Google ist der neue Gott


Früher engagierte man Heiratsagenturen, um die weiße Weste des Zukünftigen zu überprüfen. Aber da auch diese vom Mitgiftjäger (siehe aktuelle Buddenbrook-Verfilmung – arme, arme Toni!) gekauft werden können, sollte man derartige Detektivarbeit selbst in die Hand nehmen.

Wieso also nicht die Verbindungen nach ganz oben anzapfen? Google ist der neue Gott! Er sieht alles und er erhört täglich unsere Suchbitten. Im Gegensatz zum Voodoo-Zauber benötigt man nicht einmal ein paar Haare oder sonstige menschliche Überreste des Opfers. Vor- und Nachname reichen, um in die psychologischen Tiefen des Anschauungsobjektes zu gelangen.

Der gläserne Macho 2.0: Meine gute Seefreundin Muckie hat erst letztes Wochenende einen heißen Latino kennen gelernt. Frau hat ja so ihre Vorurteile… Herr Heißblut betonte gleich mehrmals, dass er nicht einer dieser Draufgänger und Schürzenjäger sei. Muckie, ein Profi im investigativen Singleprofilerismus, investierte nach dem Date nur zehn Minuten in eine gelungene Recherchearbeit und war sofort eines Besseren belehrt! In einem spanischen Zeitungsartikel (Gott spricht alle Sprachen bzw. Google übersetzt sie für seine Jünger…) gab Mr. Right an, dass „Frauen, Alkohol & Fußball“ zu seinen Hobbys zählen. Klingt das nicht vertrauenswürdig?

Gut, man soll nie vorschnell urteilen. Wie bei richtigen Heiratsagenturen müssen im zweiten Schritt Familie und Freunde angezapft werden. Die vom potentiellen Vater Deiner Kinder unter Google recherchierten Netzwerkprofile werden daher als „Freunde geadded“, um an weitere private Informationen zu gelangen. Was Muckie auf Facebook vorfand, entlarvte den Gentleman nun restlos als Gigolo: Kommentare von One-Night-Stands, Zickereien von Exfreundinnen und Reportagen von Kumpels zu Trinkgelagen…

Langsam, man soll nichts glauben, was man nicht mit eigenen Augen gesehen hat! Um so dümmer, wenn Freunde einen auf Partyfotos „taggen“. Klar, in unserem Alter hat jeder eine Geschichte. Aber muss man das so offen im Netz dokumentieren? Bei der Beweislage kann Mr. Latino nun nur noch vor seiner internetabstinenten Mutter den unschuldigen Sohn spielen. Bei der modernen Muckie ist er raus!

Auch Chloe musste schon mehrmals zuschauen, wie ihre aktuellen Dates rumknutschend auf Fotos getagged wurden. Wir sind ja alle kein Kind von Traurigkeit, aber zeig mir Deine Freunde und ich sag Dir, wer Du bist! Meine Freunde würden nicht im Traum daran denken, meine Zukunft im Netz durch denunzierende Fotos zu zerstören. Ferner bin ich zum Glück eine Karikatur und kann höchstens zweidimensional bei Eskapaden ertappt werden. Wer das dokumentieren will, muss erstmal zeichnen lernen. Hoffentlich kommt mein MoMa auf keine dumme Ideen…

Aber auf was Männer sonst kommen ist unmöglich. In letzter Zeit werde ich vermehrt von mir völlig unbekannten Web-Machos angebaggert. Egal ob berufliche Netzwerke wie XING oder private wie Facebook: Das Internet ist zum reinsten Kuhhandel verkommen. Neulich wollte mich so ein Typ als „Freund adden“. Statt den Vorfall zu ignorieren, antwortete ich patzig: „Why should I know you?“ Die Antwort kam prompt:

myspaceanmache3
In Zukunft ignoriere ich wieder alles. Und das mit dem Googeln hat mir Maya auch verboten. Sonst lande ich wieder beim Über-Ex. Und Ego-Googeln war noch nie mein Ding. Ganz im Sinne: Je mehr Suchergebnisse es im Netz zu meinem Namen gibt, desto wichtiger bin ich. Oder realer? Bin ich erst, wenn ich googelbar bin? Ich muss schon zugeben, dass ich es unheimlich finde, wenn ich ein Date google und kein einziges Suchergebnis zu dem Namen finde. Als würde man eine inexistente Persönlichkeit treffen. Einen Namen, dem Google noch kein Gesicht gegeben hat.

Und wenn schon nicht über Dich geschrieben wird, dann mach selber auf Dich aufmerksam, indem du Artikel auf Wikipedia stellst. In jedem von uns steckt Google! Oder pflege bei Personensuchmaschinen wie yasni.de und 123people.de dein Netzgesicht. Hier erfährst Du auch, wie oft pro Woche nach Dir gesucht wird! Abonniere einfach eine Newsletter. Aber vorher bitte noch ein paar private Daten freigeben.

