Die Türkenbuche


Tatort aus Wien: „Baum der Erlösung“. Sonntag, 4. Januar 2009, 20:15
Gesamturteil nach Schulnoten:
2-3

P L A T T: Platt. Auf den ersten Blick wirkt der Tatort aus Wien – versucht man ihn als Krimi zu lesen – sicherlich platt. Lässt man sich jedoch als Rezipient auf das Genre des Bauerntheaters ein, so weiß man die Komödie auf Tiroler Bühne mit herrlicher Bergkulisse köstlich zu genießen.

Drehbuchautor Felix Mitterer begibt sich wohl ironisch bewusst auf das Niveau der Landbevölkerung, die ohne Rücksicht auf mit oder ohne Migrationshintergrund zur possenhaften Karikatur abgestellt wird. Burlesk ist ferner das Sujet des Ehrenmordes. Der Stoff ist inzwischen so volkstümlich geworden, dass er mit seinen Klischees eine ganzes Bauernstück von 90 Minuten bedienen kann. Der Polizist Vedat Özdemir, in dem ein österreichisches sowie türkisches Herz schlägt, schimpft selbst auf die österreichische Migrationspolitik, die damals nur die „ungebildeten anatolischen Bauern“ hereingelassen hat. Das Problem der Ehrenmorde ist also hausgemacht. So leicht erklärt sich die Welt im Bauerntheater. Dass die ungebildeten Tiroler Fanatiker, der Mörder ist schließlich doch kein türkisches Familienmitglied, sondern ein Einheimischer, auch nur Bauern in ihrem eigenen Land sind (Kopftücher trugen schon die Tiroler Landfrauen), geht in diesem Tatort zumindest jedem Kind auf.

Beide Bauernfamilien treibt die gleiche Angst: Von der anderen Kultur durch eine Vermischung „ausgelöscht“ zu werden. Und tatsächlich müssen beide Väter erst ein Kind verlieren, bevor sie realisieren, dass nicht die Liebe, sondern nur der Tod dies allein vermag. Schließlich sägt der Osmane selbst die Türkenbuche, an der sich die zur Zwangsehe verdammten rechtzeitig lynchen, um und der österreichische Patriarch versucht zum Schluss doch seinen verstoßenen Sohn anzurufen. Das Ehrgefühl gerät ins Wanken.

Neben all dem Schwarz und Weiß, das Mitterer in rasender Geschwindigkeit ohne Rücksicht auf Verluste aufzeigt, gehen leider fast die grauen Töne unter. Und diese sind es zumindest, die dem Ermittlungsfall doch in der Tat Tiefe verleihen. Die spannendste Rolle ist im – nomen est omen – sympathischen Grenzgänger Vedat Özdemir anzusiedeln. Vom eigenen türkischen Lager wird Özdemir als „Verräter“ beschimpft. Die österreichischen Kollegen sehen in ihm trotz der Uniform den Türken. Und er? Er ist Österreicher und doch rutscht ihm bei der Aufklärung des Mordes der Satz: „Zum Glück keiner von uns!“ aus. Der Faun mit markantem Gesicht meistert die Ermittlungen jedoch gerade aufgrund seiner beiden Herzen besser als die cholerisch schreienden reinrassigen Kollegen Eisner und Pfurtscheller. Eisner empfiehlt Özdemir gar die Polizeileitstelle zu wechseln. Doch der „Knoblauchfresser“ flüchtet nicht! Er stellt sich gekonnt dem Grau. Eisner muss hingegen seinen eigenen Schatten noch überwinden. Den türkischen Freund seiner Tochter kann er nicht zwangsversetzen. Alle Patriarchen werden in diesem Tatort somit auf die geistige Größe des verunglimpften Minaretts geschrumpft. Beim Anblick des winzig weißen Phallussymbol musste ich mehrmals lachen. Regisseur Harald Sicheritz hat sich ganz auf das Bauernstück eingelassen. Sicheritzs filmisches Sittengemälde im gebirgichten Tirol setzt das Sujet ins rechte Licht. Bereits die kitschig märchenhaften Waldaufnahmen zu Beginn sprengen jedwede Erwartungshaltung eines Krimisuchenden. Der Mord ist in der Tat Nebensache.

Die Überzeichnung der männlichen Charaktere bis ins Lächerliche lässt die Frauen im Film zu wahren Ikonen aufsteigen. Während Melisas Bruder Kampfsport ausübt, ist sie um ihre Bildung bemüht. Die Mütter stehen alle aufgeklärter den Mischehen gegenüber als ihre plumpen männlichen Pendants. Ihre Sprache ist der Schmerz. Nur auf sie hören will keiner. Selbst Pfurtscheller beschwert sich darüber, dass er das Geschreie dieser türkischen Angehörigen nicht mehr erträgt. Dabei bringt die Mutter der toten Ayse die Moral der Geschicht mit einem Satz auf den Tisch:

Ich halt Euch Männer nicht mehr aus!

