Psychose in der Gaybar


Tatort aus Bremen, „Tote Männer“, Sonntag 14.6. 20.15 Uhr

Maya macht heute auf Waldorf und verteilt keine Noten, sie hat einfach keine Lust mehr auf durchschnittliche und enttäuschende Tatort-Zensuren.

Oh weh – schon wieder Bremen!

Ermattet von der Landpartie im brandenburgischen Tal der Tränen saß ich pünktlich zum Tatort-Dienst vorm Fernseher und musste mich erneut mit den Nordlichtern rumquälen, die hatte ich doch erst. Außerdem wird es langsam eng. Bei all den miesen Krimis der letzten Wochen macht sich ein gewisser Rechtfertigungsdrang breit.

Sonntagskrimi – Warum gucken wir den denn eigentlich immer noch? Nicht weil der Tatort das Beste ist, was es im deutschen TV zu sehen gibt, soviel ist klar. Eher wohl als Relikt der bürgerlich spießigen Erziehung. Ein konstanter Dreh- und Angelpunkt im Wochenend-Terminstress des süßen Lebens. Der Tatort ist das bourgeoise Bo zum Bohème Bo des Kaffeeschlürfens, der Weinereigelage und der Strohhotelübernachtungen. Der Tatort liefert einfache und dennoch notwendige Werte in merkfähigen Sätzen:

Sowas macht man einfach nicht!

und

Eine Frau spürt das doch!

Solche Sätze brauchen wir, sie erleichtern die Erklärung des Lebens enorm. Und solche Sätze braucht man in Bremen, der Stedefreund (Oliver Mommsen) datet nämlich die Lürsen-Tochter (27 und immer noch schön trotzig wie mit 12: Camilla Renschke), die ganz große Liebe ist es aber nicht und deshalb setzt man die Mutter/Chefin auch nicht davon in Kenntnis. Problematisch wird das allerdings, als Helen und Stedefreund zwecks Geheimhaltung einen Einbruch in einer Zoohandlung nicht verfolgen, um nicht angeben zu müssen, weshalb sie sich zur gleichen Zeit in der Nähe von Helens Wohnung befinden. Pflichtverletzung aus Verlegenheit klingt konstruiert, bei zwei erwachsenen Polizisten, die nichts Schlimmes getan haben? Wird noch besser!

Ein toter Mann mit heruntergelassenen Hosen wird aus der Weser gefischt. Er war Libanese, schwul und einer der nicht gestellten Einbrecher. Stedefreund schweigt.

Sowas macht man einfach nicht!

Nach Recherchen in der vom Mordopfer frequentierten Gaybar taucht auch noch der zweite Einbrecher – Raul – auf und wird ganz schön frech, merkt er doch gleich, dass es einen Grund geben muss, warum er nach dem Bruch nicht verfolgt wurde und auch jetzt nicht damit konfrontiert wird. Stedefreund verhaftet ihn, lässt sich aber die Vernehmung von Lürsen abnehmen und schweigt weiter. Ohne die notwendigen Details zu kennen holt Lürsen aus Raul natürlich nichts raus und muss ihn laufen lassen, bald darauf verschwindet er auch – offenbar hat es jemand auf die schwulen Jungs abgesehen.

Zähe Ermittlungen beginnen. Das Opfer hatte Schulden bei seinem Cousin, einem Gemüsehändler, außerdem betätigte es sich als Stricher, davor hatte es aber auch schon mal auf dem Bau gearbeitet. Vom Bau und vom Strich (der liegt an einer Salmonellen verseuchten Imbissbude) her kannte der Tote den werdenden Familienvater und Elektriker Leon Hartwig (Felix Eitner). Stedefreund und Lürsen tauchen mehrfach in der beklemmenden Spießeridylle der Hartwigs auf und eiern herum, finden aber nichts Stichhaltiges, nur so eine seltsame Grundstimmung und eine Menge „Schmutz“, der unter dem Teppich der häuslichen Harmonie schon hohe Wellen schlägt.

Eine Frau spürt das doch!

So viele Verbindungen zwischen dem Toten und Hartwig, so viele Zufälle? Dann auch noch ein Mord nach gleichem Muster in Lübeck zu einer Zeit, als der Elektriker auch vor Ort war. Der treusorgende Kinderzimmer tapezierende Ehemann – heimlich schwul? Aus lauter Scham und um das Familienidyll zu erhalten gar ein Mörder?

Stedefreund versteift sich vom schlechten Gewissen wegen seines Schweigens getrieben darauf, den Hartwig als Täter zu überführen. Er lässt im Übereifer das unter Hartwigs Aufsicht frisch gegossene Fundament aufreißen, da er vermutet, der wollte den toten Raul dem Bauherren als Leiche in den Keller legen, gefunden wird auch etwas – SPANNUNG, SPANNUNG –  aber nur eine Katze – och Mensch.

