Wir können alles, außer morden


Tatort aus Stuttgart „Das Mädchen Galina“, Sonntag, 21. Juni 2009, 20.15 Uhr
Note: Thema verfehlt ! Keine Spannung, kein Ausdruck, lauter Wirrwarr !

Ich weigere mich. Ich weigere mich, meine wertvolle Zeit für die Rezension eines erneut schlechten Tatorts zu verschwenden. In weiser Voraussicht hatte ich meinen Frühjahrsputz so eingetaktet, dass ich mich abends durch die Wohnung auf die Couch wischen musste. Viele Szenen bekam ich somit zum Glück nur auf die Ohren. Meine Sehnerven konzentrierten sich aufs Schmutzwasser.

Tja, Chloe ist nicht nur Schwäbin, sondern OBER-Schwäbin. Als Kehrwochen-Freimaurer war ich also doch etwas gespannt auf meinen ersten Tatort mit den neuen Stuttgarter Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Maya maynte noch am Telefon, dass sie auf die Knollennase Richy Müller steht und ich darauf achten soll, ob Felix Klare mehr als drei Gesichtsausdrücke kann.

Chloe chlaubt, Klare kann noch viel weniger als Nix! Chloe chlaubt gar, dass dieses Mal statt Drehbuchautoren ein interdisziplinärer Walddorfschüler-Sitzkreis das Storyboard an die Wand geschmissen hat. Die Schlagwörter zum Brainstorming lauteten: Prostitution, Politik & Pubertät ! Das hätte sicherlich für einen Videoclip auf MTV was werden können, aber 90 Minuten sind unerbitterlich lang. Auch zum Wischen meiner 45qm Wohnung…

Akt I – Bad
Lannert und Bootz sitzen im Auto. Zwei Kappen Reinigungszeug auf 5 Liter.
Notruf in der Zentrale und kein verfügbares Auto in der Nähe. Lannert und Bootz erbarmen sich, packen ihr abnehmbares Blaulicht aufs Dach und düsen ins Hochhausghettoviertel mit unerwartet hübschen Penthousewohnungen. Grausamer Leichenfund. Die Prostituierte Galina liegt tot auf ihrem Bett in einem Duschvorhang eingewickelt. Schüsse. Bootz wird verletzt. Der kleine Lannert schleppt den blutenden Kollegen in den Aufzug und rettet sich und ihn aus dem Schussfeuer. Keine Tränen, kein Pathos, aber auch keine Leiche mehr.
Wilder Start, chlaubt Chloe und wechselt in den nächsten Raum.

Akt II – Küche
Auflistung der Protagonisten und vermeintlich Verdächtigen:
1. Galinas Zuhälter und Fotograf Zehender (Christian Koerner), der Galina als Model nach Deutschland gelockt hat.
2. Galinas Freier, der Politiker Bertram Högele
3. Des Freiers Frau Tonia.
4. Des Freiers pubertierende Tochter Laura.
5. Galinas Mitbewohnerin sowie Prostitutions-Tutor Mareen.
6. Galinas Bruder aus Kroatien auf der Suche nach seiner Schwester.

Auf Högele kommen die Kommissare dank eines Geheimcodes. Pünktchen und Anton bzw. der Waldorfschüler-Drehbuch-Sitzkreis lassen grüßen… Die findige Knollennase fand hinter der Heizung in Galinas WG-Zimmer ein rotes Notizbüchlein. Galinas Bruder und die Polizeibeamtin mit kroatischem Migrationshintergrund, Nik Banovic (Miranda Leonhardt), entschlüsseln das Enigma. Die beiden, vereint in Kinderbüchernostalgie, turteln ganz schön rum. Am Schluss passiert aber nix, sonst hätte Niks Pathologenfreund wirklich nichts mehr zum Lachen im Leichenkeller. Die Abschiedsszene an der Balkanbusshaltestelle hinterm Stuttgarter Hauptbahnhof, an der Chloe auch schon des Öfteren in Busse gen Migrationsland gestiegen ist, spiegelt dennoch eine unerfüllte Sehnsucht wider.

Oh, dahin ist die Chronologie meiner Rezension… aber beim Wischen kommt man schon mal durcheinander.

Akt III – Schlafzimmer
Schnell Putzwasser wechseln. Für den Parkettboden muss 1 Kappe Spezialreiniger auf 5 Liter Wasser. Hinter mir laufen die Verwicklungen weiter:

1. Zuhälter und Politiker kennen sich aus dem Studium. Der Zuhälter wollte ein mehrstöckiges Bordell ganz im Sinne des Thai-Paradieses am See bauen und erhoffte sich Hilfe vom alten Kommilitonen, den er großzügigerweise jahrelang durchgefüttert und mit Nutten, die seinen Würgefetisch bedienten, versorgt hatte.
2. Politiker will gewählt werden und kann keine großen Skandale gebrauchen. Seine Frau hat er wohl nur aufgrund ihres einflussreichen Vaters geheiratet.
3. Tochter Laura hat keine Freunde. Kein Wunder, da sie trotz der urschwäbischen Eltern, kein Schwäbisch schwätzt!! Während die Högeles sich ein „Weisch“ nach dem anderen beim Streiten um die Ohren hauen, parliert die kluge Laura mit den Kommissaren im reinsten Hochdeutsch. Laura freundet sich mit Galina an. Galina versucht sich über dieses Hintertürchen in Högeles Herz zu schleichen. Sie träumt den ganz großen Mädchentraum: Ihr Freier soll sie heiraten!

