Eliteschüler mit eiskalten Katzenaugen


Single Mom im Einsatz für SpreeSee-Stadtrockerinnen

Tatort aus Konstanz: „Herz aus Eis“, 22. 2.2009, 20.15 Uhr

Gesamturteil: eine schwankende 2-3

Heute ist mir die große Ehre zuteil geworden, für die beiden Autorinnen dieses Blogs das Wort zum Mord – und dann auch noch zu einem Mord am See! – zu sprechen. Denn die beiden sind, wie man gestern bereits eindrucksvoll verfolgen konnte, dieses Wochenende in gemeinsamer Mission unterwegs und waren deshalb zum „Tatort“-Termin unpässlich. Trotz hoher Motivation bin jedoch auch ich in meiner Eigenschaft als Mama bei der Durchführung dieser vertrauensvollen Aufgabe beeinträchtigt worden: Mein Kind mag zur Zeit nicht besonders früh ins Bett gehen und schlief erst um 21 Uhr selig. Dann bin ich aber stehenden Fußes und sofort zum Fernseher gestürmt, um wenigstens den Rest noch mitzubekommen. Dankenswerterweise konnte man um diese Uhrzeit noch gut in die Handlung einsteigen, selbst wenn man wie ich, und nicht wie Maya und Chloe, den Tatort nicht als sonntäglichen Pflichttermin betrachtet und nur sporadisch mal hereinschaut. Hätte ich nicht diese ehrenvolle Aufgabe heute, hätte ich vielleicht auch mal zu „Brokeback Mountain“ rübergezappt. Aber den gibt es ja auch auf DVD.

Die Handlung dieses Tatorts jedenfalls erinnerte mich ziemlich bald an etwas, das ich erst vor kurzem über Hitchcocks Geniestreich „Vertigo“ gelesen hatte: Dass der Meister selbst seinerzeit mit der Idee, seine Zuschauer bereits längere Zeit vor Ablauf eines Films wissen zu lassen, wer der wahre Missetäter ist, für Aufruhr sorgte. Denn das war für die Zeit ungewöhnlich: Aufgelöst wurde zum Schluss, basta. Tat man das nicht, musste man erst einmal eine Menge Kritik verkraften und dann auch noch die Spannung schließlich wieder anders herstellen. So tat das auch die Drehbuchautorin für den heutigen Tatort, Dorothee Schön. Mit einer Handlung, die nicht darauf basiert, dass das Publikum miträt, wer sich am Ende als Verbrecher entpuppt, sondern vielmehr klopfenden Herzens mitverfolgt, wie die beiden Mörder des Managersohns Stefan, allesamt Klassenkameraden an einem Eliteinternat, versuchen eine wichtige Zeugin aus dem Weg zu räumen, während die Kommissare (Eva Mattes als Klara Blum und Sebastian Bezzel als Kai Perlmann) ermitteln. So wurde dieser Tatort zu einem Thriller statt einem Krimi, und der in der zweiten Hälfte fast durchgehend anhaltenden Spannung verdankt er seine noch gute Bewertung. Der ganze Rest war nicht nur ein wenig langweilig, sondern auch ein wenig unglaubwürdig: Dass man an bestimmten Schulen durchaus dem Nachwuchs eines mitunter ganz eigenen Menschenschlags begegnen kann, steht außer Frage. Aber die Durchführung eines heimtückischen Mordes sowie der zweifache Versuch eines weiteren, ohne dass die heimliche Rädelsführerin auch nur einmal mit den eiskalten Katzenaugen zwinkert, das würde ich selbst Schülern eines Konstanzer Eliteinternats nicht ohne weiteres zutrauen wollen.