Derweil kommen allerlei Wahrheiten ans Licht. Stedefreund gesteht Lürsen das Techtelmechtel mit ihrer Tochter. Die Tatort-Queen ist zu Hause mit rosanen Flokati-Puschen ausgestattet – das soll sie wohl menschlicher machen und für Lacher sorgen, mir ist aber zu diesem Zeitpunkt schon das Gesicht eingeschlafen – und überhaupt nicht amused. Denn einfach mit der Tochter der Chefin zu schlafen, weil gerade keine andere zur Verfügung steht und auch noch die Ermittlungen massiv zu gefährden:

Sowas macht man einfach nicht!

Auch bei den Hartwigs kommt langsam die sexuelle Ausrichtung von Leon ans Tageslicht. Der würde ja so gerne von den Männern lassen und sich ganz der Familie widmen, aber er kann halt einfach nicht anders. Und natürlich bleibt das der verzweifelten Ehefrau Jutta (Fritzi Haberlandt) nicht verborgen:

Eine Frau spürt das doch!

Und eine Frau vermag sogar noch viel viel mehr, wenn sie verzweifelt ist und den Mann behalten will, weil sie schließlich einen gefunden hat, der sie trotz gefühltem mittelmäßigem Aussehen nimmt und sie sich bei ihm sicher fühlt und er doch ganz gerne mitspielt, bei „MamaPapaKind“ und so bereitwillig mit ihr alles unter den Teppich kehrt. Allmählich zeigt uns Fritzi Haberlandts Jutta in einem sehr subtil begonnenen Crescendo ihr wahres psychotisches Gesicht. Die schwangere Frau ist nämlich gar nicht bereit, die gelegentlichen Ausflüge des Mannes ans andere Ufer zu ertragen, wie sie die Polizei und uns zunächst glauben macht. Sie ist kein leidensfähiges Häschen in der Grube, das auf die Heimkehr des Mannes wartet. Um die Ruhe und den häuslichen Frieden zu wahren, räumt sie alles Störende beherzt und blutrünstig  beiseite.

Schade, dass dieser Aspekt relativ spät im Film an Fahrt gewinnt, dieses Abgleiten in den Wahnsinn, in die mörderische Eifersucht,  hätte ich mir gerne noch ein wenig länger und genauer angesehen, anstatt die ausgetrampelten anderen Fährten bis ins letzte Ende der Sackgassen zu verfolgen.

Stedefreund nervt mit seiner ständigen Observation des Hartwigschen Heimes, weil er immer noch glaubt der gute Leon sei ein Mörder – Jutta entwickelt einen mörderischen Plan, doch das Weichei von Ehemann lässt sich da nicht einspannen, also macht sie’s halt wieder alleine. Mord ist eh viel einfacher, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie nutzt die fixe Idee des Polizisten, ihr Mann sei der Mörder, geschickt aus und kidnappt nun den Stedefreund, dabei gesteht sie ihm alle Morde und er kommt sich recht blöd vor, die ganze Zeit DEN und nicht DIE Hartwig verdächtigt zu haben. Es wird auch noch einmal richtig spannend, denn sie schafft es beinahe auch den Stedefreund um die Ecke zu bringen. Weil Mutter Lürsen und Tochter Helen kurzerhand versöhnlich einen dramturgisch angepappten Hundekampfring hopps nehmen (der Gemüsehändler, der Einbruch in die Zoohandlung, so passt das alles am Ende zusammen), kommen sie erst ganz knapp zur Erlösung des Stedefreunds herbei. Lürsen greift höchstpersönlich zur Waffe und rettet den moralisch fragwürdig gewordenen Partner per Schuss ins Bein der eifersüchtigen Ehefrau und Stedefreund bedankt sich artig.

Fazit: Fritzi war toll und der Rest war holprig. Liebe Tatort-Leute, wann ist endlich schluss mit dem Stuss?

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2 Antworten

  1. Hm, mein Tatort-Vergnügen wurde gestern nicht nur durch unglaubwürdige Drehbuch-Twists gestört, sondern auch noch durch Gewitterauswirkungen auf die Sat-Schüssel an unserem Haus unterbrochen… ärgerlich… manches habe ich nicht mitbekommen. Wohl aber die Wandlung vom armen Hascherl zur blutrünstigen Mörderin der Frau Hartwig – und die fand ich eben total unglaubwürdig und doof. Welche schwangere Frau verhält sich so? Konnte ich absolut nicht nachvollziehen. Der Satz, der mich irgendwann genervt hat, war: „Glaubst Du, ich bin blöd?“. Fiel mindestens drei Mal – eventuell noch weitere Male in den Gewitterunterbrechungen…

  2. […] Informationen gibt’s im Fundus (u.a. ein Interview mit Oliver Mommsen). Sopran, MayavonderSpree, Ponkie und die Forenleser haben […]

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