Sinfonie für den fliegenden Seewal


Man erlebt nicht jeden Tag die Welturaufführung eines Musikstücks. Vor allem nicht direkt vor der eigenen Graf Zeppelin Haus-Tür. So geschehen am 08.11.08.

Chloe, ein großer Anhänger der klassischen Musik, lässt sich hier unten am See eh fast kein Klassikkonzert entgehen. Sie nutzt jede Möglichkeit, Noten live zu erleben. Jedes Frühjahr schillert der Lenz passend zur herrlichen Apfelblüte in den schönsten Bodenseefestival-Klangfarben. Der Zauber der Bregenzer Festspiele wurde nun gar in einem James Bond verewigt. Chloe hat auch dieses Spektakel diese Saison mit eigenen Augen gesehen.

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Die Bewegungen des ausdruckstarken Fauré Quartett Violoncellos zu Schuberts Forellenquintett sprachen nicht nur die Ohren an. Selbst meine drei männlichen Begleiter waren von dem adonischen Künstler stark angetan. Einer meinte gar, dass das Violoncello einem Hugo Boss Modell glich. Ja, die kleinen feinen Konzerte im Rittersaal des Barockschlosses Tettnangs sind nicht zu verachten. Beim besagten Konzert wurden wir mal wieder von der Kartenabreißerin freudig mit dem Spruch begrüßt:

Schön, so junges Publikum im Haus zu haben!

Tja, der Rest der Köpfe im Saal ist meist grau. Da fühlt sich Chloe mit ihren drei Dekaden noch ganz grün hinter den Ohren. Aber Frechheit verlernt man wohl auch im Alter nicht. Gerade als sich das harmonische Fauré Quartett auf der Bühne platzierte und die Instrumente stimmte, schlich ein älterer Mann auf quietschenden Sohlen direkt nach Vorne und fotografierte die Musiker mit seinem Apparat. Der Veranstalter war ganz erbost und scheuchte den Kerl am Arm reißend weg.

Nun könnt Ihr Leser Euch wohl denken, wie der Abend im Graf Zeppelin Haus anfing. Genau dieser ältere Mann lief wieder vor an die Bühne und fotografierte das Stadtorchester Friedrichshafen. Krasser Klassik-Stalker! In dem großen Saal fiel das aber sonst keinem auf. Ich grinste innerlich. Mal schauen, ob ich noch die Identität dieses Hobby-Fotografen ausmachen kann… Die erste Reihe wurde hingegen brav vorgestellt. Lokalprominenz wie Oberbürgermeister, Pfarrer und was weiß ich sonst wurden mit Namen zitiert und mussten wie bei Wetten Dass… kurz aufstehen und den Saal winkend begrüßen. Die vielen Reden und Dankessprüche dauerten fast länger an als die ganze 30-minütige Sinfonie! Immerhin erfuhr ich Erstaunliches.

Bei der Zeppelin Sinfonie handelte es sich um ein Auftragswerk der Zeppelin Stiftung zur Feier des 100-jährigen Bestehen. Die Entstehungsgeschichte der Zeppelin Stiftung war mir trotz des Gedenksteins aus meiner Jugend, der die geografische Mitte zwischen Mayas und meinem Elternhaus bildete, nicht bekannt. Maya, Du bist sicherlich auch des Öfteren auf dieses Denkmal gestiegen (eine Deiner liebsten Posen!).

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Zur Historie anbei noch ein Text:

[…] der Absturz des Zeppelin LZ 4 in Echterdingen bei Stuttgart im August 1908. Das Luftschiff, das sich auf Fahrt von Friedrichshafen nach Mainz befand, wurde nach einer Notlandung bei Echterdingen von einer Sturmböe erfasst und zerschellte an einem Baum. Das Aus für den Luftschiffbau bedeutete das nicht. Ganz im Gegenteil. Die Luft-Touren des Zeppelin seit 1900 hatten die Bevölkerung begeistert, so kam es zu spontanen Sympathiebekundungen und gewaltiger Spendierfreude.

Hundert Jahre später steht also der charmante Dirigent David Gilson auf der Bühne und mahnt das Publikum dazu an, zwischen den Sätzen doch bitte nicht zu klatschen. Das sind sozusagen die Pausen in der Sinfonie. Süß. Stark fand ich hingen in der Tat den zweiten Satz „Maschinen“. Wie den Südkurier-Redakteur erinnerte auch mich die Umsetzung des Komponisten Thomas Doss an Fritz Langs Metropolis. Doss vermochte es gekonnt aus der Retrospektive ein Werk zu schaffen, das den Umbruch und die Auseinandersetzung mit der Moderne der damaligen Zeit gekonnt ins 21. Jahrhundert transferiert. Leider ist aber unser Zeitgeist so von Beamern und Power Point geprägt, dass das musikalische Werk natürlich auf einer überdimensionalen Leinwand mit Bildern und Filmen untermalt werden musste.

