Polo reloaded


Meine große Liebe ist gerettet. Meine längste sowie intensivste Beziehung (im April feierten wir Rosenhochzeit!) erlag nicht dem Schicksalsschlag „bis dass der TÜV Euch scheidet“. Vor dieser Hiobsbotschaft hatte ich jedoch eine derartige Angst, dass ich die Gemächer des Gevatters TÜV auf Gedeih und Verderb mied. Die Kommentare meiner Freunde

Dich hört man schon von 10 km Entfernung!

meiner Kollegen

Fährst Du eigentlich einen Rasenmäher?

und meines Friseurs

Warst Du gerade etwa das unglaubliche Geräusch da draußen?

ignorierte ich stets in meiner Verliebtheit. Etliche Zettel von so komischen Gebrauchtwagenkäufern, die gerne unter den Scheibenwischern klebten oder in meine Tür geschoben wurden (nein, nicht die Gebrauchtwagenverkäufer, sondern die Zettel!), schmiss ich stets wütend weg.

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Erst als ich der Polizei des nachts die Vorfahrt im Kreisverkehr nahm und hinter mir plötzlich ein „Stopp!“ leuchtete, sah ich akuten Handlungsbedarf (zum Glück waren die netten Freunde und Helfer mehr mit meinen Augen sowie meiner Sehhilfe beschäftigt, als sich dem Zustand meines Kampfpolos zu widmen). Ich musste mich nun wirklich der abgelaufenen TÜV-Problematik stellen!! Vorab holte ich den Rat eines Kollegen und Hobby-Autotüftlers ein. Nach seiner Inspektion – ich weilte derweil auf einer Klausur mit Übernachtung im abenteuerlichen Tipi ohne fließend Wasser – schrieb er mir folgende Email:

Hallo Chloe,

ich hoffe, du hattest ein paar nette Tage, weil jetzt kommt’s…

* Motor + Getriebe verlieren Öl => das können Kleinigkeiten sein (= Werkstattcheck)
* Motor läuft nicht auf allen Zylindern => da muss ein Motorcheck in einer Werkstatt gemacht werden
* Bremsen ziehen einseitig => da muss ein Bremsencheck in einer Werkstatt gemacht werden

Reifen vorne rechts ist innen glatt
Kennzeichenleuchte links defekt
Schaltknauf defekt
Spoilerbefestigung (Stoßstange vorne) ausgerissen
Schweller rechts durchgerostet

Das klang nach Intensivstation! In so einem Fall hilft nur Lillis Papa. Ich musste mein Auto also irgendwie über die schwäbische Alb nach Stuttgart verfrachten. 200 km in dem maladen Zustand! Ich brach also morgens bei Tageslicht auf, um ja nicht des nachts liegenzubleiben. Die ersten hundert Kilometer liefen laut, aber sie liefen. Chloe dachte sich schon: „Huch, was haben bloß alle. Mein Liebling fährt doch astrein!“ Übermut tut selten gut. Nur fünf Minuten später trat neben dem bekannten Schepper-Orchester ein ganz neues Blechinstrument im Motorgraben auf. Der Ton von Metall auf Asphalt beunruhigte mich zutiefst. Mitten im Wald und ohne Handyempfang (Maya, remember Hayingen im Schnee und meine paranoiden Blicke aufs Handydisplay!) fuhr ich klopfenden Herzens auf einen Parkplatz. Da stand ich. Und nun? Hm, in Filmen machen Männer ja immer die Motorhaube auf. Also tat ich das auch. Hm, nun stand ich also vor meinem Motor und warf einen prüfenden fachmännischen Blick drauf. Ich fing an, über mich selber zu lachen. Denn die Innereien sagten mir ja eh rein gar nix. Aber die Pose sah dennoch nicht schlecht aus. So richtig weiter kam ich aber auch nicht. Und nun? Vielleicht sollte ich ja mal unters Auto schauen! Also kroch ich vorsichtig, und um meine Netzstrumpfhose sowie High Heels besorgt, gen Boden. Da hing doch in der Tat ein Stück Blech.

