Ganz normale Ehe findet rückenschonendes Ende – Leipziger Familientragödie


Tatort aus Leipzig: „Schwarzer Peter“, 18.1.2009, 20.15 Uhr

Wohlwollende Note: 3-

Tja – wenn die Schwiegermutter schluchzend aufs Band spricht, da kann selbst dem brutalsten Ehemann und härtesten Schläger die Erektion versagen und die Lust vergehen, mal wieder richtig schön die Frau auf dem Teppich im ordentlichen Eigenheim zu vergewaltigen. Dabei ist dieses gewalttätige Verhalten doch gute Familientradition und die Frau (Chiara Schoras als Susanne Kuhnert, geborene Schneider) kennt das von zu Hause bereits, schließlich würde ihre Mama (Suzanne von Borsody als Gitta Schneider) sich wenig wundern, wenn sie wüsste, warum ihr Anruf nicht entgegengenommen wird, ihr gerade verstorbener Mann (Peter Schneider) war vom gleichen Kaliber wie der Schwiegersohn (Thomas Huber als Rüdiger Kuhnert).

Und schon sind wir mittendrin im Diskurs „häusliche Gewalt“ – schicksalhafter Familienfluch oder doch eigenverantwortlich begangene Tat? Hier werden Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern – ganz was Neues.

Darüber führen auch die ermittelnden Komissare Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) eine angeregte Diskussion beim gemeinsamen Kochen. Saalfeld – ganz FRAU Komissarin – ermittelt nämlich im vorliegenden Mordfall stets mit viel Empathie und Gefühl. Der knarzige Keppler hingegen geht ein wenig taktlos vor und stöbert gleich in der Wohnung der Witwe, während ihr der Fund des toten Ehemannes gerade erst schonend beigebracht werden soll. Dafür geißelt die Kollegin und Ex-Frau den Keppler auch sofort:

Typisch, immer wenn es um Gefühle geht, haust du ab!

und bekommt eben später als Retourkutsche von ihm aufgezeigt, dass allzuviel Psychologisierung zur allgemeinen Schuldunfähigkeit führt:

Der Freie Wille ist nur eine Illusion.

Aber von vorne – was ist passiert?

Eine zum Bondagepäckchen verschnürte Wasserleiche ohne Beine wird aus der Weißen Elster gefischt. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Unternehmer und Familienvater Peter Schneider handelt, der privat und beruflich ein ausgemachter Despot war, zu Hause auch ein Schläger und ansonsten einer, der auf die Korruptheit der Menschen zählte und damit auch gut gefahren ist. Drum hat auch jeder ein Motiv. Die terrorisierte und misshandelte Familie, der durch Intrigen des Chefs gedemütigte Ziehsohn und Stellvertreter und der langgediente Mitarbeiter, der fristlos entlassen wurde.

Nur wer hat wohl den Schwarzen Peter an sich genommen und die Welt „um ein Arschloch erleichtert“? Den neuen gesäuberten Zustand der Erde begrüßt der Sohn des Opfers mit genau diesen Worten und bedauert glaubwürdig, es nicht selbst gemacht zu haben, somit ist er raus aus dem Spiel. Sowieso haben alle blöderweise ein Alibi für die Tatzeit. Bis sich – oh wundersame Fügung – kurz vor Ende herausstellt: die Tatzeit ist durch einen Lapsus falsch recherchiert. Die neugierige Nachbarin hat zwar das Auto des Opfers wegfahren sehen, aber eigentlich nicht erkannt, wer drinnen saß, hätte man auch früher mal genauer nachfragen können. Neue Tatzeit plus ein Päckchen Liebesbriefe, die mit dem gleichen Knoten wie die Leiche  verschnürt waren, führen zur Witwe, die inzwischen auch schon erfolglos ihrem eigenen Leben ein Ende setzen wollte. Die Mutter hat es also auf sich genommen. Nach all den Jahren des Terrors, die sie und ihre Kinder völlig verstört haben, hat sie nun endlich den Spieß umgedreht und den Peiniger erstochen. (Prophetisch angekündigt von Saalfelds Postulat gegen stereotype „Täter=männlich“ und „Opfer-weiblich“-Zuschreibungen.) Dass sie vielleicht mit Notwehr statt Mord davonkommen könnte, ist der Witwe Schneider inzwischen auch wurscht, einziger Lichtblick: die Tochter konnte durch das engagierte und mitfühlende Handeln der Komissarin mal eben so aus den Fängen ihrer Gewaltehe befreit werden, der Fluch ist also schwuppdiwupp gebrochen. War wohl doch keine Tragödie mit schuldhafter Verstrickung im griechischen Ausmaß.

Bleibt nur noch eine Frage, Keppler stellt sie der Täterin, warum hat sie dem Schwarzen Peter die Beine abgeschnitten? Die Antwort ist die Antwort einer ganz normalen Frau mittleren Alters, die wie sie stets beteuerte, eine ganz normale Ehe führte: sie solle nicht so schwer tragen, habe der Arzt gesagt, wegen des Rückens. Ja gut! Hat der Keppler recht. Muss eben nicht immer alles psychologisiert werden.

Die Leipziger Tatortkomissare werden vorerst nicht in meine Top 5 aufsteigen, das ist mir alles viel zu holzschnittartig. Die Debatte „Schuld und Verantwortung angesichts der Psychologie“ ist so lahm wie die „Herz und Hirn“-Rollenaufteilung der Komissare und die kleine Plänkelei mit dem hübschen jungen Rechtsmediziner, der dem zerknautschten Keppler im Kampf um die Gunst der Saalfeld gegenübersteht. Und die Story (Drehbuch: Kathrin Bühlig) war schon ziemlich lau, trotz des heißen Eisens „erbliche Gewaltehe“. Das eindimensionale Opfer, ein Mann, der immer nur böse böse böse war, noch dazu dumm und sich nicht von alten Gepflogenheiten der Diktatur lösen mochte, hatte es eh verdient – aber sowas von, da hilft auch die Fürsprache der Sekretärin nicht. Zum Glück gerät wenigstens der Schwiegerschläger ein wenig diffenrenzierter. Die Figur der Täterin lebt einzig vom großartigen Spiel der unglaublichen Susanne von Borsody. Nur wenn eine gut spielt, ist es noch kein guter Tatort.

Mit viel gutem Willen – es war ja erst der 3. Fall aus Leipzig- und vielen Lorbeeren für die Besetzung der Täterin, ihrer Kinder und Schwiegerkinder gebe ich eine 3-.

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2 Antworten

  1. […] Zuschauer den letzten Tatort mit dem Vorgänger vergleichen und googeln deshalb montags nach der Rezension von vor einer […]

  2. […] nach dem Vorbild der rückenschonenden Leichenverwertung aus dem Leipziger Tatort  “Schwarzer Peter” durch seine Ehefrau posthum die Beine […]

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