Der Erbschleicher von Wahnmoching – oder – War das überhaupt ein Tatort?


Tatort aus München: „Der Gesang der toten Dinge“, 29.3., 20.15 Uhr

Gesamturteil ist mal wieder schwierig, da die altbekannte Genre-Frage für Verwirrung sorgt.

Als Krimi ne 3 als mundartlicher Erbschleicher-Klamauk ne 1- ergibt zusammen eine gnädige 2-.

Die Esoterik gehört zu München wie das Suizidale zu Wien – es ist ein ewiger Mythos und ein stets gern genommener literarischer Topos. Den besten Roman zu dieser transzendentalen Spinnerei und den illustren charismatischen Figuren, die sich an der Isar tummeln, hat Franziska zu Reventlow bereits 1913  geschrieben. (Unbedingt nachlesen: Herrn Dames Aufzeichnungen…) Sie war als Königin der Schwabinger Bohème mitten unter den „Enormen“ und hat an Faschingsgelagen sowie spiritistischen Sitzungen mit den Kosmikern teilgenommen. Der Hang zur Esoterik, erschien ihr wohl damals schon albern und pathetisch und deshalb schuf sie den Namen „Wahnmoching“ für Schwabing – mehr als ein Ortsteil sei es, vielmehr eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen“.

Der gestrige Tatort zeigt uns: Wahnmoching erfreut sich auch 100 Jahre später noch bester Gesundheit. Die Esoteriker-Familie, die im Münchener Tatort ihr Unwesen treibt, hängt allerdings nicht den antiken dionysischen Kulten an, sondern wurschtelt sich mit einer Mischung aus altkatholischer Marien- und Engelverehrung, Astrologie, germanischem Runenlesen und pseudowissenschaftlichen Methoden durch. Die neuen Möglichkeiten, die sie aus diesen uralten Kulten gewinnen, sind dabei weniger religiös als materiell. Sie nutzen ihre „Gaben“ (zum Beispiel den direkten Kontakt zu den Erzengeln Gabriel und Uriel) um den weniger übersinnlich ausgestatteten Menschen das Geld über telefonische Beratung bei ihrem Astro-Fernsehsender aus der Tasche zu ziehen. Kein Wunder, dass es da auch mal Ärger mit dem verlassenen Ehemann gibt, wenn man der Ratsuchenden klipp und klar sagt: „Sein Mars in deinem Aszendenten, das geht einfach nicht!“ Aber ob das gleich für einen Mord reicht? Nein – tut es nicht, der Geschädigte hat lediglich die Katze der ätherischen Familie entführt. Dieser Nebenstrang ist allerdings so halbherzig eingeführt, dass kein Zuschauer wohl ernsthaft in Erwägung gezogen hat, es könne sich hier um den Mörder handeln. Ist aber auch egal, denn dieser Münchener Tatort ist von seiner Genre-Heimat Krimi nun wirklich meilenweit entfernt.

Genau wie Chloe schon letzte Woche, muss ich konstatieren, hier steht der Klamauk an erster Stelle. Lediglich eine touristisch wirksame Verfolgungsjagd durch den Nymphenburger Schlosspark kam bei der Suche nach dem Catnapper raus und ein retardierendes Moment, denn wären die Kommissare nicht dem Falschen hinterhergerannt, hätten sie von der guten Hexe Fefi ja gleich erfahren, was passiert ist und der Tatort hätte nur eine Stunde gedauert, dann wären aber noch so viele komödiantische Einfälle rund ums Esoterik-Thema und so viele bunte Bilder übrig gewesen.

Der Fall ist kurz gesagt der Freitod einer sterbenskranken Frau, die sich ohnehin nicht heimisch auf dieser Welt fühlte, der Suizid wird vom habgierigen Stiefvater zum Mord ummanipuliert und dem Ehemann in die Schuhe geschoben. Schließlich gibt es eine Villa und ein Esoterik-Imperium zu erben. Der fälschlich Belastete hat leider nur die Fürsprache der Jungfrau Maria als Alibi zur Verfügung und das ist nicht juristisch wirksam. Trotzdem begeht der Stiefvater, um das Komplott zu decken, zwei Mordversuche, die beide ohne die gewünschte Folge bleiben. Eine Schnitzeljagd mit der charmanten Kräuterhexe Fefi (zauberhaft gespielt von der großartigen Irm Hermann), die die Vertraute der Selbstmörderin war und alles von Anfang an gewusst hat, bringt die Kommissare Batic und Leitmayr auf die richtige Spur und schließlich gelingt die Überführung des Stiefvaters mittels einer kleinen Intrige.  That’s it, der Rest ist Mundart-Boulevard auf höherem Niveau.