Und dieses Motiv nehme ich gerne ab.

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7 Antworten

  1. Dito, liebe Chloe, in der Tat fand ich diesen Satz auch wirklich stark. Ein Manifest für alle Frauen, die unter anatolischen, tirolerischen und sonstigen Paschas leiden. Nur bitte – wenn schon jemand aufgehängt werden muss, um dieses Leid zu beenden, dann doch wohl der fiese Gatte nebst übereifrigem Sohn (im getuneten bunten BMW ein Bild von einem „Lan“), noch besser wäre es allerdings sich lebend von Lebenden zu befreien – aber dann fehlte ja der Tatort.
    Ansonsten fand ich Romeo und Julia in Tirol zunächst auch arg klischeereich, dein Ansatz mit dem Bauerntheater hat mich jedoch restlos überzeugt – so gesehen war das alles sehr ordentlich, da gibts gar nichts zu meckern über die Vorstellung im Tatort-Stadl. Alles, was zu einer richtigen Gaudi gehört, war dabei.
    Und mir war ebenfalls der hin- und hergerissene Vedat äußerst sympathisch. Ein Vertreter des „Vögel ohne Beine“-Schwarms, der nirgendwo landen kann, wie unser lieber Freund Urban das Problem mit dem Migrationshintergrund gerne auf den Punkt bringt.
    Ein Gesamturteil fällt da recht schwer.
    Im Stadl ne 1-, als Tatort ne 4, da kämen wir immerhin auf eine solide 2-3 und hoffen auf Besserung im zweiten Halbjahr, oder wie oft kommt der Ösi-Tatort?

  2. Hey Maya-Kollege,

    aufpassen! „Ösi“ klingt hier unten recht abwertend.
    Und Du weißt doch, dass ich mich den „Schluchtenscheißern“ (das gibt Wiktionary tatsächlich als Synonym an!) stark verbunden fühle. Oder ist „Ösi“ lediglich ein lieblicher Kosename für Özdemir? Wie auch immer, Tim Seyfi ist ein großartiger Schauspieler! Nur seinetwegen können wir das Gesamturteil 2-3 so stehen lassen. Ist eingetragen!

    Trotzdem bin ich stolz auf Dich! Dein antrainierter Migrationshintergrund ist derart weit fortgeschritten, dass Du ohne jegliche politische Korrektheit offen das Wort „Lan“ verwenden kannst. Willkommen im Migrationshintergrundsboot.

    Ade vom weißen See

    Chloe

    P.S.: Bisher habe ich beim Klettern keine Kameraleute entdeckt. Also keine Ahnung, wann der nächste Schluchtenscheißermord begangen wird.

  3. Klar geht mir „lan“ leicht über Lippen und Tastatur, schließlich wohne ich doch unter anderem auch quasi in einer türkischen Metropole:
    „Berlin hat außerhalb der Türkei die größte türkische Gemeinde in Europa.“
    Was mich allerdings stutzig macht ist, dass mir die adäquate weibliche Bezeichnung fehlt. Meine empirische Erhebung brachte bisher nur „Tussi“ zum Vorschein – nicht sehr türkisch.
    Vielleicht kannst du mir da ja helfen?

    Zum „Ösi“ mayne ich sagen zu können, ich verwende dies nur als liebevoll neckendes Kosewort, der von dir erwähnte Fäkalname würde mir völlig fern liegen. Im Zeit-Magazin der letzten Woche war auch zu lesen, dass Kosenamen mit Zuneigung zu tun haben.
    Ich liebe Österreich und habe dort schon viele viele fantastische Urlaube verbracht. Außerdem machen sie leckeres Essen, Tafelspitz, Schlutzkrapfen und erst die Mehlspeisen…! Auch gegen Österreicher habe ich nichts, ganz im Gegenteil, denk nur an die tollen Autorinnen, die dort herkommen und die ich so gerne mag. Den Diskriminierungsvorwurf kann ich wirklich besten Gewissens abschmettern.

  4. Passt scho! Und ein weiblicher Lan ist meiner Meinung nach eine „Aische“. Im Tatort heißt auch noch eine der Schwestern so: Ayse.

  5. […] Mommsen) das Kopftuch seiner Großmutter aufführt, fühlt man sich stark an den letzten Tatort aus Österreich erinnert. Um ein Filmzitat – postmoderne Allüren traue ich in diesem Fall den prominenten […]

  6. […] die Sache mit den Ehrenmorden und muslimischen Zwangsehen ist sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das behaupte ich jetzt […]

  7. […] ist mal wieder schwierig, da die altbekannte Genre-Frage für Verwirrung […]

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