Friedrichshafen – Wien


Gestern verabschiedete ich mich von meinem Dad am Telefon. Ich maynte, dass ich ja gespannt sei, wie Wien mir so gefallen wird. Ist ja immerhin mein erstes Mal. Mein Vater korrigierte mich:  „Stimmt nicht! Du warst als Kind schon mal in Wien!“ Chloe unchläubisch: „Wann?“ – „Zwischenlandung nach Tirana als Du vier Jahre alt warst.“ Das war mir nicht bewusst. Anfang der 80er Jahre nach Tirana zu Zeiten Enver Hoxhas zu fliegen ist eh so ne Sache für sich. Mein Vater erwähnte ferner, dass er schon drei Mal in Wien auf Demos war. Der alte Marxist-Leninist… seine Tochter fliegt heute aus rein kapitalistischen Gründen nach Wien. Dank eines Prozessoptimierungsseminars darf ich nun in der Tat diese mir aus Literatur, Kunst und Musik bekannte Stadt endlich zu Gesicht bekommen.

Die Anreise war schon ein Erlebnis für sich! Morgens um 5.45 Uhr stand mein lieber Chauffeur bereits bereit, mich die vier Kilometer zum Flughafen zu fahren. Ich wohne seit vier Jahren am Bodensee und bin noch nie von Friedrichshafen aus geflogen. Was habe ich da verpasst! Dies war mit Abstand einer meiner schönsten Flüge. Zum ersten Mal sah ich mein Schwabenmeer von oben! Welch lieblicher Anblick. Im knuffeligen Propeller-Flieger mit höchsten fünfzehn Passasiergen ging es bildschön gen Osten.  Die in Zucker getünchten Bergspitzen entzückten mich zutiefst! Natürlich schoss ich hunderte von Fotos, die ich auch beizeiten hier einstellen werde. Der InterSky Pilot namens Hans kommentierte den ganzen Flug über – wie in einem Stadtrundfahrtbus – die Landschaft: „Rechts sehen sie den Bregenzer Wald. Die Stadt links ist Kempten etc.“ Und dann kam die unglaubliche Aufforderung: „Wenn sie wollen, können sie zu mir vor ins Cockpit und ein Foto schießen.“ Nein, ich war mir nicht einmal dafür zu Schade. Ich fand’s toll! Hans war auch ob des Föns, der uns eine fantastische Aussicht bescherte, extrem gut gelaunt. Und dank des Rückenwinds landeten wir eine ganze halbe Stunde früher in Wien. Pilot Hans stieg aus und verabschiedete seine Gäste am Fuße der Treppe. Was für ein putziger Pilot.

Ich musste nun jedoch eine halbe Stunde auf meinen edlen Gastgeber warten. Ich nutze die Zeit für Feldforschung. Maya maynte mich nämlich schon im Voraus vor eventuellen Culture Clashs warnen zu müssen und sandte mir folgende Fashion Studie zu:

Die Typen hier glauben an traditionelle modische Werte, die zuallererst mal darauf aufbauen, dünn wie eine Zigarette und schüchtern wie ein zehnjähriges Mädchen am ersten Tag im Ferienlager zu sein.

Maya,  besser hätte ich es nicht beschreiben können! Seit Tokyo habe ich nicht mehr so viele Männer in Röhrenjeans gesehen. Generell ist der Wiener Mensch eine komische Mischung aus osteuropäischer Grobschlächtigkeit mit italienischer Extravaganz. Völlig abgefahren!

In der Stadt mussten wir für das Auto so komische Parkzettel ankreuzen. Drei Stück für 1,5 Stunden. Welch absonderliche antiquierte Art, sich einen Parkplatz zu sichern. Es gibt in ganz Wien keine Automaten! Man kauft diese rosa Zettel in der Traffic, die natürlich nicht immer offen hat. Als Ausländer ist man generell völlig aufgeschmissen, da keinerlei Hinweisschilder darauf hinweisen…

Zeit für weitere Studien hatte ich auf dem Naschmarkt. Dort frühstückten wir bereits um 9 Uhr und beobachteten das wilde Treiben. Mein Gastgeber hatte einen lustigen Abend und wünschte sich einen angemessenes „Reparatur-Seidl“. Juhu, ein neues Wort für mich! Den Kater gaben wir einen Prosecco zum Fraß.

