Liza, ich will einen Rasenschnitt-Protest-Bossa von Dir !


Frag nicht, was die Provinz für Dich tun kann. Frag, was Du für die Provinz tun kannst! Maya, die bei ihrem Debütantinnen-Dienst am letzten Sonntag gleich was für ganz Europa tat, beschreibt meine Mission am See wie folgt:

Chloe versucht im Kulturverein dem See ein wenig cineastisches und dramatisches Seelenfutter zu kredenzen.

Kredenzen? Naja, in der Tat schenke ich den Leuten einfach nur reinen Wein ein. Zumindest bei meinem zweiten Kultur-Standbein, dem Theater, beschränkt sich das Ehrenamt auf den Thekendienst. Ich suche mir jedoch meinen Arbeitseinsatz nie nach Vorlieben aus. Ganz im Gegenteil, meistens stürze ich mich völlig unvorbereitet in den Abend und lass mich von Bands wie Esha Ness positiv überraschen. Aber oft sind auch Lesungen oder Theaterstücke dabei, bei denen ich selbst ordentlich was trinken muss, um ob meiner drohenden Hybris die darstellenden Skurrilitäten unbeschadet zu überstehen. So sehr ich zum Beispiel die Leistung der Bodensee Players

Our amateur theatre group (mostly native speakers) presents plays in the English language for the Bodensee region.

schätze, kann ich es jedes Mal einfach nicht fassen, dass die Hauptrolle eigentlich die Souffleuse spielt. Im Eifer des Gefechts wurde schon mal ein halber Akt gestrichen… Meine Wut lasse ich nicht nur am Wein aus. Zwischendrin halte ich meine Freunde über mein iPhone up to date. Muckie, deren Kollegin bei den Bodensee Players mitspielt, stichelt dann auch gerne:

Chloe: Murdered to Death @Atrium Theater ! Das Stück ist wirklich tödlich! Provinztheater! Aaaaaaaaaah!

Muckie: Erstmal nachmachen Madammchen!

Chloe: Ne, Ne, Comtesse! Manche Sachen überlässt man lieber Profis. Ich lasse mir ja auch nicht von nem Schauspieler nen Zahn ziehen.

Am Freitag, dem 29. Mai hatte ich nun also mal wieder Dienst. Wie immer kam ich zu spät los von der Arbeit und kassierte erstmal eine gehörige Standpauke von den Heavy Volunteers (Hausfrauen und Lehrerinnen), die in der letzten Vereinssitzung eine neue Satzung zur Anwesenheit bestimmt hatten. Dabei stand ich eh wieder eine halbe Stunde blöd herum, da nichts zu tun war. Die Band kam auch zu spät, da sie den Pfingstreiseverkehr völlig unterschätzt hatten – bei mir ernteten sie somit tausend Sympathiepunkte! Der Soundcheck wurde parallel zur Eröffnung der Abendkasse in Jogginghosen gestartet.

Meine männliche Begleitung hatte mich aufgrund spießbürgerlicher Pflichten sitzen lassen. Dafür rief Muckie noch rechtzeitig an und fragte, was Hotel Bossa Nova denn für eine Truppe sei und was sie sich unter Bossa Nova vorzustellen habe. Ich – nur Maya weiß, wie ungern blöd Chloe Lieder in größter Verzweiflung nachsummt – erbarmte mich also und zwitscherte vor allen Anwesenden laut in den Hörer hinein:

Paam – pampaamam – pam pam – papaamam… – erkennst Du das nicht? Das ist der berühmteste Bossa, den es gibt: The Girl From Ipanema

Immerhin ließ sich Muckie trotz meines Gestammels nicht von dem Konzert abschrecken und schaute mit ihrem Bruder Fox vorbei. Fox war ob der Gestalt der hübschen sowie temperamentvollen halb indischen, halb portugiesischen Sängerin Liza da Costa, die sich nach dem Soundcheck noch schnell ins kleine Schwarze geschwungen hatte, völlig hingerissen. Sogar die weibliche Thekendame neben mir musste später an Liza loswerden, dass sie sie total um ihre schönen Beine beneide.

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Die widerspenstige Liza

Chloe chrübelte hingegen… Woher kannte sie bloß diese Stimme? Auch das Gesicht erinnerte sie irgendwie an ihre Jugendzeit. Und plötzlich summte es aus dem Unter-Chloe:

Eyo, Captain Jack!

Chlaro, das war die Frau an der Seite von Captain Jack! Wow! Und nun dieses klasse Quartett aus Wiesbaden! Ab sofort lauschte ich noch intensiver den Jazz-Bossa-Klängen, um mich komplett von der Musik fesseln zu lassen! Ich liebe ja Menschen mit Brüchen. Die Dissonanz gebiert Schönheit. Und außerdem fand sich auf der Bühne auch noch der meta-musikalische Brückenschlag zwischen Maya – Einflüsse des melancholischen Fados sind der Spiegel zum Blues, den sie an der Spree gerne bekommt – und der Chansonier Chloe – die am Bossa die Lateinamerikanische Leichtigkeit liebt – ein.

Liza erzählte in einer furchtbar kecken Art vor jedem Stück kurz den Inhalt nach. Bei O Pato, einem Stück von der ersten CD „Ao Vivo“, das irgendwie mit Enten zu tun hat, rief ich meine verhinderte Begleitung an und ließ ihn mitlauschen. Während ich in der Pause arbeiten musste, schickte ich Muckie vor, um für mich eine CD bei Liza zu kaufen, die für meinen Bossa-Schwänzer und iPhone-Schwarzhörer signiert sein sollte.

