L’Oréal statt Mauerfall


„Berlin ist arm aber sexy“ das wissen wir spätestens seit dem Ausspruch unseres beliebten Bürgermeisters Wowereit. Manchmal ist Berlin aber auch ganz schön blöd, wie man an der Organisation der aktuellen glamourösen Großereignisse in der Hauptstadt schmunzelnd beobachten kann. Das Zelt der Fashion Week am Bebelplatz ist gerade abgebaut, so dass der Blick auf das Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung endlich wieder frei ist. Erst kürzlich sind die Tränen der Touristen getrocknet, die die Entweihung des Ortes durch die Modeindustrie empörend fanden, da kommt schon der nächste Klops. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gibt es ein Kulturprojekt, das an die friedliche Revolution 1989 erinnert und den Wandel zeigt, den die Stadt seitdem vollzogen hat.  Der zentrale Standpunkt ist eine begehbare Infobox am Potsdamer Platz, diese musste aber jetzt einer begehbaren Schminkbox des Berlinale Hauptsponsors  L’Oréal weichen. Kann ja nicht sein, dass so etwas Unwichtiges wie die Vermittlung von Zeitgeschichte einen prominenteren Platz bekommt als ein very important Malstudio für menschliche Fassaden.

Da hat der Kosmetikriese schon recht – schließlich ist der unabhängige Style der kratzbürstigen Berlinerinnen dem internationalen Filmpublikum der Berlinale nicht zuzumuten. Die Hauptstadt-Gören müssen dringend auf Konformität und Hochglanz poliert und gekämmt werden. Der Anblick könnte Besucher mit eindimensionalerem Frauenbild sonst schwer verschrecken, wenn schon bei der stets ungeschminkten wie großartigen Jury Präsidentin Tilda Swinton für diesen Geschmack nichts zu holen ist. Also Mädels – auf zur Nachhilfe in Sachen Big Hair statt asymmetrischer Kurzhaarfrisur und bronzinggepudertem Glitzerteint statt rauher Winterblässe.

L'Oréal Potsdamer Platz

Wer will denn schon den Geist schärfen, wenn man den Lipgloss zücken kann?

Schließlich ist die Infobox ja auch gar nicht wirklich weg, sondern nur nach hinten gerutscht. Deutsche Geschichte an den Mann und die Frau zu bringen, überlassen wir ohnehin in Zukunft  besser Hollywood, dann klappt das auch. Hat man ja an Operation Valkyrie gesehen.

Infobox 20 Jahre Mauerfall

Verschobene Infobox für die ignoranten Kosmetikverächter

In dreißig Jahren können wir dann die ganze Chose als Blockbuster bewundern, hoffentlich hält sich Tom Cruise noch, dann wäre eine Heldendoppelrolle als Helmut Kohl und Gorbatschow gleichzeitig drin. Vielleicht wird aber auch der zukünftige Darsteller auf dieser Berlinale als neuer Star entdeckt.

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Eine Antwort

  1. Oh Pandoreal: Öffne die Büchse nicht! Bringe nicht noch mehr Oberflächlichkeit über die Welt herein!

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