Aufgehorcht statt abgeschaltet


Kürzlich bat mich meine langjährige Weggefährtin durch Tanzflächen und Konzertsäle Prissy um ein Urteil über das Album der derzeit über die Maßen gehypten Band White Lies.

„Ist das nun großartig oder nur der nächste laue Joy Division-Verschnitt?“, war die Frage, die die sonst musikalisch durchaus stilsichere  Freundin sich nicht klar beantworten konnte. Kein Problem, dachte ich maynungsfreudig, höre ich einfach mal rein ins Album, die Singles hatte ich im Radio schon mal hier und da aufgeschnappt und dabei hatte ich die üblichen Editors/Interpol/Bravery-Assoziationen und ansonsten waren sie mir immerhin nicht negativ aufgefallen. Dieser Vorab-Eindruck beschreibt dann auch schon die ganze Belanglosigkeit, die mir beim Hören entgegenschlug, dieses Album juckt mich nämlich einfach überhaupt nicht.

Und ich habe es wirklich versucht, aber leider entpuppte sich die für mich eigentlich so leicht und vergnüglich daherkommende Aufgabe, das Album bewusst anzuhören, als beinahe nicht lösbar. Bei ungefähr 5 Anläufen ertappte ich mich jedesmal dabei, wie ich bisher länger aufgeschobene Arbeiten in Angriff nahm, sobald „To lose my life“ lief. Während die düster-romantisch-bombastischen Arrangements der britischen Indie-Rock-Bubis mit ihren weinerlichen Claims bei anderen also Begeisterung und Schauer auslösen, habe ich ihnen unter anderem zu verdanken, dass mein schmutziges Geschirr von einer Woche wieder gespült, die Wäsche gewaschen und aufgehängt, das Bett neu bezogen und sogar eine Bluse gebügelt wurde (Hausfreunde wissen, das Bügeleisen wird eigentlich häufiger von Besuchern als von mir selbst benutzt).

Nach der jeweiligen Erfüllung der Hausarbeit, bemerkte ich jedesmal erschrocken, dass ich doch eigentlich die gehypte Band anhören und bewerten wollte, aber irgendwie war ich jedesmal abgeschweift. Als ich mich beim x-ten Versuch mit dem Staubsauger in der Hand wiederfand, begann ich an meiner eigenen Konzentrationsfähigkeit zu zweifeln und ermahnte mich selbst zur Ehrfurcht vor den Künstlern, also startete ich einen letzten Anlauf und zwang mich durch Computer-Mahjong-Spiel zum Sitzen und Hören.

Das Fazit ist allerdings schon klar, es kann kein gutes Zeugnis für Musik sein, wenn man es nicht schafft sie sich freiwillig anzuhören und dauernd abschaltet oder etwas anderes tut. „Manche Sachen erschließen sich halt erst beim zweiten Mal“, hatte Charly mich noch angefeuert, als ich ihm meine Indifferenz zum Thema White Lies klagte. Damit hat er zwar Recht, aber auf „To lose my life“ trifft das für mich nicht zu, es ist ja nicht so, dass es zu komplex wäre oder zu sperrig – es verfolgt ja durchaus einen derzeit (ein)gängigen Stil, aber mich berührt es einfach nicht und das ist bei Musik, die soviel auf Pathos setzt, dann schon geradezu peinlich. Für mich ist diese Gefühlsduselei ohne Authentizität bloß Kitsch. Es hatte schon eher eine unfreiwillige Komik, zukunfstsängstliche  Textzeilen wie „I need a place to hide before the storm begins“ vorgeheult zu bekommen, während ich ganz patent am Putzen war.

Nach diesem Tiefschlag hatte ich zum Glück aber vorgestern ein ganz euphorisierendes Gegenerlebnis, das Radio dudelte im Hintergrund und ich ertappte mich mit der Zeitung in der Hand plötzlich bei rhythmischem Mitwippen und das bei einem nie gehörten Lied! Diese trockene Dynamik, diese Drums, diese Stimme – Maya maynt: das ist Musik, wie sie sein muss!

Ok – ich bin parteiisch, für Musik mit Jack White-Beteiligung lasse ich mich sogar gerne von männlichen Mittänzern zum augenklimpernden Wünschen vors DJ-Pult schieben und The Kills fand ich auch schon immer großartig, kein Wunder also, dass dieser Super-Band-Zusammenschluss mein Herz erfreut. Aber ich glaube auch ganz objektiv betrachtet könnte man „hang you from the heavens“ als ein gutes Stück Musik bezeichnen und wie konnte es mir nur über einen ganzen Monat lang entgehen?

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Eine Antwort

  1. […] fragwürdiger waren zwei weitere Veröffentlichungen. Der Hype um die White Lies wollte mir nicht ganz in den Kopf und die Arctic Monkeys erhielten von mir auch nicht gerade […]

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