Rache und Grauburgunder – beides besser kalt serviert


S‘ Burli und die Weinkönigin

Wenn die Tuba klingt an der Saar
und der Weinkönigin blinkt das Haar,
einen übern Durst trinkt der Kommissar,

dann bleibt er gleich vor Ort
und klärt ein wenig zäh den Mord.

Der Tatort aus Saarbrücken „Bittere Trauben“, 26.4., kommt in der Bewertung über ein „ganz nett“ nicht raus: 3+.

Wieviel Lokalkolorit verträgt der Tatort? Das ist gar nicht einfach zu beantworten, denn wenn es schon Kommissare aus den verschiedenen Heimatflecken der ARD-Sendeanstalten gibt,  dann sollte ja auch die Vielfalt des Landes und das Typische der jeweiligen Gegend zur Geltung kommen. Aber muss der Sonntagabend-Krimi gleich zum Heimatfilm verkommen?

Gestern Abend fehlte ganz eindeutig die ironische Brechung, das war eine Heimat-Schmonzette in reinster Form,

hier gab es ein traditionelles Setting: Weinfest mit Winzern, Weinkönigin und ehrgeizigem Bürgermeister,

mit einem ganz ollen Fall: ein Weinprüfer wurde ermordet, Wein wurde gepanscht, Verwechslungen dürfen nicht fehlen, alte offene Rechnungen und Gezänke um einen Weinberg zermürben die Winzerfamilien, die vom Schicksal arg gebeutelte rachsüchtige Winzertochter will sich zurückholen was ihr einst gehörte und dabei gleich den ehemaligen Liebhaber, der am Ruin und Tod ihres Vaters schuld war, richten

und einer äußerst herkömmlichen Ermittlung: bisschen Befragung, bisschen Kombination, Feingefühl beim Umgang mit dem Chemiker und wenn ein Kommissar bei der Ermittlung mit der Weinkönigin versackt, dann hat diese zwangsläufig einen entscheidenden Hinweis und ist am Fall beteiligt, so will es das Tatort-Gesetz

garniert mit üblichen Nebenhandlungen: Kompetenzgerangel zwischen den Kommissaren Kappl und Deininger (der inzwischen mit großem Kugelbauch und grotesker Gesichtsfrisur eher Karikatur als Figur ist) und zwar beruflich wie privat, Einweihung des „orstfremden“ Kommissars in saarländische Sitten und Langsamkeit und ein Besuch des bayerischen Papas (Konstantin Wecker), der gar noch Verständigungsprobleme mit der Sekretärin hat. Selbst der gute Mosel-Wein kann die Zungen da nicht angleichen und zu einem vorgezogenen Pfingstfest führen, stattdessen landet Kappl-Vater zum Ausnüchtern in der Zelle (was für ein Gag, weil doch der gute alte Wecker auch schon im Gefängnis…na ja, ich sags ja: Schenkelklopfer!!!). Zu einer ordentlichen Aussprache mit dem Sohn kommt es auch nicht, zum Glück vertragen die beiden Kommissare sich aber immer wieder und der Deininger ist am Ende stets viel weniger dumm als er aussieht.

Wären die Schauspieler – allen voran die Kommissare Kappl/Deininger (Brückner/Weber) – nicht wirklich gut und lieferte die Kameraarbeit nicht den letzten Rest an feiner Distanz, indem sie zeigt, dass die Kommissare hier eigentlich im falschen Bild sitzen, sich aus Versehen und Frust in den Heimatfilm hineingesoffen haben und ihn nun bis zum Ende der Ermittlung mitspielen müssen, hätte mein Urteil noch viel übler ausfallen können. So mayne ich, irgendwie wars doch ganz nett. Demnächst wünsche ich mir aber einen spannenderen Fall, etwas weniger weinselige Gemütlichkeit und mehr Kühlung.

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