten Neuigkeiten leider nur mit einer kleinen Verzögerung. So auch folgender Vorfall: 

Beim Klettern werden ja bereits etliche Muskeln in Anspruch genommen, dennoch chlaubte Chloe Mitte letzter Woche, sie solle auch zur Abwechslung ihre Rückhand trainieren. Google spuckte auf ihre Anfrage hin ein öffentliches Federballtraining in einem hiesigen Verein aus. Wann hatte ich wohl zum letzten mal Turnhallenflair genossen? Jedenfalls packte ich meinen Beutel und begab mich doch etwas eingeschüchtert (ob die Vereinsleute wohl wieder sofort meine Akzentabstinenz bestaunen?) an den Spielort. Die fehlenden Geschlechtersymbole an der Umkleidetür ließen mich kurz abschrecken. Nackten Männern wollte ich sicherlich nicht unter der Dusche begegnen. Der Profiler in mir trieb mich aber einem Dr. Gadget gleich ans Schlüsselloch. Auf einer Umkleidebank befand sich ein Haartoupée. Bei näherem Betrachten stellte es sich als weibliches Skalp heraus. Hinein ging es also trotz erster Hürde. Haartoupée…? Bei dem Spiel fliegt wohl jeder Fetzen. 

Nach einer kleinen Anweisung durch den Vereinsleiter sollte ich auch schon meine ersten Matches bestreiten. Mein Debüt bestritt ich mit einem 60-jährigen Mann in knappen roten Adidas-Shorts. Er war über die Losung mit einem Anfänger spielen zu müssen derart empört, dass er mich mit hoch rotem Kopf über den ganzen Platz hetzte. Zum Abschluss warf er mir auch noch folgenden Satz zu: 

Warst Du früher im Ballett? Du tänzelst so akrobatisch in der Luft nach dem Ball.

Das bohrte tiefe Turnhallenschürfwunden in mir auf! Bereits meine alte Sportlehrerin (irgendeine Olympionikin der rhythmischen Gymnastikdisziplin) diffamierte mich vor dem gesammelten Abi-Jahrgang mit ihrer Bewertung in Dieter Bohl’schem Naturell: 

Chloe, wenn ich Deine Ballchoreografie seh, stelle ich mir ein auf Drogen tanzendes Mädchen inmitten einer Blumenwiese vor.

Bevor ich meinem „Coming out of Age“-Trauma verfiel, stammelte sich schon der nächste Gegner an mich heran. Beim Spiel schien er jedoch nicht auf meine Niederlage aus. Als ich zum peinlichen Überfluss auch noch ferner alle unsere Federbälle auf das horizontale Brett des eingefahrenen Basketballkorbs verschoss, nutzte er plötzlich die unbeabsichtigte Hausmeisterpause für ein kurzes Gespräch. Ich transkribiere: 

Federballnerd mit einem Abstand von 7 cm zu Chloes spitzer Nase: „Ich habe Dich hier noch nie gesehen. Kommst Du von hier?“

Chloe: „Wie von hier? Aus Deutschland? Vom See? Von wo?“

Federballnerd: „Aus Friedrichshafen?“

Chloe: „Ja, ich wohne hier.“

Federballnerd: „Ich bin hier seit neun Wochen.“

Chloe denkt sich, dass der arme Junge von ganz weit weg hergezogen sein muss, wenn er schon die Wochen zählt und fragt daher aus Höflichkeit: „Bist Du von weit weg hergezogen?“

Federballnerd: „Aus Tettnang!“

Anmerkungen der Herrin vom See: Friedrichshafen liegt gerade mal zehn Kilometer von Tettnang entfernt !!!! Und nun folgt der absolute Abschuss. Nach vier knappen Sätzen kommt der Federballnerd aufs Wesentliche.

