Der Abschiedsblues


Es ist beschlossene Sache: Chloe verlässt den See, um nach Übersee zu gehen. Kurz vor dem einjährigen Jubiläum von SpreeSee. Aber das Konzept und der Blog bleiben erhalten. Denn die Freundschaft von Maya und Chloe ist unerschütterlich wie ein Schüttelreim. Kurz vor Chloes Abflug jährt sich ferner noch ein viel wichtigeres Ereignis: Die erste Begegnung der wissensdurstigen Schöngeisterinnen im alternativen Tübingen vor zehn Jahren an einem goldenen Oktobertag:

Lese ich Franz Kafka
muss ich an dich denken,
bei Jacques Lacans
kann mich nicht ablenken,
Entfremdet im Imaginären, so standst du da
Um uns wurde interpretiert und wir kamen uns nah
Lese ich Franz Kafka
muss ich an dich denken,
bei Jacques Lacans
kann mich nicht ablenken,
Entfremdet im Imaginären, so standst du da
M-A-Y-A

Gestern sang ich jedoch erstmal für Muckie, die sich groß in den Urlaub verabschiedete. Es wurde in süditalienischem Flair am See mit Familie und Freunden gekocht. Muckie reist für drei Wochen mit dem Rucksack alleine durch Norwegen.

Auch wir beiden Seefrauen jubilieren diese Woche! Muckie ist eine recht „frische“ Freundin, mit der ich im letzten Jahr einer sehr intensive Freundschaft aufbauen konnte. Jede Lebensphase birgt Schätze. Muckie war hier unten vor Ort am See meine große weibliche Schulter. Jede Single-Frau braucht eine Single-Freundin. Und als ich gerade im vollsten Männerstress allen meinen Schlümpfen die Freundschaft gekündigt hatte, stand sie so unverhofft da! Mitten auf dem Kulturufer kam die rasante Donna letztes Jahr auf ihrer Vespa an den Pavillon angerollt. Seitdem teilen wir Freud und Leid. Begießen Sekt und Tränen auf misslungene Dates. Der Samen ist gesät für eine langjährige Beziehung!

Unser missionarischer Einsatz verbinden uns: Muckie und Chloe sind die leidenschaftlichsten ehrenamtlichen Filmvorführerin, die Friedrichshafen je gesehen hat. Schade, dass Muckie zum großen Open Air Happening auf dem diesjährigen Kulturufer fehlt. Wahrscheinlich wird sie im hellen Norden die Fjorde rocken!

Dafür kehrt mein alter französischer Lehrmeister – der den See seit einem halben Jahr gen Heimat verlassen hat – zu einem Gastspiel zurück. Die Vorfreude über das Celluloid in seinen Händen ist kaum zu überlesen:

Wenn Ihr kein Problem hättet, würde ich sehr gern die Filme von Fr und Sa richten und die Filme von Do und Fr zurückziehen (ich bin echt davon süchtig 😉 ). Dafür wäre es möglich einen Schlüssel des Vereins für die Zeit zu organisieren?

François hat mich als erster in die hohe Kunst des Filmeinlegens eingeführt. Heute noch höre ich seine Stimme im Off,

Chloe, spüührst Du den öchsten Punkt?

wenn ich den Film am Projektor justiere. Der strenge Ingenieur putze nach jeder Vorstellung die Eingeweide der Linse mit einer Zahnbürste. Muckie und ich befürchten, dass François bei seinem Gastspiel eine paar Schlampereien unsererseits aufdecken könnte…

Ach, wie sehr kann ich jetzt – da ich die schwere Luft im Vorführraum bald nicht mehr atmen werde – ebenfalls die unerfüllte Liebe unseres François nachempfinden. Mein Herz schmerzt beim Gedanken daran, das Kino und meine liebgewonnen Kinoten zu verlassen.

Gestern führten wir für die Bewerberauswahl der Zeppelin University eine Fallstudie im Namen des Kulturvereins durch. Ein Abiturient fragte mich, was mich denn dazu bewegen würde, ehrenamtlich für den Verein zu arbeiten. Ich antwortete schlicht:

Ich liebe es, wenn der Film angeht!

Das Geräusch, wenn der Projektor zu knattern anfängt. Der Augenblick, in dem der Bildstrich hektisch angepasst werden muss. Die Stille, wenn ich den Ton vergesse. Die wackelnden Hinterköpfe, wenn das Publikum lacht. Die Aufregung, wenn ich um Verständnis bei einem Kabelsalat bitten muss (einen Filmriss hatte ich zum Glück noch nie!)… Ach, was werde ich das Kino vermissen!

Die Ironie will es, dass mein Nachfolger in meinem unehrenamtlichen Job zuletzt ein großes vom Staat subventioniertes IT-Projekt betreut hat, in dem das Kino von analog auf digital umgestellt wurde. Chloe ist anachronistisch, Chloe ist Geschichte! Die Herrin vom See sagt Ade!

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