Drei Bengel für Blum


Tatort aus Konstanz “Im Sog des Bösen”, Sonntag 07.06.2009. um 20.15 Uhr
Note: eine strenge 3,5

Mayas ehrenamtlicher Einsatz bei der Europawahl befreite sie um den Tatort am Bodensee. Da Maya jedoch die Woche zuvor Chloe vertrat, die den Bodensee mit dem Rad trotz Sturz und Bänderriss tapfer Hügel für Hügel erkundete, war das recht demokratisch verlaufen.

Als Ortsansässige sollte ich mich eigentlich nicht über die zugeloste Rezension beschweren. Aber Klara BLUM (Eva Mattes) bringt mich um! Das ist mit Abstand die schlechteste Betroffenheits-Kommissarinnen-Fresse (entschuldigt den Ausdruck!), die im Fernsehen herumläuft. Pah! Und dieses Mal mimt Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) auch noch einen Josef K. für Legastheniker! Da wird dem drolligen kleinen Kai der Prozess von der eigenen Kollegin gemacht. Ui, ui, ui. Und dann tauchen auch noch zwei Praktikanten auf, die ihre Diplomarbeit im Präsidium schreiben. Der eine Halbstarke, Moritz, ähnelt von seiner Schmierigkeit und Selbstgefälligkeit einem Raskolnikow. Die Trefferquote meines Mitsehers nach nur fünf Minuten ist nicht zu verachten: „Die Studenten waren es, damit sie eine spannendes Diplomarbeitsthema haben!“

Ach, Chloe wird schon wieder cholerisch. Kino-Woody meinte neulich erst, dass er sich nach der Lektüre unserer mit Groll verfassten Tatort-Rezensionen nur darin bestätigt fühlt, diesen nicht anzuschauen. Das ist natürlich nicht unser Ziel. Aber beschönigen sollte man die Misere auch nicht! Hier geht es ja schließlich um Kritik. Bauchpinseln lassen kann sich der Regisseur Didi Danquart von unterbezahlten Praktikanten bei Online-Redaktionen. Bei SpreeSee sind die Gedanken frei und das Motiv nicht monetär. Danquart stellt zum Beispiel meine Ortskenntnisse in Frage. Eine der befahrenen Straßen am See ist zum Beispiel gar nicht für Autos zugelassen. Die Parkbank am Schluss ist verstellt und mit dem Rücken zum See gekehrt. Gut, diese Bemerkungen stammen von meinem Sitznachbarn, der an Konstanzer Ufern aufgewachsen (er bildete sich gar ein, sein Familienboot erkannt zu haben. Ob die Tatort-Crew einfach so ohne Erlaubnis seiner Eltern gefilmt hat?). Aber auch ich erkannte zumindest die Straße zur Insel Reichenau, die ich noch mit heilem Fuß beradelte.

Beim Szenenbild – liebe Frau Stephanie Brenner – muss ich auch mosern! Als alter TV-Junkie fühlte ich mich aufnahmetechnisch in die Achtziger Jahre versetzt! Dieses blasse Licht, diese langweiligen Kameraeinstellungen (Jürgen Carle) – da strahlt Gute Zeiten Schlechte Zeiten mehr Modernität aus. Oder sollte das eine perfide Anspielung auf die verstaubte Provinz am See sein? Schließlich läuft im einzigen Club „Limelight“ nur Musik aus den Neunzigern. Als Perlmann mit den zwei Praktikanten die Konstanzer Szenebar betritt, legt Perlmanns Schnecke doch glatt Falkos „Der Kommissar“ ein. Das ist so schlecht! Aber gekotzt wird erst, als Perlmann seine tote Schnecke am nächsten Morgen im Müllcontainer entdeckt. Und ab sofort wird der Jäger zum Gejagten. Weil er sich nicht traut vor den Praktikanten Moritz Fleiner (Hanno Koffler) und Karl Mackert (Oliver Urbanski) zuzugeben, dass er ein Verhältnis zur toten Konstanze hatte, begeht er in den Augen seiner Kollegin Blum einen starken Vertrauensbruch.

Blum muss – nachdem der drogenabhängige Lebensgefährte der Ermordeten von Perlmanns Ausrutscher erzählt – ab sofort misstrauisch sein. Auch wenn Perlmann sie wie eine beleidigte Leberwurst (es fehlt nur noch, dass er mit dem Fuß aufstampft – schauspielerisch ein Katastrophe!) von seiner Unschuld überzeugen will. In seiner Verzweiflung gibt er gar zu, dass es ihm peinlich war, in solchen Kreisen geliebt zu haben. Als Perlmann stotternd erklären will, warum er trotzdem auf Konstanze stand, bringt es Blum zumindest für ihn auf den Punkt: „Sie war so hilfsbedürftig!“ Tja, darauf fährt nun mal auch der Mann im 21. Jahrhundert ab.

