Angies neue Kleider


Maya maynt: Der Wahlkampf beginnt! Schon der zweite Kanzlerin-Artikel in Folge.

Ich nähere mich aber vorsichtig auf einer ganz leichten Pop-Ebene, die trotzdem gaaaanz viel kulturwissenschaftliches Potential hat, in Sachen Mode, performing gender, Politik und Kunst…

Bei meiner Suche nach einem passenden Geburtstagsgeschenk entdeckte ich kürzlich ein schönes Spielzeug für Erwachsene:

Foto0406

"Niemand soll mehr sagen, dass unsere Kanzlerin schlecht angezogen wäre! Zum Wahljahr 2009 präsentieren wir deshalb das ANGIE DRESSBOOK"

Onkel & Onkel, die das Produkt vertreiben, nennen sich selbst „Berliner Independent-Verlag für visuellen Rock’n’Roll“, das finde ich natürlich als rotzige Selbstbeschreibung schon an sich fantastisch und offensichtlich trifft nicht nur der Claim meinen Geschmack, sondern auch Shop und Produkte haben mich sofort überzeugt wie Jack White an den Drums oder Hopfenkügele von Seppi.

Persönlich fand ich das Angie Dress Book großartig und sah vor meinen inneren Auge schon die Wahlkanadierin eifrig mit der Schere hantieren und der Kanzlerin endlich einen stilvollen Powerlook zu verpassen. Raus aus der traurigen weiblichen Blazer-Uniform, raus aus der Decolleté-Falle. Überhaupt halte ich das für ein hervorragendes Konzept: Warum nicht einfach die Entscheidung dem Volk anheimlegen? Künftig wären Kleidungsfragen bei Merkel, genauso wie bei den Herren in der politischen Riege kein Läster-Thema mehr. Modisches Mitbestimmungsrecht, der Souverän nimmt direkt Einfluss darauf, wie sich das Land in der Welt präsentiert – wenn das nicht mal eine radikal basisdemokratische Idee ist!

Euphorisch verkündete ich meine neueste Entdeckung am Telefon Charly und Chloe. Am anderen Ende der Leitung herrscht in beiden Fällen zaghafte Stille bis ablehnendes „Ach“, das Verständnis war gleich null. Die zögerliche Haltung brachte mich aber keineswegs von meinem Plan ab, mit diesem perfekten Geschenk für Freude zu sorgen und so blaffte ich in den Hörer

Ihr werdet schon sehen! Die Wahlkanadierin wird es toll finden, wie kann sich euch nur die Genialitiät dieses Spielzeugs nicht erschließen. Die Kanzlerin zum Ausschneiden und -staffieren, als Papierpüppchen, so wie früher und endlich tatsächlich dem Wählerwillen unterworfen…

Allerdings machten mir mein knapper Reisezeitplan und die Fashion Week einen gehörigen Strich durch die Geschenkerechnung.  Auf dem Weg zum Bahnhof noch schnell ins Kulturkaufhaus gehüpft um das Objekt der Begierde zu erstehen, blickte ich auf einen von jeder Ironie bereinigten Modebüchertisch – für die vielen Mode-Touristen, die die Hauptstadt anlässlich zahlloser Messen überschwemmten, waren nur noch edle Coffeetablebooks ausgelegt, von denen jedes einzelne mehr wiegt, als eine Frau mit den gängigen Modelmaßen. Sehr schick, sehr schön, sehr ernst und gar nichts mehr zum Spielen.

Was zu beweisen war, musste nun leider Vermutung bleiben. Angie verbannt, ganz ohne neue Kleider.

Aaangela oh Angela

ging es mir durch den Kopf und plötzlich mit dem Jarvis Cocker Song im Ohr tröstete ich mich. Wer möchte schon mit der Kanzlerin spielen? Jarvis – der inzwischen übrigens auch neue Kleider hat, er zeichnete sich schon `95 durch einen Stil aus, den Franz Ferdinand erst eine Dekade später entwickelten (schmaler Anzug, clean, smart und einfach heiß aussehen) und ist nun beim intellektuellen Clochard-Look angekommen – dieser Jarvis also möchte nicht mit Angie spielen, denn eine Verwendung seines Songs für den Wahlkampf hat er sich schon mal vorab verbeten.  Pech für Angie! Mit dem Lied hätte man mich zwar auch nicht überzeugt, aber Sympathiepunkte wären schon drin gewesen.

Ich frage mich nur, ob es eigentlich überhaupt viel Musik im deutschen Wahlkampf gibt. Mir wäre das bisher noch nicht aufgefallen. Früher mal – als sich auch noch Schriftsteller und andere eingemischt haben, da gab es natürlich auch mal den ein oder anderen Musiker, der Stellung bezogen hat, aber heute? Mir fällt keiner ein. Eigentlich wäre das doch ein spannendes Thema, da muss ich noch mal genauer nachforschen…

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5 Antworten

  1. Hm… irgendwie sieht die Kanzlerin auf dem Bild aus wie Dein Weather Pixie ! Muss wohl der Hauptstadt-Schick sein.

    Du fragst ferner nach Musik im deutschen Wahlkampf? Wer soll die schreiben? Bohlens Stars aus der Retorte?

  2. Autsch! Das ist gemein – „der Hauptstadt-Schick“, mein Pixie trägt doch nie ein schwarzes Kleid, Juwelen und ne Zigarettenspitze.

    Musik im Wahlkampf finde ich durchaus wichtig. Wie sonst kann man so leicht Stimmung und Emotionen erzeugen? Es gibt ja nicht nur „Bohlen und Söhne“ in der deutschen Musiklandschaft.
    Früher mal haben deutsche Sänger und Bands halt auch mal auf Wahlkampfveranstaltungen gespielt, aber Parteipolitik ist heute nicht mehr sexy, für Ökostrom und so tritt man schon mal ein…
    Aus Not greifen Parteien halt nur noch in die Oldie-Kiste:
    letztes Jahr „Angie“ von den Stones für die CDU und dieses Jahr? Vielleicht „Girl you`ll be a woman soon“ für unseren Lieblings-Shootingstar der SPD Michelle…

  3. Ich spielte auf die Einheits-Frisur an!!!

  4. …Die Wahlkanadierin haette der Kanzlerin gerne einen neuen Look verpasst…

  5. Ha! Wusst ich`s doch! Vielleicht lässt sich das ja nachholen, bis zur Wahl ist schließlich noch etwas Zeit.

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