Nebenschauplätze:

1. Die hübsche Staatsanwältin im kleinen Schwarzen wird andauernd von allen ignoriert. Die Männer erkennen ihr Potential nicht. Erst später bei der Högele’schen Hausdurchsuchung zeigt die intelligente Schöne, dass sie was drauf hat und sich nicht einschüchtern lässt.
2. Nik fühlt sich als Laufmädchen. Ihr neuer kroatischer Freund versteht dieses Idiom nicht und reimt sich „Lauf, Mädchen!“ zusammen. Erneut nimmt in diesem Tatort also eine Frau die Rolle der nicht wertgeschätzten bzw. auf Augenhöhe wahrgenommen Kollegin ein. Knollennase bringt Nik mit dem Vorwurf, sie hätte die Falltür im Penthouse nicht gefunden, zum Weinen. Fiese Ermittler !
3. Im Privatleben schaut Knollennase mit seiner blöden Nachbarin Krimis an.
4. Das Charakter lose Gesicht soll als Familienvater ein Gesicht bekommen. Bootzens Familie wird öfters gezeigt. Auch dass sein Kleiner vom Tod des Vaters träumt.

Akt IV – Flur & Wohnzimmer
Mist. Vom Flur aus kann ich gar nicht mehr auf den Bildschirm schielen. Aber bei all den Verwicklungen kommt man eh kaum mit dem Wischen hinterher…

1. Der Zuhälter wollte den Politiker mit Aufnahmen vom letzten Akt vor Galinas Tod erpressen. Alles spricht gegen Högele.
2. Nik hat ferner die Videoaufnahme von Högele mit dem Wetterdienst abgeglichen. Die Aufnahme deckt sicht in der Tat mit dem Regenrhythmus der Mordnacht.
3. Irgend so ein Parfum namens „Kot de Fleur“ oder so sticht allen in der Nase herum.
4. Galinas Leiche wird gefunden. Auch ihr Handy. Der letzte Anruf ging jedoch an den Zuhälter und nicht die Polizei raus…

Akt V – Sofainsel
Ich sitze auf der Couch und warte, dass der Boden trocknet sowie der Tatort endlich ein Ende nimmt!

Ich bin müde vom neurotischen Aggressions-Putzen und genervt zu wissen, dass alle Ermittlungen natürlich in die falsche Richtung laufen. Zum Glück schaut auf Galinas Beerdigung ihr Mörder vorbei und umarmt den Kommissar, der sofort das „Kot“ riecht. Ein Duft, der nach dem Mord auch im Penthouse in der Luft lag. Erst jetzt geht der Knollennase ein Lichtlein auf! Die Prostituierte Mareen hat Galina umgebracht sowie danach selbst den Notruf bei der Polizei getätigt, um dem Zuhälter eine Falle zu stellen. Bei der erneuten WG-Hausdurchsuchung entdecken die beiden Kommissare nun einen Högele-Schrein sowie eine Flasche des Kot-Parfums. Fünf Jahre lang war Högele in Mareens Diensten und hatte ihr was von großer Liebe erzählt, um bei ihr im Bett bis aufs Äußerste gehen zu können. Dann kam Galina und zerstörte Mareens Traum vom großen Glück. In der Schlussszene versucht Mareen noch Laura zu Tode zu würgen, wird aber von den gerissenen Kommissaren in letzter Sekunde daran gehindert. Schluss.

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Eine Antwort

  1. Hm – eigentlich kann ich dazu ja nicht viel sagen, denn ich habe wie angekündigt die Freizeit genutzt und im Mauerpark mit tausenden anderen Musikfreunden Woodstock gespielt. Aber balance of power muss sein: die Urteile anderer Zuschauer, die sich entspannt auf dem Sofa fläzend in die Handlung vertieft haben, fielen deutlich positiver aus, außerdem sahnte Galina die beste Tatort-Einschaltquote des Jahres ab, was natürlich qualitativ gar nichts heißt, jedoch auf Spannung hinweist.
    Ich persönlich konnte nur die letzte Minute sehen und witzelte danach mit meinem Herrn Papa darüber, dass das Ermittler-Duo ausgerechnet im Hauptbahnhof, der gerade die reale Stuttgarter Kommunalwahl entschieden hat, per Public-Viewing ein fiktives Wahlergebnis erfährt, fanden wir recht hintersinnig…

    Auf jeden Fall macht der Tatort jetzt erst einmal Sommerpause und so auch das „Wort zum Mord“, ab 23. August geht es mit neuen Fällen weiter, vielleicht wird dann ja alles besser!

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