Nach der Unterbrechung ging es fürs Publikum mit Eigenkompositionen aus der neuen CD „Supresa“ weiter. Ganz, ganz großes Kino! Apropos Kino, Muckie nutzte die Pause, um schnell nebenan den Film für den nächsten Tag einzulegen. Als Liza auch noch einen Protest-Bossa ankündigte, war Revoluzzer-Chloe, die größte Anhängerin vom FM4-Protestsongcontest, völlig hin und weg von der Band.

Nachdem sich meine Augen an der Frontfrau satt gesehen hatten, entdeckte ich zu meiner Verwunderung den hinreißenden Gitarristen Tilmann Höhn. Ein völlig unscheinbarer bis konservativer Mensch mit der Ausstrahlung eines Studienrates, den man auf der Straße nicht eines Blickes würdigen würde. Aber auf der Bühne zupfte er Saiten-Sex zusammen! Allein beim Zuschauen überfiel einen plötzlich die pure Lust, diesen leckeren Mann aufzufressen. Den Korpus seiner Gitarre behandelte er wie eine Rubens’sche Frauensilhouette. Er tätschelte seiner Eroberung zum Rhythmus auf den Hintern! Beim Zuhören verbrannte man sich fast die Finger…

Bei der Ansage zum nächsten, etwas düster kriminellen Stück fragte Liza in die Runde rein: „Gibt es dunkle Ecken in Friedrichshafen? Jede Stadt hat dunkle Ecken. Vorhin hörte ich aus dem Publikum, dass heute jemand nicht anwesend sein kann, da er Strafmähen muss. Der Rasen sei schon einen Meter hoch! So sehen also die dunklen Ecken in Friedrichshafen aus.“

Hä? Woher wusste Liza, dass meine Begleitung in der Tat aus diesem Grund nicht mit konnte? Blick zu Muckie… Aha, sie hatte das beim CD-Kauf ausgeplaudert. Ein lustiger Abend durch und durch.

Jedenfalls möchte ich zum Abschluss noch zwei Resümees ziehen.

1. Superstars sollten besser bei Captain Jack als Dieter Bohlen in die Lehre gehen.

2. Maya, wir haben ein schönes neues Wort geschenkt bekommen: RASENSCHNITT. Schau mal, was in der Tür des pflichtbewussten Rasenmähers trotz Bossa-Verzichts steckte, als er nach der Pfingstradtour wieder zu Hause ankam.

Spießerrüge

Spießerrüge

Auf so nen Spießer-Schock zogen wir uns erstmal etwas Bossa rein. Die CD habe ich sicherlich schon dreißig Mal angehört und sie wird nur von Minute zu Minute interessanter. Wiesbaden hat Weltformat gezeigt! In Friedrichshafen wird derweil weiter Rasenkanten getrimmt und der Rasenschnitt (ich darf nicht verraten wo!) entsorgt…

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6 Antworten

  1. die ganzen einträge schreien ja nach kommentaren, auch die tatort rezension (achtung! kommt noch die tage). doch jetzt nur ein kurzes statement meinerseits.
    die cd scheint ja ganz gut zu sein und die sängerin ist auch nicht hässlich, doch bin ich durch deinen text auf etwas ganz anderes gestoßen. nein, keine schweinereien. habe aufgrund deines hinweises zum protestsongcontest einen neuen absoluten tophit gefunden. ich sage nur:
    junge kärtner wählen anders
    und hier der link für die, die nicht suchen möchten:
    http://www.populizer.com/clips/498

  2. Na, immerhin hast Du nicht „Schuld war nur der Bossa Nova“ geträllert, DAS wäre schlimm gewesen… wobei ich da immer nicht verstehe, an was der schuld gewesen sein könnte, denn Bossa Nova an sich verleitet doch nun nicht gerade zu irgendwelchen Schandtaten – dass „The Girl From Ipanema“ vor allem als Fahrstulmelodie eingesetzt wird, kommt ja nicht von ungefähr, meine ich! Was Liza angeht, so hätte ich auch da wohl weniger Nachsicht walten lassen können, vor ihr stehend und der Musik lauschend, Bruch hin oder her. Captain Jack! Sicher schwierig auszulöschen… vielleicht hätte man es deshalb lieber ganz lassen sollen…? Nunja. Ich will nicht so sein. Hört sich ja wie ein gelungener Abend an!

  3. […] Bubenwinker hat bisher wohl auch seine Wirkung nicht verfehlt. Neo, der Mann mit dem Rasenschnitt, sollte sich gestern mal wieder, da das Wochenende naht und die Vermieter mit Besuch drohen, um […]

  4. […] Nero bekommt am Wochenende wieder Besuch von seinen Vermietern Vielleicht war er ja auf der Suche nach der rasenschnitt […]

  5. […] Freude machte war Lissy Trullie und auch Chloe durfte bei einem Konzerterlebnis zur Stimme einer ihr bisher völlig anders bekannten Dame […]

  6. […] Dank Chloes Leidenschaft fürs österreichische Radio, weiß ich zumindest von einem Protestsongcontest, den es es schon längst […]

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