Mayas Rathaus-Rallye – Fahrstuhlmusik war gestern…


…jetzt gibt es Fahrstuhlansagen. Das durfte Klayn-Maya feststellen, als sie heute im Roten Rathaus auf der Suche nach der richtigen Pressekonferenz war. Die ganze Chose gestaltete sich ein wenig wie das Negativ zu den Erlebnissen des Landvermessers in Kafkas Schloß – der erhält ja nie so richtig Zutritt und stört die Amtspersonen immer und überall. Ich hingegen wurde bereitwillig überall hineingewunken und wäre beinahe nicht mehr hinausgekommen.

Erst wollte man mich auf einer Sonderführung durch die ehrwürdige Senatskanzlei mitschleifen, dann wies man mir den Weg zur Pressekonferenz in Sachen Leichtathletik-WM. Scheinbar konnten die emsigen „Gehilfen“, die sich auch sofort um die Ablage meiner Garderobe kümmerten und mir Kaffee brachten, nicht das No-Sports-Schild über meinem Kopf lesen. Irgendwann betonte ich verzweifelt: „Nein – auf meiner Einladung steht Raum 338 – da will ich hin, da ist auch eine Presseveranstaltung“. Die verdutzten Gehilfen machten alle ihre Bemühungen wieder rückgängig, entrissen mir den Kaffee, drückten mir den Mantel wieder in die Hand und wiesen mich durch eine braune Tür, die sich mir automatisch per Summer öffnete – dann würde ich schon sehen. Ja – klar! Schwupps – landete ich in besagtem Aufzug, der mir eine ganz neuartig beschallte Fahrt bescherte. Während ich noch rätselte, welche Form der Etagenzählung  im Roten Rathaus wohl gilt, riss mich die Ansage völlig aus diesen schwerwiegenden Überlegungen:

Nächste Haltestelle – 2. Etage

Ich war von diesem banalen Vorfall so irritiert, dass ich laut lachen musste. Das habe ich in einem Fahrstuhl noch nie gehört – eine Haltestelle? Der mitfahrende Anzugträger war dermaßen entzückt von meiner albernen Reaktion, er wollte gleich mindestens ein Gespräch anfangen und ein paar weitere Runden mit mir im lustigen Aufzug fahren. Glücklicherweise hatte seine Kollegin andere Pläne und überzeugte ihn lieber pünktlich zum Termin mit irgendeinem Senatstypen zu erscheinen, sie trieb den Mann schleunigst aus der „Kabine“ und verschwand mit ihm im Flur. Gut so. Aus lauter Verwirrung über die seltsamen Vorgänge stieg ich natürlich falsch aus und musste nun warten, bis der Aufzug wiederkam. Wenn das hier schon als Haltestelle bezeichnet wird, könnte man wenigstens eine Bank aufstellen, dachte ich mir. Was soll’s irgendwann schaffte ich es noch ins richtige Stockwerk, indem zwei Schilder auf die Pressekonferenz hin – aber in verschiedene Richtungen wiesen. Soviel zu „das sehen sie dann schon“. Nach kurzer Beratung mit einer inzwischen zu mir gestoßenen und ebenso orientierungslosen Fotografin, entschied ich mich dann intuitiv für die richtige Richtung, um an einer völlig überflüssigen und inhaltslosen Veranstaltung teilzunehmen. Einziger Vorteil – nach 40 Minuten war alles vorbei. Hier war wirklich nur der Weg das Ziel. Beim Rückweg verließ meine Tagesabschnittsgefährtin und mich allerdings das Glück der  richtigen Intuition – wir geisterten durch zwei Höfe, über den Müll- und den Parkplatz und durch eine Baustelle bis wir endlich wieder aus den heiligen Hallen des Berliner Rathauses fanden. Nach vollendeter Mission verabschiedeten wir uns herzlich – so ist das, wenn man gemeinsam harte Zeiten durchlebt hat, das verbindet.

Im Verlagsgebäude meines Arbeitgebers, dem ich kurz Bericht erstatten wollte, hatte ich schnell Gelegenheit meine neuen Aufzug-Sprachkenntnisse einzusetzen. Chloe, die meinen Erstanwendungen von Glaskorrosion und Kabelbrand beiwohnen durfte, weiß: ich liebe es Wörter vom passiven in den aktiven Wortschatz hinüberzuretten, es verschafft mir ein inneres Glücksgefühl. Leider fehlte mir bei diesem Versuch der Umdeutung bekannter Wörter ein Dialogpartner mit dem Einfühlungsvermögen der guten Freundin. An den Tasten stehend fragte ich die Mitfahrenden im ganz und gar sprachlosen Fahrstuhl:

„An welcher Haltestelle müssen Sie raus?“

Was ich erntete war keineswegs Entzücken oder wenigstens Gelächter, nur verächtliche Blicke und den stummen Vorwurf bekloppt zu sein. Kein bisschen Interesse an sprachlicher Erneuerung, kein Funken Respekt vor der lexikalischen Autorität des Berliner Rathaus-Fahrstuhls! Na ja, einen Versuch war es wert, hätte ich mir aber auch irgendwie denken können, dass Fahrstuhlansagen auch nicht besser ankommen als Fahrstuhlmusik.

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6 Antworten

  1. Hast Du denn immerhin alles ohne Umsteigen hinbekommen? War der Ausstieg abwechselnd rechts und links? Gab es Fahrkartenkontrolleure? Kam die Ansage auch auf Englisch? Klebte die neue G-Star-Kampagne am Boden? Gab es keinen Streik vom Bodenpersonal? Das schreit nach mehr Details!

  2. War ja klar, dass du in deiner individualmotorisierten Welt wieder gar nicht genug kriegen kannst von den Geschichten aus dem ÖPNV…
    1. Irgendwann habe ich den Umstieg auf die Treppe gewagt
    2. Der Ausstieg war tatstächlich abwechselnd rechts und links
    3. Kontrolleure stehen vor dem Rathaus, wer drin ist darf soviel Aufzug fahren wie er will
    4. Sehr wenig international war die Ansage – nur Deutsch, kein Englisch
    5. Keine Werbung – nur Warnhinweise
    6. Streik war gestern mal nicht, kommt aber doch öfter mal vor

  3. […] in 18. März 2009 von mayavonderspree Tja – letzte Woche saß ich im Rahmen meiner Rathaus-Rallye noch bei der Pressekonferenz zur großen Freundlichkeitsoffensive in Berlin. Bei “herz & […]

  4. […] Panne, liebe Maya, hast Du gut eingeschätzt! Es war ein Marderbiss. Sprich aus und genieße: Kabelbrand). Das Niveau sinkt dann von Buster Keaton auf „Die kleinen Strolche”: Boerne lässt den […]

  5. […] weil ich ein Fan der Neuaufnahme von Wörtern in den Sprachschatz bin, bin ich völlig begeistert, dass wir hier auch dazu beitragen, dass andere dieses […]

  6. […] dann: Eine Leiche in der Berliner U-Bahn ! Chloe ward entzückt. Wie Klayn-Maya weiß, chann Chloe in ihrer individualmotorisierten Welt […] gar nicht genug kriegen von den […]

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