Advent, Advent – die Maya flennt


Von drin von Mitte komm ich her und muss euch sagen: es weihnachtet sehr

Chloe ist geflohen, auf den Straßen riecht es nach billigem warmem Wein und  es sind noch viel mehr Musiker in der U-Bahn als gewöhnlich. Nicht nur im tiefen Süden werden extra Kraftwerke angeworfen, um all den Lichtmüll zu produzieren, auch Friedrichstraße, Kudamm und das Büro, in dem sich meine studentischen  Textschmiedereien abspielen, haben sich in bunte und meistens völlig geschmacklose Lichterketten gehüllt. Mein Vater betreibt zu Hause wenig repräsentative Testessen mit Lebkuchen unterschiedlicher Hersteller und Preiskategorien, überhaupt häufen sich die familären Anrufer und Charly hat seine Kauf- sowie Harmoniesucht ins Unermessliche gesteigert.

All diese Zeichen lassen sich nicht anders deuten – Weihnachten rückt immer näher, auch für nicht-Besitzer des ein oder anderen Adventskalenders ist das nun offensichtlich.

Und heute ist auch noch einer der Meilenstein-Tage auf dem Weg durch den Advent: Nikolaus.

Ich möchte jetzt nicht wieder mit der Nostalgie-Nummer beginnen und dem echten Nikolaus nachweinen, der durch den Coca-Cola-Onkel ersetzt worden ist, denn mein Verhältnis zu dieser Figur war schon immer etwas gespalten.

Die Gnade der späten Geburt und die Bürde eines älteren Bruders haben mir den Glauben an diese gestrenge Person ordentlich erschwert. Während der Erstgeborene meiner Eltern auf Kinderfotos noch mit angsterfüllten großen Augen und starrem Gesicht dem Vortrag des Rutenmannes lauscht, ist für meine frühe Kindheit keine glaubhafte Nikolaus-Erfahrung belegt.

Ich kann ich mich nur erinnern, dass es mir schon immer unwahrscheinlich erschien, dass der Nikolaus meine Vorliebe für Tabaluga-Schallplatten teilte. Außerdem war spätestens nachdem ich im zarten präpubertären Alter einen durchaus zotigen Nikolaus-Witz  vor meinen damals schon erwachsenen Cousinen und deren Anhang zum Besten gegeben hatte klar: diesen Mann kann es nicht geben.

(Die Zweideutigkeit des Witzes war mir zwar nicht verborgen geblieben, aber so richtig verstanden hatte ich sie nicht, tatsächlich hatte ich nur den Papagei meines Bruders gespielt, allerdings mit dem Effekt, auf Jahre hinaus auf Familientreffen nach dem neuesten dreckigen Witz gefragt zu werden. Ich hatte meiner Mutter aber versprochen sie und ihre – eigentlich sehr ordentliche – Erziehung nicht weiter zu beschämen und verlegte mich dann auf altkluge Besserwissereien, um bei den „Großen“ mitzuhalten.

Die einmalige Zote hatte jedoch ein Gutes für sich: ich durfte von da an im Ski-Urlaub abends mit in die Dorfdisco gehen und Holger, der Mann meiner Cousine, rechtfertige das so: „Wenn sie Klein-Maya nicht reinlassen wollen, lassen wir sie einfach den Witz erzählen“, Holger ist Anwalt und hielt das für ein besonders lustiges Plädoyer gegen den Jugendschutz)

Verständnis  hin Schleier der Unwissenheit her: Ein Teil meiner Unschuld war verloren, denn eines war ja klar, in irgendeiner Form hatte ich den Nikolaus beleidigt und wenn es ihn wirklich gegeben hätte, wäre doch nun wirklich ein Einsatz der Rute fällig gewesen und nicht die nächste Tabaluga-Platte. Mein ohnehin vager Nikolaus-Glaube war damit für immer erschüttert.

