Chloe im Lande der Indianer


Meine Mutter ist eine Radikalanhaengerin Columbus‘. Als ich ihr vor sechs Monaten beichtete, dass ich meinen Flug nach Indien gebucht, schrie sie nur entsetzt: „Chloe reist zu den wilden Indianern!“ Es kostete mich einiges an Ausdauer, um meine Mutter davon zu ueberzeugen, dass Inder nicht mit Pfeil und Bogen auf mich schiessen werden. Das gibt es nur in Amerika.

Als ich Maya von meinen Reiseplaenen zum ersten Mal berichtete, schuettelte sie am Hoerer lediglich den Kopf und maynte: „Bist Du Dir sicher, dass ausgerechnet Du in das Land der Programmierer reisen willst?“

Vor zwei Wochen rief mein Bruder an und liess in den letzten Satz noch ein „Ich wollte nur noch eines gesagt haben: Ich hab Dich lieb!“ einfliessen. Auf diese pathetischen Worte patzte ich mit „Ich flieg in den Urlaub und nicht in den Krieg!“ Ein paar Tage spaeter sah ich „Bombay Shooting“ im Fernsehen.

Meine Eltern brauchten nur zehn Stunden, bis sie auch davon Wind bekamen. Ich nahm zoegerlich den Telefonhoerer in die Hand. Mama toppte wieder alles: „Kind, jetzt hast Du so lange studiert. Dir fast ein Jahrzehnt lang den Kopf ueber den Buechern zerbrochen und nun fliegst Du nach Indien zum Sterben. Welche Verschwendung!“

Ich koennte noch zig weitere wenig hilfreiche Kommentare meiner Kollegen und Freunde zitieren. Aber ich lass das jetzt einfach. Ab sofort zaehlen nur die eigenen Erfahrungen. Und die mache ich hier seit genau 24 Stunden. Ja, Chloe ist in Delhi. Ja, und Chloe hat sogar im Land der Indianer Internet-Zugang.

Bisher sind zumindest keine Schlepper und Grapscher aufgetaucht. Mein Pick-up Service brachte mich um 1 Uhr nachts direkt vom Flughafen ins Hotel. Nach der ersten Aufregung versuchte ich in der Tat etwas Schlaf zu bekommen. Morgens um 5.45 Uhr schienen sich jedoch saemtliche Einwohner Delhis in meinem Hotelflur versammelt zu haben. Die Lautstaerke uebertraf alles, was ich bisher je an Dezibel wahrgenommen! Schreiende Frauen und Kinder rannten die Treppen auf und ab. Ich hatte keine Ahnung, was da los war. Machte schnell das Licht an und kauerte lauernd im Bett. Ploetzlich riss ein Kind an der Tuer. Ich sagte einfach nix und es passierte auch nix. Einschlafen konnte ich erste zwei Stunden spaeter wieder. Dann riss mich jedoch die Rezeption ueber Telefon mehrmals aus dem Schlaf. Ob ich fruehstuecken wolle, wann ich denn endlich mal das Zimmer verlasse, der Reinigungsdienst warte schon. Jedenfalls versuchte ich den Gang nach draussen so arg wie moeglich zu verzoegern. Der Mut schien mich voellig verlassen zu haben. Aber wer laesst sich schon am ersten Tag einschuechtern? So lief ich mit wackeligen Knien den Flur runter und wurde gleich von zwei Maennern an der Rezeption empfangen. Ob das Zimmer gut sei und ich gut geschlafen haette. Ich verneinte. Die Herren entschuldigten sich fuer die Schulklasse, die morgens neben mir eingecheckt hat. Naja, also zumindest keine Terroristen… (obwohl wohl in jedem Kind insgeheim einer steckt).

An der Rezeption erwartete mich dann die naechste Ueberraschung. Meine Reiseagentur haette das Geld fuer die Uebernachtung nicht ueberwiesen. Also musste ich mit einem anderen Mann in irgend so ein „Office“ mitlaufen. Dort klaerten wir das mit der Kreditkarte doch recht schnell. Dafuer mischte sich der Chef ganz schoen in meine Reiseroute ein. Er zauberte mir ein Gesamtpaket mit eigenem Autofahrer und Hotelzimmern durch Rajastan mit Endstation Bahnhof Agra fuer 740 Euro. Das lehnte ich dankend ab. Fuer die restlichen vier Stunden goennte ich mir jedoch einen privaten Taxifahrer, der mich etwas durch Old Delhi kutschierte. Viel sah ich nicht, da montags alles geschlossen hat. Aber zumindest konnte ich mich langsam akklimatisieren. Vorsichtig lief ich einen Kilometer (die gemieteten Taxifahrer warten immer am Parkplatz) alleine am Red Fort entlang, liess mich mit der Fahrradrikscha von dort bis zur wiederum aufgrund des Sonnenuntergangs geschlossenen Moschee fahren. Ich traute mich auch alleine in einen Silbermarkt herein. Also so schlimm wie im Fuehrer beschrieben wird man zumindest nicht belagert. Trotzdem war ich am Schluss ganz schoen froh, an der Seite meines gemieteten Taxifahrers zu sitzen, der mir vor einer Stunde noch vor meinem ersten Ausgang sorgvoll hinterherrief: „Promise me, please, be careful! Yes? Be careful!“

Zurueck im Hotel bot man mir ganz freundlich von sich aus einen Zimmertausch an. Und auf dem Weg hierher ins Internet-Cafe wurde ich auch begleitet. Noch sehe ich alles mit stark gemischten Gefuehlen. Es ist ganz schoen wild hier. Vielleicht hatte meine Mutter mit den „Indianern“ doch nicht ganz unrecht.

Morgen erkunde ich zumindest New Delhi. Ich muss auch noch herausfinden, wie ich hier ohne teure Agentur gen Rajastan herauskomme. Langsam wuerde ich dann auch gerne Anschluss zu anderen Reisenden finden. Alleine sitzt es sich im Restaurant ganz schoen bloed (mein Taxifahrer putzte derweil sein Auto). Apropos Essen. Das Kapitel sollte ich im Lonely Planet nochmals nachlesen. Vor den Tellern stand ich recht ratlos und ass dann irgendwie mit den Fingern. Naja, akklimatisieren hat jetzt hoechste Prioritaet. Nur nichts ueberstuerzen. No worry, no worry!

Advertisements

2 Antworten

  1. Well, I hope you will be able to meet some cool people over there. You probably would not have any issues right now to work as a journalist on site – reporting about the after shock and current tensions. As well as the low tourism effects on the already wounded economy. Or you could just take a bath with the holly cows / water buffalos… he he. Miss you much! TaZ

  2. […] Chloe vom See war ja vor einiger Zeit auf großer Reise. Leider ist sie von den Erfahrungen bei den wilden Indianern noch derart nachhaltig traumatisiert, dass sie ihr Vorhaben den Trip schreibend zu verarbeiten […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s