Mit dem Porsche durchs Städtle – In den Straßen von Stuttgart


Tatort aus Stuttgart: „Tödliche Tarnung“, 1.3.2009, 20.15 Uhr

Gesamturteil reicht gerade noch für eine 2-3 (Teilnoten: Style 1-, Ermittlung 4-5, Hintergrund 2-)

Ha noi – a Tatort aus Stuttgart, ab’r ma mogs net glauba – s’sieht aus wie San Francisco!

Wenn eine Hilfsorganisation „Schwaben für Menschen“ heißt, dann muss da etwas faul sein, soviel ist jedem klar. Der Schwabe an sich ist geizig und ohne G’schäft schickt der doch keinen Reis durch die Welt. Die humanitäre Sache dient als  Deckmäntelchen für eine der ganz großen Gaunereien der Welt – nämlich Waffenschieberei in Embargogebiete. Damit ist der Anspruch dieses Tatorts klar – hier geht es nicht um kleine Familienstreitigkeiten und Morde aus Leidenschaft, nein das ist ein Action-Krimi auf internationalem Serien-Niveau. Hier wird gerast und geballert, die Kanonen, Motoren sowie die Straftat sind groß und für den Kommissar Lannert (Richy Müller) geht es um nicht weniger als ALLES: sein jetziges neues Leben in Stuttgart wird bedroht und seine bewegte Hamburger Vergangenheit samt Tätigkeit als verdeckter Ermittler (den Waffenschieber sollte er schon damals überführen) und tragischem Verlust von Frau und Tochter kommen aufs Tapet. In einer alptraumhaften Rückblende legt er bei seinem jungen ordentlichen Kollegen Bootz (Felix Klare – kann genau drei Gesichtsausdrücke) die Lebensbeichte ab. Am Ende kriegen sie den fiesen Typen de Man (großartig gespielt von Filip Peeters), der eigentlich ein ganz netter und enorm eloquenter Zyniker ist, natürlich, weil der Lannert sich genau gemerkt hat, wie der schlaue böse Bube de Man tickt und sogar die Sache mit der Vergangenheitsbewältigung des Hauptkommissars kommt in Gang. Neuanfang im Kessel – der Kollege als „guter Hirte“ und Therapeut – supper Sach!

Bisschen viel? Ja allerdings.

Der Grat, auf dem sich dieser Film bewegt, ist haarscharf und schmal und mit Maya als Rezensentin hat er es da vielleicht besonders schwer, denn ich komme ja aus Stuttgart und weiß, dass es da eben an manchen Stellen in manchen Sekunden aussehen kann wie in San Francisco, aber meischtens dann halt au‘ net, gell! Leider wollen Regisseur und Kameramann (sichtbar große Ballhausfans, mir ist noch ganz schwindlig von den vielen Rundfahrten) uns genau das aber weismachen. Schöne, sehr schöne Bilder von Stuggi-Town, aber auch hier gilt wie für die Handlung: bisschen viel das alles. Die dicken Autos, die breiten Straßen, die glitzernden Lichter der Nacht, die tolle Wohnung! Früher beim Bienzle wars arg spießig und jetzt wird arg nach Hollywood und auf die alten Detektiv-Klassiker geschielt. Sehr viel Style, zu viel Style um glaubwürdig zu sein. Richy Müller ist toll, aber auch in einem braunen Porsche ’74er Baujahr ist er nicht Steve McQueen.

Ach aber was soll’s – ich geb mir nen Ruck und finde es gut. Nicht wegen der Story, die war echt mau. Aber sich an einen solchen Anspruch ranzutrauen, die Spätzlesmetropole so aufzupolieren und einen so tollen, smarten Waffenschieber zu erfinden – da gehört schon Mut dazu! Die psychologische Tiefenschürfung zwischen dem markigen Kommissar-Paar war zwar recht holzschnittmäßig und kam ein bisschen plump daher. Aber Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und Bootz-Darsteller Klare können sich ja auch noch verbessern (ich hoffe stark auf das nächste Mal, die Hintergrundgeschichte haben wir ja jetzt, deutlich weniger Psychoanalyse und Rückschau wäre dann doch wünschenswert) und gegen einen, der so schön weinen kann wie Richy Müller, da hat man als Schauspielkollege vielleicht einfach keine Chance und muss etwas blass aussehen.

Außerdem: Wieder ein Jungs-Tatort und diesmal bin ich immerhin nicht völlig ausgestiegen. Dass die zwei einsamen Wölfe Lannert und de Man am Ende bei der Verhaftung noch einen trinken und beiden klar ist, der Bessere hat halt gewonnen, das nehme ich sofort ab. Sehr ehrenhaft und männlich – soviel Sportsgeist.

Nur zwei Dinge aus den insgesamt albernen Nebenhandlungen gehen definitiv über die Schmerzgrenze hinaus:

1. die Schwaben-Reminiszenz: klar irgendwas muss man machen, damit erkennbar bleibt, wo der Tatot herkommt, wenn nur noch Nebenfiguren schwäbeln dürfen und die Stadt nicht wie Stuttgart aussieht, aber dass die Frau, die das Opfer am Flughafen findet, einen Hund namens Trollinger haben soll, das geht entschieden zu weit (Schwaben schlotzen gerne Viertele dieses nicht sehr guten Weines, aber sie nennen ihre Hunde nicht danach).

2.dass die rehäugige und äußerst anhängliche Lannert-Nachbarin, einen auf ganz dummes Häschen macht und beim Anblick des Platttenspielers „Wie macht man das denn? Ich kenn nur CDs..“ sagt, das beschämt mich, da hört sich doch alles auf!!!

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2 Antworten

  1. Jetzt habe ich nicht nur den Tatort meiner Wahlheimat verpasst, sondern auch die Verfolgungsjagd auf der guten alten B27. Oder wo gurkt man sonscht so rum in der Schwabenmetropole? Ich darf ja nicht mehr ob des fehlenden Umweltschtickers… In den City-Ring nähere ich mich nur noch mit der S1. Der Kampfpolo ist nicht sauber!

  2. […] sie auf die Knollennase Richy Müller steht und ich darauf achten soll, ob Felix Klare mehr als drei Gesichtsausdrücke […]

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