Heiße Eisen zu Discount-Preisen


Tatort aus Ludwigshafen: „Kassensturz“, 1.2.2009, 20.15 Uhr

Gesamturteil: solide 2+

Um alle Spannung auf die Wertung schon mal völlig vorwegzunehmen hier ein zufriedener Seufzer: Das war doch mal ein schöner Tatort aus Ludwigshafen, den ich lange zu Unrecht verschmäht habe! Maya maynt dass sie sich gut unterhalten fühlt.

Nicht zuletzt weil der Tatort in diesem Tatort ein gerade erst von uns kontrovers besprochener  Schauplatz ist: ein Supermarkt und zwar einer von der bösen Sorte – ein Discounter! Hier hat das Ding den Namen billy – es steht aber stellvertretend für all die uns bekannten realen Übeltäter, die ihre Mitarbeiter bespitzeln, trietzen und daran hindern einen Betriebsrat zu gründen oder auch nur ein normales Leben zu führen.

Der getötete Gebietsleiter Blaschke wird auf der Mülldeponie gefunden und schnell sind die ermittelnden Kommissare Odenthal und Kopper mittendrin im täglichen Alptraum der billy-Mitarbeiter. Die eiskalte Atmosphäre des Supermarktes in der ein enormer Druck auf den Mitarbeitern liegt und Arbeitsbedingungen herrschen wie man sie aus den diversen Schwarzbüchern kennt, erscheint nicht einmal übertrieben. Gerade das jagt dem Zuschauer aber einen ordentlichen Schauer über den Rücken. Besonders dann, wenn von verschiedenen Seiten die Anklage ertönt:

Wer derart billig einkaufen will, der macht mit bei dieser Ausbeutung.

Diesen Satz schleudern die gleichermaßen zynischen Insider – die billy-Führungskräfte und der Herr von Gewerbeaufsichtsamt, der mit einer seltsamen Begeisterung alle Details der üblichen Missstände und Machenschaften aufzählt – den verstörten Gesichtern der Kommissare entgegen. Bei diesem Wirtschaftskrimi sind wir alle ein bisschen Täter.

Im billy-System wurde selbst die Sprache rationalisiert, hier gibt es MAs die Produkte nach MHD sortieren und GLs, die das WWS im Griff haben. Der Mensch zählt nichts, soziale Kontakte, firmen-in- wie -extern werden systematisch untergraben. Kein Wunder, dass es da einmal knallen muss. Weder kann ein liebender Mann dabei zusehen, wie seine Frau sich andauernd dieser Hölle aussetzt um ihm den Lebenstraum vom Popstar-Dasein zu finanzieren, noch eine Filialleiterin die permanenten Trittattacken ihres Chefs – Typ Radfahrer – dauerhaft ertragen und den Druck nicht weitergeben, gerechterweise gibt sie – offensichtlich keine Radfahrerin- ihn aber zurück. Nicht wirklich heldenhaft, aber doch folgerichtig und nachvollziehbar kommt da der Totschlag, der nur ein Rädchen dieser widerlichen Maschinerie trifft. Bringen wird das alles natürlich nichts, der Nachfolger (grandios: Jan Henrik Stahlberg bekannt aus Muxmäuschenstill) des Ermordeten hat bereits ein noch schäbigeres Regime aufgezogen und verträgt das System auch nur- wie man in der letzten Szene sieht – im betäubten Zustand.

Die Arbeit der Kommissare  in diesem sehr bedrückenden Fall wird zur Auflockerung von einer parallelen Ermittlung in ganz eigener Sache kontrastiert. Frau Keller – die Bürokraft im Präsidium – nimmt mit der Hilfe aller Polizikräfte und -mittel an einem Gewinnspiel des lokalen Radiosenders teil und kann sich nun auf ein Treffen mit George Clooney freuen. Was ein wenig an der Grenze zur Albernheit schrammt, tut bei diesem heißen Eisen allerdings ganz gut und sorgt für etwas heitere Entspannung, genauso wie der Stromausfall, der mit Kopplers Ermittlungsklettertour an einem Strommast korreliert.

Ein nachvollziehbarer Fall in einer völlig authentisch gezeichneten Umgebung mit spannender Suche nach dem Täter und einem Schuss Erleichterungshumor – was will man mehr?

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2 Antworten

  1. Hi Maya,
    und ich hing im Allgäu fescht, wie ärgerlich! Beim Durchlesen Deiner Rezension hätte ich mich am liebsten gleich selber verhaftet… die Einführung von Abkürzungen wie WWS (englisch: ERP) sind mein täglich Brot… nur meine brotlose Blog-Kunst tröstet mich über das System hinweg. Radfahren hingegen kommt mir zum Aufbau meiner Work Life Balance nicht in die Tüte. Noch mehr Sport heißt lediglich noch mehr hässliche Sportschuhe im Regal.
    Ade vom See
    Chloe

  2. […] nun der neueste Beweis für die Zuverlässigkeit des Tatort-Orakel-Spruchs: Genau wie im “Kassensturz“, der Anfang Februar lief, wurde in Berlin eine Kassiererin wegen der Unterschlagung […]

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