Doch zur Handlung: Der Sohn eines Top-Managers wird im Internatsschwimmbad tot aufgefunden, einzig Kai Perlmanns Fund eines Knopfes, der von seiner Bettwäsche stammt, führt die Ermittler auf die Fährte, dass es sich hier nicht wie zunächst angenommen um einen Selbstmord handelte. Die beiden Täter, ein Mitschüler und eine Mitschülerin, schüchtern auf geschickte Weise Olga, die Freundin des Toten, ein. Dieser war in Drogen- und andere dubiose Geldgeschäfte verwickelt gewesen. Olga versucht das zu vertuschen und wähnt sich der Solidarität der beiden sicher, nicht wissend, dass diese wiederum nur versuchen, sie unter Kontrolle zu halten. Als Olga jedoch nervös wird, weil die Kommissare einem weiteren Drogendealer der Oberstufe auf die Spur kommen, beschließen die beiden eiskalten Engel, auch sie aus dem Weg zu räumen. Mangels Einfallsreichtum entscheidet man sich wieder fürs Ertränken, diesmal in einem Eisloch im Weiher auf dem Schulgelände, in das sie das Mädchen locken. Als sie aus dem Loch nicht mehr herauskann und um Hilfe fleht, hilft ihr Mitschüler indes noch einmal mit einem Ast nach und schubst sie damit immer wieder zurück hinein. Kurz vor knapp können Blum und Perlmann, die inzwischen schon bei Olga in ihren Ermittlungen angekommen waren, die bewusstlose Schülerin retten. Die beiden, die sie umbringen wollten, schalten blitzschnell um in die Rolle als Freunde, die Olga vergeblich zu retten versuchten. Noch am selben Abend treiben sie in der Intensivstation des Konstanzer Krankenhauses ihr Unwesen, um ihren misslungenen Versuch, Olga beiseite zu schaffen, zu vollenden. Die ruchlose Klassenkameradin und ihr Partner haben die Idee, ihr Insulin in die Infusionsflasche zu spritzen, damit sie ohne Nachweis im Körper stirbt. Angeblich ist das eine Strategie aus dem Film „Das Netz“ – hier versteht man, warum sich die Polizei manchmal die Haare rauft darüber, wie man sich aus Film und Fernsehen wunderbare Pläne für perfekte Verbrechen abschauen kann. Oder doch nicht ganz perfekt: Die immer etwas abwesend wirkende und doch sehr resolute Kommissarin Blum findet die Insulin-Spritze bei dem aalglatten Mörder Max, auf den durch die Aussage des davor zum Thema Drogen verhörten Mitschülers ohnehin bereits ihr Verdacht gefallen war. Der hatte angedeutet, dass Max in der Eishockeymannschaft spiele und wisse, wie man Leute aus dem Eis rette und wo sich vor allem eine Leiter genau zu diesem Zweck befinde. Dass Frau Katzenauge ebenfalls mit drinhängt, war dann auch klar. Da wischte man sich als Zuschauer, die halbe Stunde davor herzklopfend auf dem Sofa gekauert, bereits den Schweiß von der Stirn. Olga kann gerade noch gerettet und die beiden Übeltäter sogar mit einem vorgegaukelten Videobeweis zu einem Teilgeständnis gebracht werden. Als Blum zum Schluss angibt, einmal nachzusehen, ob es wirklich Videoaufzeichnungen auf der Intensivstation gibt, trägt das positiv zur ansonsten ja hier überall etwas hinkenden Glaubwürdigkeit bei, denn wie sollte man das alles vor Gericht sonst nachher beweisen – nur anhand von Olgas Aussage?

Die Nebenhandlung scheint selbst für mich als sporadische Zuschauerin Tatort-typisch zu sein: Es geht um Perlmanns erhoffte Beförderung zum Kriminalhauptkommissar, und kleine Kabbeleien zwischen ihm und Blum, weil sie vor denen, die das letzte Wort haben, ein bisschen kuscht, können dem Resultat letztendlich nicht entgegenstehen: Perlmann wird zum Schluss natürlich befördert, und es bleibt zu hoffen, dass Klara Blum damit vielleicht auch einmal ihre merkwürdige Angewohnheit überdenkt, ihren Mitarbeiter zu duzen, während er sie siezt – Hierarchie in allen Ehren, aber viele Menschen würden das wohl bei allem Respekt nicht so mitmachen. Unter solchen Aspekten leiden am Ende auch etwas die Dialoge.

Zusammen mit der beschriebenen Problematik mit der Glaubwürdigkeit – als die überführte, Hitchcock-verdächtig skrupellose Mörderin zum Schluss ein paar Krokodilstränen vergießt, weil sie sich ertappt fühlt, und ihrerseits versucht, mit der Geschichte ihrer durch daueralkoholisierte Eltern verkorksten Kindheit Mitleid zu heischen, ist das so grotesk, dass man gar nicht mehr weiß, wie das jetzt noch einzuordnen ist – führt das insgesamt dazu, dass man geneigt ist, diesen Tatort nicht ganz so gut zu bewerten, wenn nicht für seinen Unterhaltungswert der unglaublich gut aufgebauten Spannung wegen. Deshalb wird eine 2-3 meiner Meinung nach der Handlung am besten gerecht.

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4 Antworten

  1. Wow – vielen Dank für deinen großartigen Einsatz. Vor allem wenn du dafür auf den leckeren Anblick von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal verzichten musstest, um uns mit so einer schönen Rezension zu erfreuen. Das ist ja als wären wir dabeigewesen. Die Absage an das gute alte whodunit? klingt doch nach einer schönen Abwechslung im Tatort-Geschehen. Ansonsten hört sich das schon sehr nach eiskalte Engel an. Und Internatsgeschichten fand ich sowohl im echten als auch im fiktionalen Leben eh schon immer irgendwie übertrieben.

  2. […] wieder mit einem umfassenden Kompendium auf. Sopranisse mag Frau Blum nicht, dafür haben Annabell, Chloevomsee (eigentlich ihre Mutter) und einige Tatort-Forum-Mitglieder zugesehen. « […]

  3. Kein Problem.. ja, das war einfach ein wenig platt. Gerade, wenn die Kommissarin auch Psychologin ist, könnte man ja eine Geschichte erwarten, die etwas tiefgründiger das Seelenleben von Kindern aus „außen hui, innen pfui“-Elternhäusern darzustellen versucht. Victoria hieß die schöne Böse, lese ich gerade anderswo. Auf der Tatort-Website stand das nicht, und ich wusste es danach schon nicht mehr. Das nächste Mal – sollte es eins geben, wenn Ihr zum Beispiel Euren gemeinsamen Theaterabend irgendwann nachholen wollt 😉 – schreibe ich mit.

  4. […] per Insulin um die Ecke brächte. Nicht nur weil die Spreesee Besucher schon fleißig diese “Mordsidee” googeln, sondern weil sich die Handlungen des geliebten Tatorts in letzter Zeit so oft als […]

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