Federballnerd: „Wie alt bist Du?“

Chloe, nachdem ihr das eigene Alter erst nach Minuten der Sprachlosigkeit einfällt: „Dreißig.“

Federballnerd mit Gesichtsentgleisung: „Boah! Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Ich glaubte Dich sehr, sehr viel jünger!“

Federballnerd dankt ab.

Dieser Dialog ist 1:1 in der Realität geschehen. Es gibt leider kein YouTube-Video dazu. Ihr müsst Chloe also auch so chlauben. Nach Aristoteles müsste jetzt die erlösende Auflösung kommen. Aber nein, wir erweitern den Klimax um einen Akt. Eine ältere Dame pirschte sich an mich heran und bat um ein Spiel. Ob des Alters chlaubte ich mich wieder sicher. Von wegen! Die spielsüchtige Frau muss im Hinblick auf ihr Ego einfach nur auf der Suche nach einem schwachen Gegner gewesen sein. Hinzu kam eine Schadenfreude, die ihresgleichen sucht! Bei jedem von mir verpatzten Angriff schrie sie laut: „He he!“. Und wenn sie 5 cm hinterm Ball und ich 3 Meter vom Ball entfernt stand, zwang sie mich trotzdem das Geschoss aufzuheben, weil es 0,5 cm nach dem Netz auf mein Spielfeld gefallen war. Hallo?

Ihre lauten Kommentare wie „Spielen Sie doch nicht immer so hoch!“, „Spielen Sie doch nicht immer so weit!“ ließen auch alle anderen Turnbeutelnichtvergesser darauf schließen, dass mein Werk am Netz nicht den allgemeinen Erwartungen entsprach. Jedenfalls spielte ich mich rasch absichtlich – auch in Erinnerung an das Haartoupée (lieber an einem Herzinfarkt im Job sterben, als sportbedingtem Haarausfall zu erleiden) – ins Aus. 

Meine Reality Show verlangt keinesfalls nach einer Fortsetzung. Chloes Turnhallenphobie, die ein gebrochener Arm beim Mattenwellenreiten in der Grundschule auslöste, bleibt im Portfolio ihrer Neurosen bestehen.

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2 Antworten

  1. Von wegen Realitätsaufnahme via Monitor – das stimmt ja gar nicht. Gerade weil die Realität auf den Berliner Straßen im wilden Nord-Osten der Republik so hart ist, flüchte icke mir in die Glitzer-Glamour-Welt des Fernsehens. Auf Dauer ist dieses Umfeld nur mit dem Schleier der Verklärung zu ertragen. Ich sag nur Kotzlachen und Junkie-Versammlung an meinem U-Bahnhof, verwirrte plötzlich vor sich hin singende Mit-Passagiere und dann die ganzen Touristen! Und das ist nur Mitte. Am Samstag war ich zum Beispiel beim Fashion Weekend Neukölln, dort war es zwar schön, aber nach dem Hin- und Rückweg durch die Karl-Marx-Straße hatte ich so einen Schock, dass ich mir die EMAs am liebsten gleich noch einmal in der Wiederholung angeschaut hätte. Da gibt es so Mädchengangs mit Kampfhunden, denen traust du zu, dass sie dich sofort all deiner Habseligkeiten berauben um sich noch eine größere BlingBling-Uhr an ihr adoleszentes Handgelenk zu hängen.
    Ohne den zart und versöhnlich lullenden Fernseher würde ich an zu viel Realität glatt zu Grunde gehen.
    Gefährlicher erscheint mir nur eine Rückkehr in die Turnhalle. Du bist eben die mutigere von uns beiden. Ich wüsste nicht, was mich jemals wieder an diesen Ort ziehen könnte. Schon allein der Gedanke an den Geruch…Bäääh.

  2. […] missbraucht. Maya, hol mich aus diesem Narrenhaus hier raus ! Wie Du im letzten Kommentar zu meinem Turnhallenausflug bemerktest, scheine ich inzwischen wirklich selbstzerstörerisch veranlagt zu sein. Das hat mit Mut […]

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