Nadine bleibt lieber im Puppenheim oder Heile Welt ist was für Spinner


Tatort aus Kiel, „Heile Welt“, vom 3.5. war auch wieder nur lau. Maya maynt, wenn sie Kommissar Beck sehen will, dann guckt sie Beck und nicht Borowski – ne 3 muss reichen.

Michelle (zufällige oder absichtliche Namenswahl?) ist das Produkt einer dependent-narzisstischen Kollusion, das heißt die Neurosen ihrer Eltern passen wie Schlüssel zu Schloss. Die regressive  Mutter Nadine (schön-nervige Vampirella: Katharina Wackernagel) sieht sich als armes Hascherl und will immer nur gerettet werden, logisch dass sie mit so einer Selbswahrnehmung nicht gerade gut mit dem eigenen Kind klarkommt, sie will ja immer selbst eines sein. Dem Vater Thies, der die Heldenrolle zunächst liebte, wird das alles viel zu viel, er hat zwar trotz Knast-Karriere den Sprung ins Bürgerliche geschafft und baut fleißig an Nest und eigenem Lokal, aber die enormen übersteigerten Ansprüche der schutz- und zuwendungssüchtigen Frau kann er einfach nicht erfüllen. Also sieht er über alles was bei seiner Familie im Argen liegt hinweg, denn auch ohne Blutergüsse beim Kind und dauernd gebrochene Finger der Frau anszusprechen gibt es schon genug Streit, allerdings keine konstruktive Lösung der Problematik.

Bei solchen Eltern ist es nur verständlich, dass Michelle gerne mal abhaut. Dass sie nicht mehr wiederkommt ist allerdings doch besorgniserregender, als der knarziger Kieler Kommissar Borowski (trotz allem großartig: Axel Milberg) beim Gespräch mit der aufgelösten Mutter zunächst angenommen hat. Das Mädchen wird tot auf einer Fähre gefunden und die Gerichtsmedizin findet mehrere alte Verletzungen. Die üblichen Verdächtigen bei toten kleine Mädchen werden verhaftet: Männer aus dem Umfeld. Aber dass der nette Kellner aus dem väterlichen Restaurant es beim Schwimmen mit dem Mädchen nicht auf irgendwelche Perversionen abgesehen hatte, ist dem Zuschauer von vornherein genauso klar, wie dass der Ex-Knacki zwar cholerisch ist, aber seine Familie wohl eher nicht schlägt.

Reichlich unspannend war die „Heile Welt“, denn irgendwie bekam der Zuschauer doch von vornherein präsentiert, was für Furien die Frauen mit ihren überspannten Erwartungen hier sind. Unterschiedlich sind nur die Modulationen der Schrecklichkeit. Die Oma des ermordeten Mädchens setzt ihren Dominanz-Anspruch mit unterkühlter Giftigkeit durch und lässt kein gutes Haar am Schwiegersohn, der sich doch so redlich müht und auch nicht an sonst einem Mann. Die wirre Tochter dieser Eiskönigin macht einen auf Anti-Nora und will einfach nicht begreifen, dass sie das eigene Leben nicht im Puppenheim verbringen kann.  Um den Schmerz über die ganze Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit zu überdecken, wird sie nicht nur autoaggressiv, sondern zur Kindsmörderin. Nun ja – ein tragisches Frauenschicksal der 50er Jahre – ach nein, der Gegenwart, sagt zumindest der Tatort.

Leider dauert es ganz schön lange, bis der olle Borowski auf diese ziemlich offensichtliche Tatsache kommt. Wäre die ihm zur Seite stehende Psychologin Jung nicht hin- und hergerissen ob sie weiter den Kauz bei seiner Polizeiarbeit unterstützen oder doch lieber eine attraktive Stelle in der Schweiz annehmen soll, hätte sie uns vielleicht den ganzen Schmarrn und der Brigitte die Foren-Diskussion „Sind unsere Ansprüche an Mütter zu hoch?“ erspart. So dauerte es halt 90 Minuten.

Was bleibt? Ich habe gelernt, dass Kiel ganz hübsch aussieht, ein Blick übers Wasser dort auch den Zürichsee ersetzen kann und dass ich, wenn ich Lust auf düstere skandinavische Krimis voller menschlich schwächelnder Kommissare und Gesellschaftsproblematik habe, bei Beck bleibe.

Dass es eine so genannte „Heile Welt“ im Schoße der Familie nur mit Abstrichen gibt und wer das beizeiten akzeptiert, gesünder dran ist, war mir dann doch schon bewusst.

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Eine Antwort

  1. […] dazu im Fundus; Sopranisse, Fielitz, Annabell, Mayavonderspree und andere Tatort-Gucker haben auch […]

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