Auch das „Christkind“, das laut meinen Eltern am 24. die Geschenke brachte, hielt vor meiner angeborenen Skepsis übrigens nicht lange stand. Mir wollte einfach nicht einleuchten, dass dieses Baby, das als Gottes Sohn ganz oben auf der spirituellen Leiter zu stehen schien, zwar alle Menschen zur gleichen Zeit beschenken konnte, aber es nicht in unser Haus schaffte, ohne dass meine Mutter ihm die Tür öffnete. Denn mit dieser Argumentation verteidigten meine Eltern ihre Abwesenheit beim Kirchenbesuch, den mein Vater alleine mit uns Kindern absolvierte.

Genug von den Erinnerungen an meine kindliche Weihnacht – alles in allem war es doch schön, wie meine Mutter und ich uns stets gegenseitig versichern, nachdem wir alle Jahre wieder gestanden haben: „Irgendwie kann ich damit nichts mehr anfangen“ und uns darauf geeinigt haben, dass es halt doch ein Kinderfest ist.

Warum also Advent, Advent – die Maya flennt?

Regressionswünsche, um endlich wieder unbeschwert durch Wolken von zerknülltem Geschenkpapier toben zu dürfen und ungestraft schlimme Witze zu erzählen? Könnte man meinen, aber der tatsächliche Grund ist – neben der bereits früher erwähnten Sinnentleerung und den horrenden Geschmacksentgleisungen, die alle mit Weihnachten einhergehen – mein letzter Besuch im „Center“, der einige traurige Wahrheiten über den Bildungsstand der Berliner Jugend preisgab.

Das Center ist das Gesundbrunnencenter – eine Shopping-Mall im Berliner Wedding – das ich regelmäßig aufsuche, wenn ich einen Reality-Check brauche. Ähnlich wie Chloe, die am lieblichen See wohnt, „wo andere Urlaub machen“, geht es auch mir und ich muss manchmal echte Menschen sehen, um nicht zwischen Städtereisenden und dem „Wir nennen es Arbeit“ Mitte-Volk, das je zu einem Drittel aus Studenten, Digitaler Bohème und Regierungsmitarbeitern besteht,  völlig auszuflippen.

Im Center ist immer was los und das Publikum besteht aus einer ganz anderen Mischung: Hartz IV und echte harte Arbeit, jede Menge Kinder und viele Mitbürger mit Migrationshintergrund, die sich vor ihrer traurigen perspektivlosen Situation in schlimme Tanorexie flüchten.

Auch wenn 45 Prozent der Kunden sicher muslimischen Glaubens sind und weitere 45 Prozent wegen fortgeschrittenem Alkoholismus keinen Kalender mehr richtig lesen können, hatten die Center-Manager es sich nicht nehmen lassen und den Nikolaus her bestellt. In schönster Uniform thronte der stark berlinernde Alte auf einem goldenen Stuhl und ein bedrohlich aussehender Sicherheits-Typ im Anzug und mit Knopf im Ohr (ein moderner Knecht Ruprecht?) führte ihm die schlangestehenden Kinder zu.

Zuerst war ich erfreut, denn es standen vor allem kleine arabisch und türkisch aussehende Kinder an und ich dachte so bei mir: „Von wegen mangelnde Integration und Abwehrhaltung gegenüber der abendländischen Kultur – die türkischen Eltern sind ja total offen und feiern wie es sich gehört mit ihren Kindern nicht nur Zuckerfest, sondern machen auch dem Nikolaus die Ehre.“

Weit gefehlt – leider -schnell stellte sich heraus:

Integration ist, wenn alle sich beim Nikolaus auf den Schoß setzen und keiner weiß, wer der Mann überhaupt ist.

Denn egal, wer vor den alten Mann mit dem weißen Mann trat, ob Ali, Leila, Justin oder Cindy – alle konnten seine verzweifelten Fragen:

Kannste denn ein Gedicht?

