Der Tatort als Konjunkturpaket für die Automobilindustrie?


Tatort aus Münster: „Höllenfahrt“, 22.3.2009, 20.15 Uhr
Gesamturteil: eine für Münster vernichtende 3

Während Maya im Lebkuchenland Rommé mit Oma und den lauten Verwandten spielte, durfte ich meinen ruhigen Sonntag auf der Couch mit einem Kater neben und dem Tatort aus Münster vor mir verbringen. Wie jeder weiß, habe ich es nicht so mit Tieren. Die allergischen Anfälle führten zu einer ungewohnten nocturnen Schreibblockade. Montag Abend kamen auch noch Pollen von einem Blumenstrauß hinzu. Maya, kannst Du mir diese Irrungen meines Immunsystems wirklich vorhalten?
Schnee-chloechen reagiert ferner wortkarg depressiv auf die Flocken. Hört der Winter denn niemals auf? Nicht einmal nachdem ich all diese blöden Narren ertragen musste? Schlechter Job, Jungs! Den Winter habt ihr Fasnetfreaks Null ausgetrieben. Und von Winterschlaf ist auch keine Rede: Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch wälzte ich mich mal wieder nur vier Stunden im Bett. Was ist wichtiger: Meine Gesundheit oder der Blog? Nun ein Ständchen von der chaputten Chloe für Maya und SingleMom (die sich schon direkt per Email bei mir beschwert):

Morgens ums Sechs,
schreib ich schon die erste SMS,
später um Sieben
lass ich alle Klamotten auf der Couch liegen
renne mit den Nachrichten panisch ins Bad
und hau geschminkt um nach Acht Uhr ab.
Ein Strafzettel klebt an der Windschutzscheibe
im Meeting fragen sie sich, wo ich schon wieder bleibe
im Flur muss ich die ersten Prozessfragen ertragen
im Posteingang liegen auch noch die privaten Klagen:
„Wo bleibt die Rezension! Wo bleibt die Rezension!“
Beruflich beschäftigt Chloe derweil die Rezession, Rezession !
Und während ich hungrig zum Süßigkeitenautomaten sause,
beschließe ich: Für den Tatort opfere ich nun halt die Mittagspause.

Zurück zur „Höllenfahrt“ – dem Tatort aus Münster. Wer Professor Boerne (Jan-Josef Liefers) und Kommissar Thiel (Axel Prahl) kennt, der weiß, dass uns sicherlich keinerlei Zwangsehen oder sonstige Sujets aus den niederen Milieus aufgetischt werden. Der letzte Bildungsbürger Boerne diente schon früher als Fenster zur akademischen Schicht. Der mir gut in Erinnerung gebliebene Tatort „Satisfaktion“ führt z.B. den Deutschen mit Migrationshintergrund in das traditionelle Universitätstreiben einer schlagenden Verbindung ein. Keine Ehrenmorde, sondern Mensuren! Das nenne ich Völkerverständigung! Der Gastarbeiter wird im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die deutsche Hochkultur eingeführt !

Auch in „Höllenfahrt“ steht der Mord direkt mit dem Privatleben unseres Schöngeists in Verbindung. Während der krankhaft ehrgeizige Lebemann Prof. Boerne seinem Gegenüber Dr. Bollinger den Golfball streitig macht, stößt dieser wiederum auf die erste Leiche. Eiskalt entfernt Prof. Boerne die Leiche vom Platz, damit die Austragung des Golfturniers auch nicht in Gefahr gerät.

Von nun an wird Boerne zum Kaschper degradiert. Für die psychologische Tiefe soll Thiel sorgen, der für den Fall seine Fortbildung in Sachen „Wer redet, schießt nicht“ sausen lässt. Am Schluss kommt ein Tatort auf dem Niveau eines „Buster Keaton & die Drei ???“ für Erwachsene heraus. Drei Tode und keine Spannung, dafür viel Slapstick ! Boerne bekommt beispielsweise bei seinen Ermittlungen eins mit dem Eisenrohr übergebraten und sieht plötzlich alles im Quadrat. Aufgrund des Knicks in der Optik greift er in den luftleeren Raum und muss notgedrungen Thiel als Chauffeur seines schicken Cabriolets dulden. Erst als Boerne beim Abbremsen mit dem Kopf gegen die Armatur knallt, hat er wieder freie Sicht. Ein Schenkelklopfer!

Hilfe, Maya! Es gab auch wieder eine unsägliche Nebenhandlung! Statt Tiere mussten dieses Mal die Radfahrer für herhalten. Boerne überholt auf den Landstraßen ein Team im schicksten Trikot (dir Radtaschen stammen nicht vom hiesigen Seelieferanten VAUDE). Die rächen sich später, indem sie ihm das Licht einschlagen (frag mich nicht nach der richtigen Terminologie – obwohl ich in der großen Autofahrernation aufgewachsen, fehlt mir hier gänzlich das Vokabular. Apropos! Die letzte Panne, liebe Maya, hast Du gut eingeschätzt! Es war ein Marderbiss. Sprich aus und genieße: Kabelbrand). Das Niveau sinkt dann von Buster Keaton auf „Die kleinen Strolche“: Boerne lässt den Radfahren die Luft raus! Die schlagen mit einem „Arschloch“ auf der Windschutzscheibe zurück. Als des deutschen liebstes Kind, das Auto, auch noch bei der Verfolgungsjagd aufgrund der Elektronik versagt, fühlte ich mich gar an Dick und Doof erinnert. So bescheuert wandeln die beiden Ermittler durchs Unterholz. Ach ja, und in der Tankstelle (schon wieder eine Autofahrermetropole) der Witwe (schöne Nina Kunzendorf) eines der Opfer klauen sie dann fast auch noch ne Chipstüte! Hallo? Sind wir uns für keinen Scherz zu Schade?

