Frühlingsstrahlen auf Schnapsleichen


So schnell kann es gehen – letzte Woche taumelten wir noch durchs nächtliche Schneetreiben und meine Ausnüchterung wurde durch das wenige und kurz andauernde Tageslicht kaum gestört und nun kehrt dieses Wochenende pünktlich zum neuen Monat März eine Frühlingsahnung in Berlin ein.

Während die verrückte Chloe mit Gittern unter den Füßen durch die Alpen tobt und ihre Mitstreiter unter die Schneebar trinkt, kann selbst ich – das ausgesprochene Nachtschattengewächs – den Kater nicht mehr gemütlich in der Wohnung ausschnurren lassen. Zu sehr locken die Sonnenstrahlen. „Hinaus hinaus“ rufen sie. Also ist flugs ein hübsches Sonntagsprogramm aufgestellt. Allerdings, was man da zu sehen bekommt, ist dann doch wieder ein Plädoyer für die häusliche Erholung am siebten Tag.

Station 1, 15 Uhr: Der Carpet Flowmarkt im hippsten Mitte Hype Laden .hbc.

Eine Traube von übernächtigten durchgefeierten und mit allen möglichen Substanzen infizierten Partyleichen hängt auf dem Treppenabsatz ab, raucht, trinkt Kaffee oder noch ein letztes Bier. Drinnen ist es furchtbar warm, riecht aber lecker nach Waffeln. Erst geht es noch elektronisch zu, doch mit dem Wechsel des Publikums – von ganz jung und noch wach zu den schicken junggebliebenen Paaren, die jetzt schon wach sind, weil sie inzwischen Kinder haben, aber immer noch ganz cool sind und wissen, wo man sich zeigen muss – wechselt auch die Musik und plötzlich schmachten sich Barbara Streisand und Barry Gibb an. Kitsch lass nach! Verkauft wird auch nichts wirklich Spannendes und in 10 Minuten bin ich wieder raus aus der Sache. Außer Pose(r)n nix gewesen. Schließlich scheint mir ein Fischbrötchen von nebenan doch das einladendere Essen zu sein als die angebotenen Snacks an der improvisierten Flohmarktbar.

Sation 2, 15.20 Uhr, Nordsee.

Das mit dem Fischbrötchen sehe nicht nur ich so, sondern auch der Querschnitt aller Sonntagsflaneure, deshalb muss ich jetzt ewig anstehen und kann mich nochmals davon überzeugen, dass mein Eindruck richtig war. Ein letzter Blick auf das ins hbc strömende Publikum festigt die Meinung, hier ist einfach jedes Mitteklischee vertreten. Schön, wenn man sich in der Sonntagskaterstimmung wenigstens an solchen Schubladen festhalten kann.

Station 3, 15.30 Uhr, Unter den Linden und Lustgarten.

Da ich mich jetzt aber schon einmal hinausgewagt habe und der erste Märztag erstaunlich warm ist, lasse ich mich von dem Touristengemisch weitertreiben, denn von da drüben hinterm Dom locken die weiß-roten Budendächer der Flohmarktausgabe für das Normalo-Publikum ohne Party- und Medienhintergrund. Was da an Waren feilgeboten wird, ist genauso unspannend oder noch schlimmer als der Kram in Station 1, nur dass einem die Leute nicht ganz so verpeilt vor den Füßen runlaufen. Dafür sind die Preise schlicht und ergreifend unverschämt. Ich weiß nicht, wer für olle Insel-Taschenbuchausgaben 5 Euro hinlegt, es kann aber nur bedeuten, dass hier ganz knallhart mit der verminderten Denkfähigkeit der Flaneure am Sonntag kalkuliert wird. Und wer hängt sich eigentlich all diese bunten und hässlichen Bilder der hiesigen Künschtler in die Wohnung?

Lichtblick an diesem Frühlingstag ist da dann doch die Illustration der ganzen Situation durch den Straßenkünstler, der die Damen und Herren an ihren Zustand in der gestrigen Nacht erinnert und der dürfte ungefähr so ausgesehen haben:

Schluckspecht

Schluckspecht

Damit habe ich dann genug gesehen für heute, jetzt fehlt nur noch ein wenig Zucker und dann geht es zurück in die heimische Höhle.

Nun bin ich auch wieder bereit den Volks-Opiat-Kasten einzuschalten, den ich seit gestern Abend mied, weil der unsägliche Boris Becker sich doch tatsächlich nicht entblöden konnte seine anstehende Heirat auf der Wetten Dass?-Couch anzukündigen. Eine derartige Geschmacklosigkeit hätte ich ihm dann doch nicht zugetraut, obwohl – nach der bestens medial aufgearbeiteten Sandy Meyer-Wölden Affaire hätte man auch auf so etwas gefasst sein können. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Gebührengelder dafür draufgegangen sind, dass dieser Volldepp exklusiv sein privates Debakel mit uns teilt und sich auch noch vom Super-Riesen-Goldbär Tommy Gottschalk durch den Kakao ziehen lässt. Ganz zu schweigen davon, wie peinlich es für alle anderen Gäste gewesen sein muss, dass sie vom Moderatorenveteran zu Statements über das junge Glück genötigt wurden. Als würde irgendein Mensch noch ernsthaft etwas zu Boris Beckers Liebesleben sagen wollen…Auch die stets schlagfertige Heike Makatsch konnte da nur ein „Ich finde es mutig“ herauspressen. Mir selbst war, als würde die Fremdscham mich überleben…

Da kann ich nur hoffen, dass der Tatort aus Stuttgart später nicht ähnliche Gefühle in mir hervorruft, sonst muss ich mir am Ende doch noch neue Entspannungsbeschäftigungen zulegen. Was könnte ich nur ohne Fernseher tun? Pantomimekurse und Chorsingen sollen ja derzeit sehr „in“ sein.

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Eine Antwort

  1. Tja, die frische Bergluft sorgte mal wieder dafür, dass Chloe trotz Schneebar und Willy vom ökologischen Bauernhof nicht zur Schnapsleiche mutierte. Die kalte Ernüchterung folgte unter der Dusche: 2 Euro für 5 min warmes Wasser. Statt Hüttenzauber kamen lediglich indische Erinnerungen auf!

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