Von der Loveparade zum Loveboat


Erinnert ihr euch an die 90er? An Buffallo-Schuhe mit absurden Plateaus, an Piercing-Euphorie, beißende Farbigkeit die selbst die Augenbrauen nicht ausließ, diese Plastikschnuller, die man ans Federmäppchen, den Schlüsselbund und um den Hals hängte? An bauchfreie Tops mit „frechen“ Girlie-Sprüchen und Jeans mit aufgesetztem Blümchen-Stoffschlag? Neonflokatistulpen und Kuhfellmuster? An Freunde, die vergaßen ihre Hausaufgaben zu machen und ihr Tamagotchi zu füttern, einem aber am Montag mit verpickeltem dehydriertem Gesicht, riesigen Pillen-Pupillen und ganz viel Friede Freude Eierkuchen-Gelaber euphorisch fürs Abschreiben dürfen und die Wiederbelebung des digitalen Haustiers dankten?

Erinnert ihr euch an One-Two-Three-Techno? Erinnert ihr euch an die

loveparade?

Wenn ja, dann habe ich schlechte Nachrichten für euch: ihr seid alt!

Wäre sie nicht mausetot, wäre die Loveparade heute stolze 20 Jahre alt – etwas älter als der Mauerfall also und längst kein Teenie mehr. Denn diese größte aller Tanzveranstaltungen, die in Berlin stattfand und die ganze Dekade der 90er – nun ja nennen wir es mal ästhetisch – geprägt hat, hatte ihren Beginn im letzten Sommer der deutschen Teilung, am 11.7.1989. 150 Leute auf dem Ku’damm waren das, bevor es zu den gigantischen Faschingsumzügen zur Siegessäule und dem Urinpool im Tiergarten kam. Wer sich noch genauer in dieses historische Ereignis einarbeiten möchte, findet hier einen ausführlichen Augenzeugenbericht inclusive eines kurzen Abrisses über das Leben und Sterben der Parade vom Chef von dit Janze höchstpersönlich:

Die Love Parade ist jetzt ein Marketing-Event, das der Inhaber steuerlich absetzen kann, also im Grunde: ein Abschreibungsprojekt. 2009, im Jahr des 20. Jubiläums, findet in Deutschland keine Love Parade statt. Ganz ehrlich: Ich bin nicht traurig drum.

Da kann ich mich dem Herrn Doktor eigentlich nur anschließen, als ich nach Berlin zog, gehörte es schon zum guten Ton sich von diesem Marketing-Event fernzuhalten. Die Schwemme an übriggebliebenen und spätegeborenen Ravern, die extra aus entlegenen (Sub)Kultur-fernen Orten (Uckermark, Schwäbische Alb…) angereist waren, verstopften die Stadt und verätzten die Netzhaut mit ihren Outfits.

Heute zum 20. ist die Loveparade-Gedächtnisveranstaltung wieder exklusiv, einigen Anhängern der musikalischen Richtung vorbehalten und ihrem Alter entsprechend unterwegs. Statt Campingurlaub ist Kreuzfahrt angesagt: Berlin, Beats & Boats!

Tja in diesem Sinne, liebe Loveparade, wünsche ich dir dass du in Frieden ruhst und deinen Partyveteranen auf dem Loveboat eine schöne Raver-Rentenzeit!

Advertisements

Eine Antwort

  1. Ich oute mich: in meiner Jugend war ich der größte Love Boat-Fan unter 1,50 m! In unserer Straße waren wir eine der ersten mit „Kabel“ und somit Anschluss zum Privatfernsehen. Ich zog mir die Gäste, Feten und Intrigen auf dem Schiff statt meiner Hausaufgaben rein. Besonders die Tochter des Kaptains, Vicky, fand ich irgendwie total „cool“. Und der maximal pigmentierte Barkeeper war vielleicht ein Hit!

    Seit meiner harten Entzugskur (ich wollte ja durchs Abi und studieren!) habe ich jedoch nie wieder eine Folge gesehen. Dein You Tube-Trailer war für mich somit wie ein Schluck Wein für einen Alkoholiker. Aber die Ernüchterung kam sofort: Vicky sieht ja ätzend aus! Wie konnte dieses Kind der Inbegriff von Coolness für mich sein? Bei der Frisur fiel es mir wie Schuppen vor den Augen: Das war die gleiche Topf-Frisur, die mir meine Migrations-Mama monatlich verpasste. In meiner Phantasie war die Schleimerin Vicky so cool wie ich in der Realität…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s