Der eingebildete Albaner


Mayas „Ätsch!“ war nicht unbegründet. Chloe fror über Ostern tatsächlich in Barcelona, während am Schwabenmeer Hochsommertemperaturen aufwarteten (den Bikini brauchte ich in Spanien erst gar nicht auszupacken!). Der Wind, der Regen und die Kälte hielten die zwei deutschen Touristinnen aber nicht vom Sightseeing & Feiern ab. Die Rache kam nach der Ankunft in Deutschland – vor dem Flug gab es noch Tomatensaft am Flughafen gegen den Kater. Höllische Kopfschmerzen, kratzender Hals und verdichtete Nase. Direkt nach dem traditionellen Spargelessen mit meinen Stuttgarter Freundinnen schlief ich vor Ort auf der Couch ein. Der Martini wurde auf dem Balkon ohne mich getrunken. Chloes sonore Nase untermalte den lauen Sommerabend mit einem leichten Soundtrack für die Freunde…

Am Ostermontag begab ich mich mit dröhnendem Schädel auf die Heimreise. Ich hatte mir extra eine Zugverbindung „ohne Umsteigen“ herausgesucht. Dann diese Konversation mit dem Schaffner:

Schwäbischer Schaffner: „Ihre Fahrkarte bitte!“
Chloe reicht die Fahrkarte.
Schwäbischer Schaffner: „Wie lautet denn Ihre Endstation?“
Chloe in ein Taschentuch trotzend rotzend: „Meckenbeuren.“
Schwäbischer Schaffner eiskalt: „Dann müssen Sie nun in Göppingen aussteigen. Mit dem Baden-Württemberg-Ticket dürfen Sie nicht im InterCity fahren.“

Der Schädel pochte und ich kochte innerlich! Die Chose hatte ich schon auf der letzten Berlin-Rückreise. Aber da handelte es sich um einen ICE. Das versteh ich ja noch. Aber warum darf ich nicht mit dem popeligen IC an den See??? Eine Stunde stand ich ohne Aspirin am Bahngleis und sehnte mir die Bummelbahn herbei. In „Mekka“ wartete mein Chauffeur in FlipFlops auf mich. Am See hatte während meiner Abwesenheit alles zu blühen begonnen! Der Frühling ist rosa-weiß-rot eingebrochen!

Durch den Mund atmend schrie ich entsetzt bei all der wohligen Wärme um mich herum: „Fuck, Barcelona!“ Und in dem Moment lief auf FM4 ironischerweise „Blue Period Picasso“ von Peter Bjorn and John. Nein, Barcelona war natürlich toll, nur habe ich mir die Erkältung meines Lebens zugezogen. Vor Kopfschmerzen liefen mir sogar die Tränen… Zum Glück konnte mein Chauffeur eine Bouillon für die nicht eingebildete Kranke kochen. Das öffnete mir etwas die Augen und ich vermochte doch, den Tatort anzuschauen. Zwischenzeitlich musste ich mich ob fiebriger Hornhaut vom Bildschirm wegdrehen und mir die Szenen vom Chauffeur nacherzählen lassen.

Trotz massiven Immunsystemeinbruchs habe ich jedoch mitbekommen, was gleich zwei Tatort-Rezensenten entgangen ist! Nicht ein einziger waschechter Albaner war im Tatort als Rolle niedergeschrieben. Maya! Deine Rezension war zwar wie immer genial und traf auch meine Rezeption, aber wie konnte Dir dieser Fehler unterlaufen??? All die Politikseminare während unseres Studiums? Maya, alles ignoriert? Die schöne Systemtheorie, unsere Referate mit Dokumenten von Zeitzeugen, meine niemals vollendete Hausarbeit… Stepan Istjevic ist doch der Feind der Kosovaren! Wie kann der ein Skipetar sein? Istjevic will als Anhänger des Großreichs Serbiens lediglich das Amselfeld zurück.

Aber Dir, liebe Maya, verzeihe ich ja alles. Beim zweiten Rezensenten kommen mir jedoch fast die Lachtränen. Wie kann ein Slave den Serben „Istjevic“ mit einem Skipetaren verwechseln?