Und nun? Gelbe Engel oder blauäugiges Teufelchen? Ich entschied mich für letzteres und fuhr so schnell, bis das Teil von alleine hinter mir abflog und meine Ohren um einen Ton erleichtert wurden. Just in dem Moment schaltete sich jedoch meine Ratio ein: Was ist, wenn das ein tragendes Element war, das ganze Auto auseinanderkracht und ich völlig entblößt mit einem losen Lenkrad im Stuhl auf offener Straße sitzen muss? Oder noch schlimmer. Vielleicht habe ich irgendwelche Benzineintropfmechanismen gekappt und das Ding explodiert gleich vor meinen Augen. Ich glaubte auch plötzlich einen komischen Geruch in der Nase zu vernehmen. Aber das Glück ist mit den Mutigen. Ich sprach meinem Polo in den zärtlichsten Worten zu: „Wir haben schon so viel gemeinsam durchgestanden, das packen wir jetzt auch! Nur noch dreißig Kilometer!“. In einem längeren Tunnel streichelte ich das Lenkrad mit den Worten: „Bloß nicht schlapp machen. Ja nicht im Tunnel liegenbleiben. Immer schön Benzinluft holen und wieder durch den Auspuff ausatmen. Komm schon!“
Ich war noch nie so erleichtert, angekommen zu sein, wie an diesem Tag. Den Schlüssel warf ich Lilli befreit in den Briefkasten. Eine Woche lang musste ich mir ein Auto leihen und die Daumen drücken. Mir fing mein persönliches Fitnessstudio (keine Servolenkung, keine elektrischen Fensterheber) wirklich schon langsam an zu fehlen, als endlich die erlösende Nachricht als Absatz in einer Rundmail bei mir eintraf:

[…] Apropos Rettung: die Fahrt mit „Rettet den Polo“ bezeichne ich mal als Abenteuer 😉
Ich fuhr noch kein Auto, welches so klappert, scheppert, klopft, dröhnt wie Deines. Ich kann gar nicht sagen aus welcher Ecke Deines Autos kein Geräusch kam ;-); Respekt wie Du das aushältst. Die Probefahrt meines Papas dauert von der Rückwärtsfahrt der Einfahrt bei meinen Eltern bis zum wieder rückwärts parken auf der Einfahrt – O-Ton mein Papa „Das reicht mir“….nee Spaß beiseite, er hat das mit den Zylindern auch gehört und ein Zündkabeldefekt etc erkannt ggf muss der Zahnriemen auch erneuert werden; nen Plattfuß vorne rechts (hast Du noch Winterreifen?)…er sagt, er würde auch noch investieren. Jetzt warten wir mal ab. Und ein Tadel gbit´s noch für den abgelaufenen TÜV – XXX08!!
Rettet den Polo / Polo Reloaded ist voll im Gange.
Ein Klappergeräusch ist auch schon behoben: die Schutzabdeckung des Scheinwerfers gehört wieder zum Scheinwerfer und nicht auf den Motorblock, wo sie gestern bei Deinem Polo lag – gelle 😉 … ich hab mich halbtot gelacht 😉 ….Freitag Fahrt nach Stuttgart O-Ton Chloe „….öffnete die Motorhaube und schaute fachmännisch hinein; obwohl ich keinen Plan habe…“
Grüsse
Lilli

Zum Glück schmälerte ein Kommentar der Rundmailadressaten meine Peinlichkeit etwas. Carrys Geschichte ist auch nicht von schlechten Eltern:

Da bin ich ja froh, dass ich nicht die einzige bin, die mit nem halben Schrottauto durch die Gegend fährt nach dem „Carry-meint-im-Stau-nicht-aufpassen-zu-müssen-und-donnert-deswegen-auf-den-Vordermann-Auffahrunfall“ letzte Woche. Ich muss halt bis Mittwoch jetzt mit Heizung auf voller Pulle und Scheiben runter und ner halb-offenen Motorhaube (geht nicht mehr ganz zu) durch die Gegend fahren. Dann kommt’s in die Werkstatt und ich bin ein paar hundert Euro ärmer. Mal sehen was von dem Vordermann noch kommt… sah nicht nach was Großem aus, aber man weiss ja nie was sich sonst noch bei ihm verzogen hat.

