Kartoffelmoslems


Tatort aus Bremen: „Familienaufstellung“. Sonntag, 8. Februar 2009, 20:15
Gnädige: 3-

Mein Vater pflegt immer gerne von den hiesigen Einheimischen als „deutsche Kartoffeln“ zu sprechen. Keine Ahnung warum. Um so lustiger, dass im Tatort aus Bremen die Aufstellung des türkischen Clans Korkmaz anhand ein paar lätschiger Pommes in der Polizeikantine erfolgt. So abgelutscht scheint das Thema Ehrenmord inzwischen zu sein. Déjà-vu-Erlebnisse verärgern den treuen Tatort-Zuschauer zunehmend: Wenn der Moslemversteher Stedefreund (Oliver Mommsen) das Kopftuch seiner Großmutter aufführt, fühlt man sich stark an den letzten Tatort aus Österreich erinnert. Um ein Filmzitat – postmoderne Allüren traue ich in diesem Fall den prominenten Drehbuchautorinnen Thea Dorn und Syran Ateş nicht zu – handelt es sich sicherlich nicht. Eine bessere Absprache zwischen den Drehbuchautoren wäre wirklich erwünscht. Sonst wird diesem ansonsten sehr wichtigem Thema aus lauter Überdruss nicht die richtige Aufmerksamkeit geschenkt.

Was wollen Dorn und Ateş uns sagen? Leider wieder so viel, dass gar nix mehr ordentlich herüberkommt bzw. alles sehr gefährlich populistisch anmutet!

1. Der moderne Pate ist kein mafiöser im Untergrund arbeitender Spaghettifresser mehr, sondern ein bis in die Politik einflussreicher türkischer Bauunternehmer. Mensch, aus dem schönen Erol Sander hätte man doch endlich mal ein fieses Arschloch rausholen können! Er kommt so schrecklich zahm daher. Brav schickt er immer seinen Anwalt vor. Erol Sander in einer Prügelszene… das wäre es gewesen!
2. In unseren modernen Zeiten tragen Fundamentalisten Designerkopftücher: Reichtum führt nicht zu Freigeist. Ganz im Gegenteil, in der schicken Bremer Villa versammelt sich ganz Anatolien.
3. Die dummen großen Brüder sind einfach zu feige, um sich vom Patriarchat zu emanzipieren und anstatt sich mit der intelligenten aus dem System ausbrechenden Schwester in Konkurrenz zu begeben, verstecken sie sich hinter dem sicheren Netz der Familie.
4. Moslemische Frauen und ihr verbissener Ehrgeiz der Familienehre gegenüber sind noch schlimmer als die großen Messerstecherbrüder.

Der Mörder von Rojin Lewald ist zum Schluss nicht das Weichei von einem deutschen Ehemann oder einer der männlich aggressiven Familienmitglieder des Korkmaz-Clans, sondern die eigene Schwester Arzu. Sie stilisiert sich als wiedergeflickte Jeanne d’Arc im Kampf für das Gesicht ihrer Familie und sticht die Frauen aus dem Weg, die sie aus der Ehehölle mit dem Bauerntrampel von Cousin retten wollen. Der wahre Pate ist nämlich Arzus bildhübsche und übermächtige Mutter. Das Muttertöchterchen kann sich nicht gegen diese Alpha-Frau, die selbst über aufgeschlitzte Arme hinwegsieht, auflehnen. Kein Wunder also, dass der Gebrauchtwagen gegen die Wand fährt, als ihr selbstkonstruiertes Kartenhaus der Unschuld zusammenzubrechen droht.

Arzus schizophrenes Hin und Her zwischen Geliebten und Familie überzeugt. Auch dass Geschwister innerhalb einer Familie sich unterschiedlich assimilieren können wird schön aufgezeigt. Dafür sind die lesbische Anwältin türkischer Abstammung sowie der deutsche Hanswurst von Ehemann wirklich zu dick aufgetragen. Warum verrennen sich die Autoren immer nur in solche furchtbaren Stereotypen? Die gebeutelten Figuren sind die vielen Arzus, die machtlos ihrer Ohnmacht gegenüberstehen. Ich fand den Schluss in der Tat grandios absurd! Der leidende Romantiker möchte eine Braut entführen, die sich trotz Abmachung auf einmal nicht entführen lassen will. Das mutet fast tragisch-komisch an!

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5 Antworten

  1. Maya singt nasal:

    „Ich bin ne Kartoffel-
    und ich bin cool damit;
    die Chloe nervt das Thema
    und schreibt trotzdem ne Superkritik“
    (frei nach Jan Delay)

    Dein Vater nennt uns Deutsche so, weil wir – ganz obrigkeitshörig, wie wir nun mal sind – noch immer den Kartoffelbefehl des großen alten Preußenkönigs ausführen und uns hauptsächlich von der starken Knolle ernähren, nur die liebste Darreichungsform ist inzwischen etwas fett und lätschig geworden. Dafür brauchen deutsche Kommissare dann halt auch kein neumodisches Zeugs wie Flipcharts oder gar Touchscreens etc, die spielen einfach mit Pommes den Fall nach.

    Hast schon recht – das nimmt ein bisschen überhand, dauernd Migrationsgeschichten. Aber sooo schlecht und klischeereich fand ich dann wieder nicht – immerhin hatten hier doch auch die Frauen das Heft, beziehungsweise das Messer in der Hand. Nur das blöde Kopftuch hat die kleine Arzu schließlich den Kopf gekostet. Tja Muslima-Mädels, lasst das doch einfach mit dem Ding – dann könnt ihr in Zukunft auch keine Tuchnadeln verlieren und überführt werden…

  2. […] von Sopranisse, Chloevomsee, vom Dünenwanderer sowie Diskussion im Tatort-Forum und ausnahmsweise auch im […]

  3. Danke Maya! Jetzt verstehe ich auch endlich, warum das andere pars pro toto meines Vaters für die Deutschen „Fritz“ lautet. Diese liebliche Abkürzung ist eine perfide Anspielung auf den Kartoffeljünger Friedrich II zu sehen! All diese Fragmente meiner Jugend ergeben nun langsam einen Sinn! Ich bin die Tochter eines Hermeneutikers!

  4. Schön wenn ich als Außenstehende zur innerfamiliären Verständigung beitragen konnte.

  5. […] die Sache mit den Ehrenmorden und muslimischen Zwangsehen ist sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so, hat man ja […]

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