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Gilson versprach zwar, dass das keinesfalls vom Hörgenuss ablenkt, aber ich konnte am Schluss nur noch mit geschlossenen Augen der Komposition einigermaßen folgen. Hinter mir waren alle damit beschäftigt laut die angeschriebenen Sätze oder den Hänger in der Präsentation zu kommentieren. Es ist eine Crux mit der Technik. Entertainment geht wohl stets vor puristischer Rezeption. Immerhin versetzte Gilson dem Abend ein glorreiches Ende. Mit zwei Sätzen ward alles Essentielle gesagt:

Erwarten Sie nicht, dass ich als Zugabe den Zeppelin Marsch spiele!!!

Thomas, das Werk ist kolossal. Wir machen Dich weltberühmt!

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5 Antworten

  1. Das Zeppelin-Denkmal! Meilenstein der Kindheit! Welch schöne Erinnerung. Sind Dir denn bei Deiner Beiwohnung von „Tosca“ die vor sich hin bruddelnden Menschen aufgefallen, die irgendwann aufstanden und gingen? Und dieser unverschämt durchtrainierte und gutaussehende Typ auf der Kulisse? Ich glaube, da wäre ich auch zum Fotografieren vorgerannt, koste es, was es wolle.

  2. […] in 18. November 2008 von mayavonderspree Wie praktisch, liebe Chloe, dass du gerade deine musikalischen Erlebnisse am See im Blog verarbeitet hast, da fällt es mir besonders leicht, den weiten Bogen von der klassischen […]

  3. Hallo meine Jugendfreundin,

    ich kann mich auch noch gut erinnern, wie wir dort zu Grundschulzeiten mit Deinen Eltern auf der Radtour nach Stuttgart rasteten. Als wir unser Proviant am Stein teilten und Emil, Dein Bruder, dabei nicht genug abbekam (handelte es sich um Kirschen?), verzichtete ich auf meinen Teil. Dein Vater ermahnte Dich, die große Schwester, dass Du Dir ein solches Verhalten ruhig mal von Chloe abschauen solltest. Mich beschämte hingegen diese Aussage sehr. In so einem Moment konntest Du mich ja nur hassen. Daher versteckten wir beide uns wohl am liebsten vor den Erwachsenen unter der Autobahnbrücke, die sich direkt am Denkmal befand.

    Hinsichtlich 007 muss ich Dich leider enttäuschen. Als hier die Dreharbeiten stattfanden (einige meiner Seefreunde waren gar selber Statisten), tauschte ich den Bodensee gegen den Bosporus ein. Craig finde ich eh nicht so heiß. Die Männer in Istanbul waren da schon interessanter.

    Ade vom See

    Chloe

  4. Wirklich? Kann ich zu fast allen Deinen Sätzen sagen. Das mit Emil und den Kirschen wusste ich nicht mehr. Dass Du mir in Deinem Sozialverhalten überlegen warst (aber es war ja auch mein Bruder! Bei Deiner Schwester hättest Du das auch nicht getan ;)), auch nicht mehr. Das mit der Autobahnbrücke schon. Ist mir auch erst letztens eingefallen! Ich seh das jetzt nur noch mit den „Oh Gott, war das gefährlich, wenn da was passiert wäre!“-Augen. Und wenn meine Mutter das gewusst hätte. Heute weiß ich auch, die Autofahrer haben wahrscheinlich nicht gehupt, weil sie uns freundlich grüßen wollten. Und vielleicht kamen wir sogar im Verkehrsfunk? Kinder an der Fahrbahn? Meine Eltern wähnten uns derzeit bestimmt am Stausee oder so. Ich traue mich nichtmal heute, denen das zu beichten 😉
    Die Männer in Istanbul? (Hier wieder ein „wirklich?“) Ich habe dort seinerzeit nur Regenschirmverkäufer gesehen, die vor spontanen Berührungen werweißwo im Vorbeigehen nicht zurückschreckten oder doch wenigstens einen Regenschirm verkaufen wollten. Naja. Ich bin sicher, es gibt auch andere Männer dort, außerdem ist das ja schon bestimmt 11 Jahre her.

    LG

  5. Ich steh nicht nur auf Elefanten, ich habe auch ein derartiges Gedächtnis! Weißt Du doch… Und Deine emotionale Intelligenz übertrifft alles: Natürlich hätte ich bei meiner Schwester anders gehandelt. Dein Vater hat also gleich doppelt daneben gelegen! Aber wir wollen unseren Eltern nix ankreiden (Du bist ja nun selbst Mama und weißt wohl, Deine Eltern nun besser zu verstehen).
    Aus uns sind ja trotz Autobahnüberschreitungen doch noch anständige Erwachsene geworden. Alles eine Frage der Interpretation…

    Zum Muselmanen: Im schicken Ausgehviertel Beyoglu wandeln in der Tat ein paar attraktive Schöngeister herum. Auch wenn das Viertel langsam zu teuer für Literaten und Künstler wird, noch ist es mehr bohemian statt versnobt. Und die Unterwelt brodelt wie in jeder richtigen Metropole. Ein Taxifahrer kommt gerade mit seinen Fotos vom Elend ganz groß raus.

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