Ebenso wie der böse Vermittler Stepan Istjevic (ein grotesk geschminkter und alles andere als albanisch wirkender Victor Choulman) irgendwo doch noch einen Funken Anstand besitzt. Istjevic geht es eigentlich nicht um Geld, sondern ums „Vaterland“.

Oh, hier scheint ein Kenner unterwegs zu sein. Ein moderner Anhänger der Physiognomie! Wie sieht denn ein echter Albaner aus? Und welches Vaterland rechnen wir diesem Phänotyp zu? Ist das Vaterland eines Kosovaren Albanien? Tja, das passiert, wenn man seine Bildung aus dem Fernsehen hat. Allein über die Famija Moderne oder den Tatort erklärt sich die Welt nicht… etwas Menschenkenntnis und Empathie kommt immer gut.

Und seit wann hat das „Vaterland“ nicht auch was mit Geld zu tun? Jedes Hektar Land bedeutete von jeher Macht und Geld. Manche opfern gar ihre eigenen Kinder dafür… und ob das Amselfeld das „Vaterland“ eines Serben ist, ist so oder so ein spannender Diskurs. Diese Metaebene scheint allen entgangen zu sein. Chloe ist zumindest die zivilisierte Generation der iPod-Jünger lieber als die mit Hass gegen Ethnien erfüllten Teenager auf dem Balkan. Jede Münze hat zwei Seiten!

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4 Antworten

  1. Ehrlich gesagt – bei den vielen auf „ic“ endenden Namen und der Tatsache, dass der Alte seinen Kampf ums Vaterland weiterführt, obwohl das Kosovo ja inzwischen ein unabhängiger Staat ist, habe ich mir schon gedacht, dass hier ein Serbe zu Gange ist, der das Amselfeld zurück will. Ich habe nix vergessen, ich wollte nur nicht auf die schöne Anspielung auf Karl Mays abenteuerliche Verbrecherjagd „Durchs Land der Skipetaren“ verzichten, und aufs albanische-Messerstecher-Klischee (ich glaube man hat gut erkennen können, dass ich der Meinung bin auch unter Serben, Deutschen und sonstigen gibt es immer welche, die die Messer schwingen). Nun gut, war klar, dass du mir das nicht durchgehen lässt, ist auch richtig so, bei einem derart empfindlichen Konflikt zweier verfeindeter Nationen ist eine Rochade wirklich nicht erlaubt! Auch wenn der Fanatismus auf beiden seiten wohl gleich verteilt ist und die Ideen von Rache und Ehre sich wohl auch nicht stark unterscheiden dürften. Ich werd’s gewiss nicht wiedertun. Man ersetze also bitte beim Lesen meiner Tatort-Nacherzählung Skipetaren durch Serben und ergänze noch die Hoffnung meinerseits, dass all die hübschen angespielten Motive, die Einsamkeit und die moralische Fragwürdigkeit, die sich aus dem verdeckten Ermitteln ergeben, in Zukunft beim Hamburger Tatort noch viel mehr zum Tragen kommen.

  2. Ach ja – unsere Fallstudie zum Kosovo – ich habe die Hausarbeit damals übrigens abgegeben und hatte ne 1-2. (Das waren noch Zeiten!) Ein Argument mehr dafür, dass ich sensibler hätte sein müssen. Asche auf mein Haupt…

    Und warum müssen diese Zugschaffner eigentlich immer so fürchterlich kleinlich sein? Vielleicht wird ja jetzt, da Mehdorn weg ist, alles besser. Wünsche an den „Neuen“, gibt es ja viele, die „Zeit“ hat kürzlich 50 aufgelistet. Wahrscheinlich ist es aber nicht.

  3. Hallo Chloe,

    das BW-Ticket oder auch das schöne WE- Ticket der Bahn berechtigt nur zu Fahrten in Nahverkehrszügen – und der IC gehört halt nicht zu dieser Gattung. Aber darüber wurdest du sicherlich vom Zugbegleiter aufgeklärt

    see you am See

  4. […] zum Gespräch mit dem Radler Leo – auch bekannt als Chauffeur und […]

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