Nach mir wird gesucht? Aber klar doch! Das Googeln nach Freunden ist ja in diversen Kreisen zum reinsten Gesellschaftsspiel verkommen. Man legt falsche Profile an, added sich, kommentiert mit dem Ergebnis auf dem Bildschirm das fettleibige Profilfoto, den Job, die neue Freundin des Verflossenen, des Erzfeindes, der schlechten Bettgeschichte etc. Besser als jedes Abi-Nachtreffen!

Chloe ist selbst mal so einem googleuellen Kreis auf die Schliche gekommen. Wer mich unter XING direkt unter dem Namen „Chloe vom See“ sucht und auf meiner Seite landet, der wollte nur an meine Daten! Ich konnte mir schon denken, dass das wohl eine aktuelle Flamme meines Über-Ex sein muss, die sich über die Existenz dieser Verrückten, die so lange mit dem Freak zusammen war, versichern musste. Ich machte mir einen Spaß daraus und schrieb der Profiljägerin. Gut, etwas Risiko ist bei so einer virtuellen Attacke immer dabei. Jedoch hatte ich Recht! Und die knudellige Studentin rief noch an dem Tag schockiert bei meinem Über-Ex an und fragte ihn, woher ich wüsste, dass sie auf meiner Seite war.

Mich schockierte indes, dass die meisten Netzanwender immer noch so naiv sind. Glaubt Ihr denn im Ernst, dass Euch Facebook völlig umsonst Massen an Speicher für Eure Urlaubsfotos zur Verfügung stellt? Nichts ist umsonst. Eure virtuellen Spuren sind nachhaltiger als die reellen im Sand. Google macht uns unsterblich!

Apropos, gibt es eigentlich auch einen Friedhof für tote Profile? Verwandte pflegen Deinen virtuellen Onlineauftritt für Dich weiter. Freunde können Dich aus aller Welt am Grabstein besuchen, Kommentare hinterlegen, zu Weihnachten gratulieren. Diese Idee sollte ich mir patentieren lassen… wie wäre es mit dem Namen „Corpsebook“?
Ich backe jetzt auf alle Fälle einen ganz realen Kuchen für die Geburtstagsparty meiner ganz realen Freundin Karin. Auf der Party werden bestimmt wieder Fotos geschossen, damit sie auf Facebook landen. Soll doch Mr. Latino ruhig vor Augen geführt werden, welch klasse Frau er da verpasst hat! Und liebe Muckie, ich pflege stets den Spruch:

Ich suche nicht, ich werde gefunden!

Der Richtige wird eines Tages bestimmt mit einem echten großen Blumenstrauß vor Deiner Tür stehen. Und dann verlässt Du Dich wieder ganz mündig aufs Gefühl und nicht auf Google.

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7 Antworten

  1. Kleiner Hinweis; http://www.123people.de ist zwar ein exzellentes Instrument zur Personensuche, aber Profile anlegen und damit, wie du schreibst, das „Netzgesicht pflegen“, kann man nicht …

  2. Hallo Bernhard!
    Was für ein Fauxpas. Da habe ich in der Tat Yasni und 123people über einen Kamm gekehrt. Tut mir aufrichtig Leid! Als Hobbyblogger fehlt mir leider die Zeit für echte investigative Recherchearbeit… daher freut es mich sehr, dass Du hier den Fehler aufgedeckt hast. Soll nicht mehr vorkommen.
    Beste Grüße vom See
    Chloe

  3. no prob. Gratuliere, kurzweiliges Blog – weiter so :)!

  4. Also, aus ganz diversen Gründen nur ein klein wenig verspätet mein bereits am Telefon angekündigter Kommentar: Ich hatte vor kurzem auch bei Facebook eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Nachdem ich wieder Freundschaft geschlossen hatte nach jahrelanger Funkstille zu einem Ex-Freund, eben über Facebook, hatte ich sehr kurz darauf noch eine Freundesanfrage im Postfach. Ich dachte, das sei vielleicht eine, die ich damals über ihn kennengelernt hatte, denn er wohnte weit weg, und wenn ich ihn besuchte, waren da immer ganz viele Leute um ihn herum. Hätte gut sein können, dass das eine von denen war und ich mich nicht mehr erinnerte. Aber nein, anders: Es ist seine jetzige Freundin, erfuhr ich nun von ihm. Sie sei ein wenig eifersüchtig. Äh? Und ich hatte bestätigt! Hab sie gleich wieder aus meiner Liste gelöscht. Sowas!

  5. […] Über die Exhibitionismuslust auf Netzwerk-Plattformen haben wir uns ja schön öfters aufgeregt. Der angeregte Diskurs im Freundeskreis brüskiert sich nun gerade darüber, wie und ob man […]

  6. […] Umso wichtiger also, dass Du lernst, Deine Information selber zu verwalten! Im Blogeintrag Google ist der neue Gott wetterte Chloe bereits: Mich schockierte indes, dass die meisten Netzanwender immer noch so naiv […]

  7. […] habe mich ja schon mal gefragt, was mit dem Profil eines Verstorben passiert… Apropos, gibt es eigentlich auch einen Friedhof für tote Profile? Verwandte pflegen […]

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