Kannste denn ein Lied?

nur mit Nein beantworten. Was für ein trauriges Schauspiel das war! Nicht ein einziger Vers, nicht ein einziger Ton verließ die Kinderlippen. Dass sie nicht mehr richtig lesen und schreiben lernen ist ja eine Sache, aber dass es nun nicht mal mehr für ein Weihnachtslied oder einen einzigen Reim reicht, bedeutet ja, dass die Kids selbst im Kindergarten sitzenbleiben würden!

Beinahe war ich versucht ein Kind aus der Schlange zur Seite zu nehmen und ihm etwas einzuflüstern, allerdings konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich es mit Storms Klassiker versuchen sollte, oder ob es nicht sinnvoller wäre, meinen alten Witz anzubieten, der war immerhin kurz und leicht zu merken.

Ich bin mir fast schon sicher, der Center-Nikolaus wäre selbst dafür dankbar gewesen. Sicher hätte es ihn mehr aufgemuntert, als jedes einzelne der Kinder mit dem Versprechen ziehen zu lassen, bis zum nächsten Jahr etwas für ihn gelernt zu haben und sie ganz ohne Performance mit Süßigkeiten zu beschenken.

Ich fürchte nur, dass die lieben Kleinen das Kling-Glöckchen auslassen und dann beim nächsten Mal direkt bei Dieter Bohlen oder Heidi Klum vorsprechen. Die scheinen ja mehr Autorität auszustrahlen, bei letzterer muss man sich außerdem überhaupt keinen Text merken, was die ganze Sache erheblich leichter macht als den Nikolausbesuch. Allerdings darf man dann auch die ohne Leistung erworbene Schokolade nicht essen.

Meine Lösung für die Bildungsproblematik lautet daher:

Der Nikolaus-Auftritt als Casting-Show!

Anders sind die Kleinen ja nicht mehr zu irgendwelchen Leistungen zu kriegen. In Zukunft gibt es Apfel, Nuss und Mandelkern nur noch für diejenigen, die es ins Recall schaffen.

Das wäre doch mal was! Ein Anreizsystem, das sich problemlos auch in den Schulunterricht integrieren ließe…

Und hier noch mein Lieblings-Nikolausgedicht (die Generation You Tube hat ja das Lesen-Können eh nicht mehr so nötig, fällt mir da gerade auf):

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2 Antworten

  1. Tja, Maya!

    Wir beide sind wohl vom Aussterben bedroht. Ich war trotz muslimischen Migrationsglauben so ein Weihnachtsjunkey, dass ich mit der Jungschar von Haus zu Haus zog und bettlaegerigen Omis ein Staendchen nach dem anderen vorsang. Ich habe es nicht einmal fuer die abgelaufene Schokolade getan, sondern nur fuer das Laecheln der schwaebischen Gallionsfiguren.

    Und ich weiss gar nicht, was Du gegen den Nikolaus hast. hier in Indien verehren die ganz andere ungeheuerliche Wesen.

    Mir geht es soweit ganz gut. Nur zum Schreiben komme ich kaum. Vielleicht mal morgen oder uebermorgen. Ich weiss nur nicht, wo anfangen… dieses Land knocked mich aus!

    Liebe Gruesse aus Udaipur

    Chloe

  2. Hallo liebe Reisende,

    du bist eben ein guter Mensch mit Bildungsanspruch und sozialem Gewissen! Zudem wäre es dir sicher und zurecht peinlich den Nikolaus vor versammeltem Publikum zu enttäuschen.
    Gegen den echten Nikolaus, seine Existenz vorausgesetzt, habe ich nix – nur all die Cover-Nikoläuse auf der Straße und in den Läden nerven mich, noch mehr haben mich allerdings die besagten leeren Kinderköpfe gestört.

    Schön, dass es dir gut geht und ich wäre verwundert, wenn das Erlebte sich einfach so runterschreiben lassen würde – aber fang doch einfach mal irgendwo an und schmeiß auf keinen Fall das Handtuch – Indien verpasst dir doch höchstens ein blaues Auge, K.O.-Gehen ist ausgeschlossen!

    Grüße

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