Die Polo-Übergabe erfolgte durch Lilli auf der Geburtstagsfeier einer Freundin. Alle waren völlig darüber entsetzt, dass mir nicht aufgefallen war, dass mein Auto Monate lang nicht auf allen Zylindern gelaufen ist. Ich meinte mich damit zu entschuldigen, dass mein Auto sich wohl lediglich an das laute, extrovertierte Frauchen angepasst habe und ich darin keinen Schaden, sondern nur treueste Zuneigung vermutete. Carrys Antwort: „Jetzt wo Dein Auto wieder normal ist. Wann wirst Du es endlich??“ Carrys Freund schüttelte den ganzen Abend über nur den Kopf und musste seinen Gedanken am Schluss doch noch freien Lauf lassen: „Wie kann jemand, der alle zwei Wochen seine Fenster in der Wohnung putzt, sein Auto so verkommen lassen!“

Die Geschichte um mein Auto findet trotz der Rettungsaktion kein wirkliches Ende. Neben dem Einstieg von Hinten in dieser Woche, bereitete mir letzte Woche die Wettervorhersage ernsthafte Sorgen. In Erwartung an den Wintereinbrauch schleppte ich daher am Freitag in voller Panik meine Winterreifen vom Dachboden in den Kofferraum. Ganz stolz stand ich mit dem Schlüssel vor meinen helfenden Jungs und übergab das Auto zum Radwechsel. Nur zehn Minuten später kam mal wieder eine Email:

Liebe Chloe, Du bist den ganzen Sommer über mit Winterreifen gefahren! Außerdem sind die vorderen völlig kaputt, Du hast uns Sommerreifen in den Kofferraum gelegt und nun müssen wir Dir ganz schnell zwei neue Winterreifen bestellen, damit Du am Wochenende vor die Haustür darfst.

Stress! Ich will in einer Stadt leben, in der ich kein Auto brauche!! Das ist der einzig faire Weg, um meine Beziehung zum Polo zu beenden. Ihn wegen einem Neuen zu verlassen, kann ich ihm doch nach all den Jahren nicht antun. Jedenfalls tuckern wir gemeinsam erstmal weiter auf den Landstraßen, halten ab und zu für Fotos an und Chloe summt hinterm Lenkgrad einen Chanson:

Das alte Pololied

Wenn ich auch ein Single bin
Hab ich dennoch frohen Sinn.
Frohe Fahrt auf Landwegen
Ist von lauter Licht umgeben.
Gebe Kupplung und Rad
Nicht für U- und S-Bahn ab.

Refrain
O, o, Pooo looo
Bei uns Solos ist das so.

Halte an der Ampel nur
für ne Lippenstiftkorrektur
Fahrradfahrer und Nordic Walker
nicht vor meine Haube, bitte sehr!
Stets fluche ich auf die Touristen:
Runter von meinen Pisten!

Refrain
O, o, Pooo looo
Bei uns Solos ist das so.

Dann fahr ich freier Spatz
Meinen Polo auf nen Parkplatz.
Laufe zum Seeufer hin
Wo ich ganz alleine bin.

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2 Antworten

  1. Für alle, denen es so geht wie der fleißigen Chloe, die tatsächlich vor ihrer Abreise noch diesen Artikel über ihr heißgeliebtes Gefährt vorbereitet hat, habe ich eine schönes Fundstück mit dessen Hilfe man sich die lästigen Kaufangebote vom Leib halten kann.
    Stop Export-Aufkleber
    Liebe Chloe – komm einfach heil wieder und ich bring dir so einen aus Berlin mit…

  2. […] See besang ich noch mein grünes Auto, nun packe ich ein paar Fremdlieder aus, um die Liebe zum Drahtesel auf SpreeSee zu […]

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