Und der Fall? Der geht völlig unter dank des Egomanen Boerne (Jan Josef Liefers sieht im Übrigen sehr müde aus, irgendwie kaputt gespielt) und der faden Story. Das Drehbuch von Matthias Seelig und Claudia Falk ist der Versuch einer Münsterländischen Adaption eines James Bonds: Viele schnelle und weniger schnelle Autos (Corsa) sind im Spiel. Selbst Alberich bekommt einen schicken roten Fiat 500. Die Panne des SLK stellt förmlich eine Kastration unseres nicht all zu weltmännischen 007 dar. Boernes „Gadget“ beschränkt sich auf den Obduktionskoffer, den Alberich ihm brav hinterher trägt. Und M ist Klemm! Die qualmende Staatsanwältin Wilhelmine Klemm gönnt ihrem Pathologen zum Schluss immerhin den Sieg beim Golfturnier.

Ach, ich weiche schon wieder aus. Warum die Morde? Irgendwo in Afrika trafen Dr. Ralph Winkler (Mark Waschke) und ein Reisender namens Vorhoven zusammen. Beide wurden entführt und gefoltert. Der Arzt ist jedoch für die Entführer von Gewinn, da er aufgrund seiner an Vorhoven getesteten Methoden die Folter (aha, wieder eine Anspielung auf James Bond und „Casino Royale“) derart perfide ausarbeitet, dass die Entführten nicht mehr so schnell sterben. In Deutschland dreht der Arzt dezent durch und bringt Boernes Vereinsmitglieder bestialisch um. Die oberen 10.000 hatten irgendwie irgendwas mit dem Lösegeld zu tun. Da halte ich es wie die Stadtneurotiker:

Der Arzt hat alle umgebracht. Warum, hat sich mir nicht erschlossen.

Sollte der Tatort am Schluss wirklich nur den Spaß am Autofahren reanimieren? Ich ignoriere weiterhin die Abwrackprämie und halte es wie die Radfahrer: Den lauen Sommerabend genieße ich lieber draußen bei einem schönen Gläschen Wein, als dass ich mich von all dem „Klopfen“ in meinem Auto irritieren lasse!

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8 Antworten

  1. hihi – hab ich doch gewusst, dass man dich nur ein bisschen anstupsen und am Ehrgeiz packen muss und dann geht’s!
    Danke, scheint als hätte ich nicht allzu viel verpasst. Ich bin ja eigentlich auch ein Fan der Münsteraner, aber diesmal haben sie sich wohl vergaloppiert, kann ja mal passieren.
    Gegen Marderbiss haben die Menschen übrigens die lustigsten Abwehrmechanismen entwickelt, ich erinnere mich noch genau wie mein Bruder mir angwidert berichtete, in der Familie seiner Frau sei es üblich „Klosteine“ in die Motorhaube zu hängen, um die kleinen Nager fernzuhalten. Was an deinem ollen Polo so verlockend sein könnte kann ich mir gar nicht vorstellen. Wenn ich ein Marder wäre würde ich mir schon was schickeres aussuchen…
    Ich werde am Sonntag den Münchner Tatort mal in größerer Gesellschaft genießen, im Kessel wird nämlich kollektiv geguckt. Bin ganz gespannt wie das so wird…

  2. Erst als Boerne beim Abbremsen mit dem Kopf gegen die Armatur knallt, hat er wieder freie Sicht. Ein Schenkelklopfer!

    Vor allem ist der geklaut. Den haben Goscinny und Uderzo im „Kampf der Häuptlinge“ aufs Hervorragendste gepflegt. Da waren es allerdings – wie unschwer zu erraten ist – Hinkelsteine…

    Der Stadtneurotiker

  3. […] gibt’s im Tatort-Fundus, Meinungen bei Sopranisse, Fielitz, Annabell Chloevomsee und im […]

  4. „die sich schon direkt per Email bei mir beschwert“

    Was soll denn das heißen? Ich hatte bereits einen Kommentar zum letzten Wort zum Mord zur Hälfte getippt, da dachte ich mir „ach nein, mach das doch lieber diskreter“ und überlegte es mir also anders. Und nun DAS… schnief

  5. Wow, Du wolltest also auch schon zu härteren Methoden greifen!
    Warum habt Ihr nicht gleich einen neuen Blog namens „Chloewobleibtdierezension.wordpress.com“ gegründet? Ihr Schieber, Ihr ! Vielleicht gibt es auf SpreeSee bald T-Shirts mit dem Aufdruck „Chloe, komm in die Puschen!“.

    Ich wollte nur Mitleid. Kein Angriff meinerseits! SingleMom, Du darfst natürlich kommentieren und mailen was immer Du willst…

  6. Wer wird denn gleich zu so extremen Mitteln greifen, wie du sie vorschlägst? Der sanfte Druck hat doch hervorragend funktioniert!
    SpreeSee-Shirts will ich aber schon irgendwann…

  7. Warum habt Ihr nicht gleich einen neuen Blog namens “Chloewobleibtdierezension.wordpress.com” gegründet?

    Verdient hättest Du es ja gehabt! ;))

  8. […] aus dem reichen See-Süden abzuschöpfen? Erst fungierte der Tatort als Konjunkturpaket für die Automobilindustrie und nun soll er den Berlintourismus ankurbeln? Und siehe da (Chloe choogelte mal wieder): Auf […]

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