Lotte und Manu – zwei deutsche Lebenswege und ein Tatort


Tatort aus Hannover: „Das Gespenst“, 15.3.2009, 20.15 Uhr

Nach Sonnenschein kommt Regen – in unserer kleinen Tatort-Rezensionsgemeinschaft geht es – was die Bewertung betrifft – rauf und runter wie in der Achterbahn.

Gesamturteil 1-2.

In Hannover selbst passiert offensichtlich so wenig, dass die dort ansässige Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) es immer mit den ganz großen staatstragenden Geschichten und Verfehlungen in den übergeordneten Behörden zu tun bekommt. War sie nicht beim letzten mir bekannten Fall sogar in Barcelona als nichtsahnender Lockvogel für irgendwelche Terroristen eingesetzt und hat – nachdem sie ihren Kopf aus der Schlinge zog, die ganze Story empört an ein Politmagazin weitergegeben? Persönliche Lebensgefahr und Fälle von internationaler Größenordnung scheinen ihr Fachgebiet zu sein. Aber egal, jeder Tatort ist ja ein Film für sich und die Ähnlichkeit im Fall schadet überhaupt nichts, solange der Plot so gut konstruiert und die Inszenierung so spannungsreich und alles andere als lahm ausfällt wie in diesem Tatort.

Der Ruf zum Tatort – ein Polizist wurde bei der Kontrolle eines wartenden Autos am Flughafen von der Fahrerin erschossen während ein zentralafrikanischer Staatspräsident samt Tross gelandet ist – kommt der kühlen blonden Kommissarin ganz gelegen, denn so kann die notorisch bindungsängstliche einen 12 Jahre jüngeren Verehrer abschütteln, der sich dafür im Verlauf der Handlung gleich noch bei ihrer Mutter einschleimt und mit dem Schicken viel zu vieler Rosen disqualifiziert (zum Blumen Schenken demnächst übrigens mehr). Die Ermittlungen werden ziemlich schnell und auf dubiose Weise vom Verfassungsschutz gestört und an sich gerissen, der federführende Klaus Ritter (schön fies und machtbesessen:  Hansa Czypionka) scheint sein ganz eigenes Süppchen zu kochen, proklamiert aber, man stehe auf der gleichen Seite (das „wer auf welcher Seite“ und „welche Seite ist die richtige“-Gerede zählt zu den wenigen Mankos des Films). Doch gelöschte Überwachungsbänder, freigelassene Täterin und wildgewordene „Dienste“ können Lindholm nicht erschüttern. Sie weiß was ihr gutes Recht ist, wo ihre Kompetenzen liegen, verbündet sich mit einem Zollpolizisten und ermittelt weiter. Zum Glück ist die Überwachung der westlichen Welt heute ganz demokratisch durch jedermann gewährleistet – der Handykamera sei dank – und die private Aufnahme einer Willkommensparty am Flughafen liefert fast alle nötigen Informationen, bis auf eine: die Identität der Täterin, aber die kennt die Kommissarin ohnehin schon, es ist ihre Sandkastenfreundin Manu (mit einem grandios fanatischem Ausdruck im Gesicht: Karoline Eichhorn).

Einst waren die zwei Mädels, am gleichen Tag im gleichen Kaff geboren, ein Herz und eine Seele.  „Lotte“ die jetzige Kommisarin war die wildere und erinnert sich, dass Manu sich nicht mal vom Garagendach zu springen traute und von Lotte stiebitzte Beute ins Supermarktregal zurücklegte, dann kam es wie es kommen musste – ein Mann spaltete das dynamische Duo und aus den parallel verlaufenden Leben einer friedensbewegten Jugend wurden zwei Biografien die sich gegenüberstehen wie These (Marsch durch die Institutionen) und Antithese (Terrorismus) der deutschen Linken.  Die eine wurde Kommissarin mit viel Rechtsbewusstsein auf dem Boden der Verfassung – und die andere wurde Terroristin, deren Sehnsucht nach Gerechtigkeit sie zu illegitimen Mitteln greifen lässt. Die wilde Lotte ist zwar immernoch ein wenig unkonventionell und mag den Dienstweg nicht, dass Manu aber den Bürgerkrieg in Zentralafrika mit einem Anschlag auf den Diktator, der sich zur medizinischen Behandlung nach Deutschland begeben hat, beenden will, das geht ihr doch zu weit.

So unterschiedlich können zwei Leben mit dem gleichen Startpunkt verlaufen. Ob die beiden zur Darstellung des gemeinsamen Stallgeruchs gleich gemeinsam in die Wanne steigen und sich gegenseitig gestehen müssen, reingepinkelt zu haben, sei mal dahingestellt – der Zuschauer mag das vielleicht witzig gefunden haben, mir war das Bad mit vorgehaltener Waffe zu überdreht. Zum Glück ging die Handlung aber rasant weiter, denn Lindholm will natürlich Manus Attentat verhindern. Dabei muss sie sich auch noch mit dem Verfassungsschützer Ritter herumschlagen, der zwar vermeintlich auf ihrer – der institutionellen Seite steht – Osburg, den Anführer der Terroristengruppe, aber jagt wie Kapitän Ahab seinen Moby Dick. Dem Ritter ist genau wie Manu, die zwischenzeitlich als Doppelagentin Informationen an den Verfassungsschutz geliefert hat, ebenfalls jedes Mittel recht. Er will nämlich den Polizistenmord seiner Informantin Manu vertuschen und nur Osburg endlich dingfest machen. Im Terroristennest, das sinniger Weise in einer deutschen Kleingartenkolonie liegt, will Charlotte Manu stoppen, doch für sie gibt es keinen Weg mehr zurück, selbst die ehemalige Freundin wird auf dem Altar des Weltfriedens geopfert, wenn es sein muss. Die Kommisarin wartet an eine Ölheizung gekettet aufs Verbrennen, während die Terrorgruppe auf dem Weg zum finalen Schuss ins Krankenhaus ist. Verfassungsschützer Ritter ist Lindholm auf den Fersen und entpuppt sich eben nicht als Retter, sondern holt sich nur die nötigen Beweisstücke aus der Gartenlaube und lässt die Kommissarin in der fatalen Lage zurück. Da hat er die Lindholm allerdings unterschätzt, denn sie reißt einfach die ganze Ölheizung aus der Wand und schleppt sich mitsamt dem Ding nach draußen (ein bisschen wie Jesu Kreuzweg sah das aus – eine Osterassoziation vielleicht).

Das Ende verursacht gemischte Gefühle – Manu kann die Welt nicht retten, sie wird beim Versuch den Diktator zu exekutieren niedergeschossen, Ritter kriegt Osburg und Lindholm kriegt Ritter, ein trauriger Trost für den Verlust der Freundin.

Ein guter Tatort ganz ohne Längen, der die schale Frage aufwirft: Dürfen „die“ (Verfassungs- und Geheimdienst) heutzutage wirlklich alles? – das konstatiert Lindholm, als sie Wanzen in ihrer Wohnung entdeckt.

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Eine Antwort

  1. […] es im Fundus (auch über die Politikerschelte). Weitere Meinungen sind bei Fielitz, Annabell, bei Mayavonderspree, beim Dünenwanderer und im Tatort-Forum. « Rapid […]

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