Eine nette kleine Erbschleicherkomödie ist herausgekommen mit allen guten Zutaten der Trivialliteratur: Eine dicke Villa, eine gute Portion Exotik (die Esoteriker sind halt komplett durchgeknallt mit ihren Räucherstäbchen, wallenden Gewändern und Trance-Zuständen), ein Ehedrama (der Mann der Selbstmörderin hatte was mit ihrer besten Freundin) und lauter schöne Gegensätze: Die guten und die bösen Hexen, Aura-Gläubige und Skeptiker, Jogger und Nordic-Walker, alte Kommissare mit existenzialistischer Vorgehensweise und junge Kollegin mit pragmatischer schweizer Präzisionsarbeit und nervtötendem Akzent (den unvergessenen Karlo wünscht man sich da wirklich zurück, aber offensichtlich brauchen die beiden Grantler eine Frischzellenkur). Bei so einem dienstalten Ermittler-Paar ist wahrscheinlich einfach schon jede mögliche Krimihandlung auserzählt und deshalb weicht man jetzt mit den alternden Helden aufs komische Fach und auf ein erweitertes Rollenspektrum aus.

Heraus kommt dabei ein verspieltes vollgestopftes Etwas, das ich wahrscheinlich furchtbar gefunden hätte, wäre da nicht die gute Kräuterhexe, deren Figur ein wenig komplexer angelegt ist als der Rest. Die spleenige gut gelaunte Alte hat so etwas wie „das zweite Gesicht“, nützt es aber nicht finanziell aus und verwahrt sich gegen allzu übersinnliche Deutungen. Ihre kauzigen Hobbys sind aus Geräuschen von quietschenden Türen Musik zusammenzuscheiden (daher der Titel „Gesang der toten Dinge“) und von ihrem Hund begleitet nachts (selbst singend) durch den Park zu radeln. Kräuter sammelt sie auch, aber wenn jemand wirklich krank ist, schickt sie ihn zum Arzt, den Mordanschlag auf die Gretl-Tante im Altenheim verhindert sie gemeinsam mit einer Armee von Siechen und Alten. Und dann hat sie noch eine Eigenschaft, die die liebe Chloe in absolute Verzückung versetzen wird: sie spricht am liebsten in Reimen!

Wenn ich mir das so überlege, den nächsten Batic und Leitmayr Tatort würde ich liebend gerne gegen einen Film mit dieser bayerischen Hexe Marple eintauschen, fasst schon schade, dass diese Figur für einen Tatort verbraten wurde, ich würde davon gerne mehr sehen, das liegt natürlich vor allem an der Schauspielkunst von Irm Hermann, aber schon auch am Konzept der Figur.

Fefi for President!

P.S.: Das mit den Hunden – ist das jetzt ein Running Gag? Muss jetzt in jedem Tatort ein Hund vorkommen, möglichst mit komischem Namen?

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2 Antworten

  1. Liebe Maya,

    ich bedanke mich für die aufschlussreiche Rezension. Natürlich bist Du derart gut gebildet, dass Dir niemals solch ein oberflächlicher Fehler – wohl ein Online-Praktikant – unterläuft:

    „Dass es in München manchmal recht merkwürdig zugeht, ist allseits bekannt. Und nicht besonders verwunderlich bei Weißbier und Fön, Oktoberfest und Dirndl. Dass es freilich auch mystisch werden kann, im Freistaate Bayern, das blieb uns bislang ein Geheimnis – ein Mysterium, sozusagen.“

    Vor zwei Wochen spürte ich selbst Reventlows anarchistische Spuren im Tessin auf dem Monte Verità nach… wirklich eine fantastische Frau.

    Ein Hoch auf die Hexen ! Und darauf, dass Männer sich immer vor intelligenten Frauen fürchten werden.

    Ade vom Sonnensee

    Chloe

  2. Hört, hört! Du alte Principessa Machiavella…geliebt oder gefürchtet werden das ist hier die Frage. Na ja – ich trinke trotzdem auf deinen Toast und füge hinzu – alle fürchten sich hoffentlich nicht, manche tun auch ersteres!

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