Blum hat mit ihren drei Männern Moritz, Karl und Kai einiges zu schaffen. Viel Zeit für ihre Freundin, die Frau des Oberstaatsanwaltes, bleibt nicht. Alle Indizien deuten auf Perlmann, weshalb sie diesen erstmal vom Dienst suspendiert. Ohne Dienstmarke lässt es sich für Perlmann nur schlecht gegen die Aids-Tabletten-Schmuggler ermitteln, die alle einst in der Band „Wonderpills“ um Konstanzes Drogenjunkie herum spielten. Perlmann vermutet den Mörder in diesem Milieu und kann es nicht fassen, wie einseitig sich Blum auf ihn als Hauptverdächtigen einschießt. Er muss gar eine Speichelprobe abgeben.

Das ganze Spiel hat schreckliche Längen. Etwas Schwung kommt rein, als Perlmann den Drogenjunkie tot in seiner Wohnung auffindet und Blum parallel Perlmanns Wohnung aufsucht und Konstanzes Geld sowie Drogen in den reich möblierten Wänden ihres Kollegen findet. Die Beweislast wiegt schwer. Blum muss Perlmann vernehmen. Zuvor erfährt sie aber noch von ihrer Freundin, dass der Oberstaatsanwalt eine Affäre hat und sie verlassen wird. „Es ist so demütigend!“, bemerkt die schöne Blonde noch. Neben mir schreit es: „Ha, der hat eine Affäre mit einem der Praktikanten!“ Dabei hatte der Oberstaatsanwalt noch kurz zuvor zu Blum gemeint, dass Perlmanns Reputation mit der Liebelei im Milieu eh schon dahin sei. Ja, ja, die Doppelmoral!

Blums Trick, Karl das Vernehmungsprotokoll schreiben zu lassen ist somit durchschaut. Statt Perlmann wird Karl während der Vernehmung in die Ecke gedrängt. Die Vernehmung war dramaturgisch nicht schlecht ausgearbeitet. Aber was sind fünf gute Minuten in Relation zu 85 schlechten? Karl gibt zum Schluss zu, dass sein Freund Moritz das Opfer erstickt hat. Warum kommt nicht wirklich rüber. Der Trend beim Tatort geht wohl zum Mord ohne Motiv! Die Liebe zur Wissenschaft war es jedenfalls nicht. Moritz scheint einfach etwas zu viel Testosteron über gehabt zu haben (die einen schützen die Hilfsbedürftigen, die anderen schlagen sie zu Tode). Ach ja, Karl ist natürlich mit dem Oberstaatsanwalt liiert. Um bei der Polizei nicht als „Schwuli“ aufzufliegen, deckte er Moritz Missetat.

Der unschuldige Perlmann darf endlich aus dem Alptraum erwachen und kann mit der Dienstmarke in der Tasche wieder auf Verbrecherjagd gehen. Der Drogenjunkie wurde von seinen Ex-Band-Mitgliedern ermordet. Die ganze Afrika-Aids-Tabletten-Geschichte war daran Schuld und Perlmann darf die Jungs einbuchten! Die Welt ist wieder in Ordnung. Da sitzt es sich auch bequem auf der Parkbank am See. Vielleicht symbolisiert die falsch herum aufgestellte Parkbank auch lediglich den Zustand, den Perlmann laut Blum erleben durfte: einmal auf der anderen Seite zu sitzen!  Mit dieser Erfahrung kann er nun ein nur noch besserer Polizist werden. Mehr Sülze mag ich nicht zitieren…

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3 Antworten

  1. Bestes Zitat des Tatorts: Blum zu Perlmann: “ hast Du was zu trinnken?“ er zieht eine Flasche Schnaps aus der Büroschublade… Blum:“ Du Depp!“ haha großartig

  2. Dabei gehört doch ein Obschdler oder Willy in jede noch so knausrige oberschwäbische Schublade!

  3. […] zu dieser Folge im Fundus. Zugesehen haben chloevomsee, Annabell, Ponkie und die Mitglieder des Tatort-Forums. Wer nicht wissen will, was in dem Tatort […]

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