Der König ist tot…


Gestern Nacht, gerade hatte mich noch Penelope Cruz`Gesang in Almodovars Volver zum Heulen gebracht, da lieferte das Nachtmagazin mir eine schockierende Nachricht: Michael Jackson sei mit Herzstillstand ins Krankenhaus eingeliefert worden, manche US-Medien berichteten sogar, er sei tot.

Wie groß die Weltgeltung eines Menschen ist, zeigt meistens die mediale Aufmerksamkeit und die ist wie zu erwarten riesig. Seine Bedeutung für das eigene Leben zeigt sich im Bedürfnis die Nachricht mit anderen zu teilen, tatsächlich habe ich zur nächtlichen Stunde noch überlegt, Charly anzurufen, dabei war ich nicht mal ein Fan des King of Pop, hatte nie ein Album und mag vielleicht 5 seiner unzähligen Songs – aber der Einfluss Michael Jacksons auf die Popkultur und damit auf mein eigenes Leben ist natürlich unbestreitbar.

Was ich mir dann doch verkniffen habe, holte Charly (der gerne mal die Jackson 5 auflegt) morgens nach, allerdings nicht ohne geschäftstüchtigen Hintergrund:

Ran an den Blog! Michael ist tot…

Ich war immer noch ganz betäubt und wusste gar nicht, was ich zu diesem Tod sagen soll:

tragisches Ende eines verkorksten Lebens?

deshalb war meine Antwort erst einmal abschlägig. Aber irgendwie kann man dieses Weltereignis ja nicht ignorieren, schließlich geht im Moment sogar die grauslige neue Moderatorin (Clarissa Stadler – wer hat die nur da hingesetzt?) der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt darauf ein. Also hoffte ich auf meine Blogpartnerin, die manchmal weniger von Grübeleien gelähmt ist als ich, ein bisschen Scham war auch dabei, beim Senden der trockenen Mail an Chloe:

Morgen!
Michael Jackson ist tot, fällt dir dazu was ein? Wäre eigentlich was für den Blog, aber ich bin irgendwie uninspiriert…
Grüße

Binnen Minuten kam die Antwort:

ich hab es gerade gelesen! bin schockiert. als wäre snoopy oder eine andere figur unserer kindheit plötzlich weg…

Damit trifft es die Madame vom See ziemlich genau, eine Figur – und Bestandteil unserer Kindheit. Mein seltsames Gefühl, rührt von dieser Wahrnehmung. Dieser Mann, war für mich gar kein Mann, sondern  immer nur eine absolute Kunstfigur (und wahrscheinlich für den Großteil der Menschen), niemals gab es ein Fünkchen Authentizität in seinem Auftreten. Ich konnte hinter der enormen Selbststilisierung den Menschen gar nicht mehr erkennen, und wer eigentlich gar kein Mensch war, soll jetzt tot sein? Kann so einer überhaupt sterben? Snoopy stirbt schließlich auch nicht. Das scheint mir genauso unwirklich, wie damals Anfang der Neunziger die Aussage meines Vaters:

Den Jackson, den kenn ich doch schon, da ist er noch als kleiner Junge mit seinem Brüdern aufgetreten, damals war er noch ein putziger kleiner schwarzer Bub, der konnte ganz schön singen!

Mit Verlaub, Klayn-Maya maynte damals, der Herr Papa würde ordentlich spinnen – schwarz und ein Kind? Die menschliche Realität dieser Pop-Persona war für mich schlicht unvorstellbar. Genauso wie jetzt der Tod, denn die Sterblichkeit ist der Beweis, das hinter der Kunst tatsächlich ein menschliches Wesen steckte und das war, wie die einst perfekte und später zur grusligen Maske verkommene Hülle dann doch vermuten ließ, ziemlich kaputt. Wäre ich keine Atheistin, würde ich diesem humanen Kern des geplagten Menschen wünschen, dass er im Jenseits sein Neverland findet, das er auf dieser Welt trotz heftigen Suchens nicht finden konnte.

Der King of Pop ist tot – es lebe die Illusion, der Mensch möge in Frieden ruhen.

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5 Antworten

  1. Auch faszinierend zu sehen, wie Freunde auf Facebook auf den Tod des King of Pop reagieren. Wie immer fand ich dabei Single Moms Kommentar am interessantesten. Die Philosophin „feels it’s strange for my daughter michael jackson will be a person of the past like elvis is for me…“

    Alles also eine Frage der Zeit, bis die letzten Zeitzeugen- bzw. -hörer aussterben.

    Ich werde jetzt erstmal meinen Fernseher garantiert nicht anschalten… Von klein und groß und freak Michael – einer zur Realität gewordenen „Truman Show“ – gibt es ja mehr Aufnahmen als von sonst wem auf der Welt! Sicher wird das mediale Sommerloch nun mit zahlreichen Rückblenden, Interviews, Trauerfeiern, Liedern etc. gestopft. Und natürlich tausenden von Michael-Imitatoren.

    Elvis lebt, äh, Michael lebt!

  2. Ja – den Gedanken fand ich auch sehr interessant.
    Für mich ist jedoch der Fernseher heute ganz im Gegensatz zu deiner Annahme der Fluchtpunkt vor der Michael-Hysterie, bis auf den Kommentar der Moderatorin sind die übertragenen Lesungen der Tage der deutschsprachigen Literatur nämlich völlig frei davon. Einen Bachmannpreisträger konnte ich bisher allerdings noch nicht ausmachen, vielleicht ändert sich das gerade…

  3. Ich glaub, ich werd rot. Das war in der Tat mein erster Gedanke, nachdem ich zunächst im Halbschlaf die Nachricht aus dem Radiowecker vernommen, aber nicht verarbeitet hatte, und diese dann während des Aufstehens nochmal verlautete, woraufhin ich Amelie völlig erschreckt ansah und sie mich erschreckt zurück, aber natürlich ohne Ahnung, was los war. Ich sagte ihr dann, was ich dachte, nämlich dass sie Michael Jackson nie als lebende Person wahrnehmen und in Erinnerung behalten würde wie unsere Generation und stellte mir kurz vor, wie das gewesen wäre, wenn er noch 90 geworden wäre… aber vielleicht braucht ein Mythos ein eher kurzes Leben. Klar, sie verstand nicht. Daraus schloss ich immer noch laut: „So ist wohl das Leben!“ und stand auf… seither denke ich schon den ganzen Tag nur noch: „Das ist der Tag, als Michael Jackson starb“.

  4. Eins ist klar: Moonwalk-Kenntnisse werden bei Amelies Schulhofflirts wohl eine untergeordnete Rolle spielen. (Kinder – waren das Zeiten!) Obwohl, vielleicht gibt es in den Jugendhäusern so um 2020 eine riesige Retrowelle. Wir dürfen gespannt sein!

    Für die Mythosbildung kam Michael Jacksons Tod in der Tat relativ spät, da hätte man sich doch lieber ein paar Prozesse gespart, aber wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig. Wer weiß was für traurige Realitäten die in diesem Jahr geplante Comeback-Tour ans Licht gebracht hätte. Der ideale Zeitpunkt für Image förderliches Ableben wäre sicher direkt nach der Dangerous-Tor gewesen. Aber solche Überlegungen machen sich ja nur die Jungs rund um Tupac auf ihrer einsamen Insel…

  5. […] Heike zu bedenken. Tatsächlich haben wir dieses Ereignis ja bereits ausführlich gewürdigt (hier). Ansonsten waren natürlich einige Veröffentlichungen mir lieber Bands dabei, zum Beispiel Mando […]

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