Kurzer Stopp in der großzügigen Mezzanine-Altbauwohnung im 6. Bezirk. Ein entgangener Anruf von Maya? Was ist passiert?? Chloe wird nervös! Hat eventuell Peter Licht auf unserem Blog kommentiert? Ist die Statistik in den sechsstelligen Bereich? What happened??? Ich muss sofort anrufen und erwische Charly. Maya ist under der Dusche. Charly: „Wir haben gerade Dein Wiener Reise-Weather Pixie eingerichtet. Ein nettes 20er Jahre Madel. Maya war nur schockiert, dass es bei Dir schon 17 Grad hat und wollte wissen, ob das stimmt.“

STIMMT ! Hier ist der Frühling spontan ausgebrochen. Naja, so spontan auch wieder nicht. Es liegt an Chloe. Immer wenn sie verreist, bringt sie die Sonne mit. Ob Schneeschuhtour oder Tessin: Der Wolken verschwinden und königsblauer Himmel ragt empor. So artete die erste Stadtbesichtigung in ein ein „nur von außen“ aus. Albertina, Leopold & Co.  also nur als Fassade. Die Innereien nehme ich am Montag alleine ins Visier. Nun gut, im Museumsshop der Albertina waren wir doch kurz drinnen. Ein freudscher Neurosen-Spülschwamm (auch hier folgt noch das Foto) begeisterte mich. Der Spaß war aber keine 6,95 Euro wert.

Mittags gabs Gulasch und danach einfach herumflätzen im Burggarten. Bier holten wir in der Kantine nebenan. Und auf dem Rasen genoss ich eine skurille Gestalt, die ich im Museum sicherlich nicht live erlebt hätte. Ein Wiener im Mercedes Benz Service-Blaumann übte Protest! Er lief durch die Menge und schrie: „Dies ist keine Demo. Das ist gewaltfreier Protest. Gewaltfreier Protest!“ In der Tat fand auf dem Burgring eine große Demo statt. Der Kerl war jedoch ganz alleine unterwegs. Sang auch zwischendrin „Allein, Allein!“ Und – es mutete fast an Aktionskunst – zum Schluss verbrannte er den Typenschein seines Autos. Sein Führerschein wurde ihm nämlich vor zwei Tagen abgenommen. Dabei waren es doch nur zwei Schlucken Bier… Aus Protest verbrannte er den Typenschein lichterloh. Ab und zu lief er wieder tanzend durch die Menge und sang bei strahlendem Sonnenschein „I wear my sunglasses at night“. Zwischendrin der Satz: „I bin net deppert!“ – Ach, Wien! Wie wunderschön Du doch bist. Kein Wunder, dass mein Revoluzzer-Dad sich heute noch so gern an Dich und die Demos erinnert. Anti, Anti !

Gleich geht’s ins Burgtheater… Adieu und bis später!

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4 Antworten

  1. Man merkt, dass Du von Wien deutlich mehr angetan bist als von Indien! Warum in die Ferne schweifen… war da vielleicht mal mit etwa 11 Jahren und würde auch gerne mal wieder hin.

  2. […] meiner letzten Kulturreise in Wien war ich auf das uns neue Wort “Reparatur-Seidl“ gestoßen. Maya ist ja stets entzückt über die Erweiterung des Wortschatzes. Nun bin […]

  3. […] Moskau – Russland ist ein schönes Land und Wien, Wien lieben Maya und Chloe eh – wegen des Schmähs, der Reparaturseidl und […]

  4. […] einem Jahr besuchte ich zum ersten Mal in meinem Leben Wien. Ich bloggte jedoch nur die lustige Anreise und schulde noch ein paar Erläuterungen zu meinem Abend im Burgtheater. Dank FM4 gewann ich ja […]

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