Netzwerkstuten & Netzwerkstricher


Tatort aus Frankfurt „Architektur eines Todes“, Sonntag, 6.09.2009.
Note: Literarische Gattung: sehr gut! Ausführung: ausreichend.

Oft chlaubt Chloe, dass die SpreeSee Tatort-Serie lieber verworfen werden sollte. Aber irgendwie ist man dann doch Teil der Tatort-Blog-Community und sehnt sich danach vom Stadtneurotiker oder Herrn Huber verlinkt zu werden. Reine Eitelkeit, die mich zu dieser Rezension treibt. Nein! Das war dämlich kokettiert. Natürlich treiben mich keine niederen Instinkte. Vielmehr stehen diese Worte mal wieder im Auftrag der Aufklärung. Choleric Chloe ist am Start!

Who the fuck is „Judith Angerbauer“? Die Drehbuchautorin scheint wirklich stark darum bemüht zu sein, das Bild der modernen Karrierefrau völlig ins Negative zu verzerren. Meine männlichen Rezensentenkollegen sprangen gleich allegorisch auf den Zug der „Champagneramazonen“ auf. Ich regte mich nur auf!

Zum Glück musste ich mir zumindest den Tatort nicht wieder alleine reinziehen. Meine Mitseher: Links neben mir saß Nero. Rechts mein Kulturfreund Willie, der Architekt. Willie hatte gelesen, dass eine Architektin im Mittelpunkt der Ermittlungen stehe, und wollte sich das nicht entgähnen lassen. Anbei sein knapper Kommentar zur Darstellung seiner Zunft:

Wie unglaubwürdig! Ein Architekt – egal ob männlich oder weiblich – würde niemals einen BMW fahren! Das muss dann schon ein SAAB oder VOLVO sein!

Vorab der Tipp der Männer zum Mord: „Der Ehemann war’s!“

Die Stararchitektin (Anmerkung Willie: „Naja, da haben sie sich gerade den falschen Beruf ausgesucht. Unter den Stararchitekten gibt es nämlich in der wahren Welt nur eine einzige!“) Sofia Martens (Nina Petri) vermisst ihre Assistentin Anett Berger (Julia Dietzel) und schickt vor lauter Liebeskummer den Staatsanwalt Dr. Scheer vor, um bei der Polizei Ermittlungsdruck auszuüben. Dass gleich die Mordkommission in Gestalt von Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) eingeschaltet wird, erscheint doch übertrieben bei einem Vermisstenfall. Immerhin werden die beiden Stoiker zumindest für ein paar Tage aus ihrer Herbst-Lethargie herausgerissen. Andrea Sawatzki entdeckt als Miss Undercover bei ihren Ermittlungen im Netzwerk für Karrierefrauen sowie in der koksenden Unterwelt der Netzwerkcallboys ihre eigene Weiblichkeit in Form eines Lippenstifts und Second-Hand-Kleides. Bleich und einem Roboter gleich erinnert ihr künstliches Auftreten an E.T.A. Hoffmanns Figur Olimpia aus seiner Novelle „Der Sandmann“ (diese Rolle wäre Charlotte Sänger wirklich wie auf den Leib geschnitten!!). Sawatzki ist selbst nur noch Hülle und soll enthüllen, was in diesem gefühllosen Puppenhaus vor sich geht. (Randbemerkung: Ich vermute, Charlotte Sänger hat einfach schon innerlich gekündigt! Ihrer Rolle haucht sie jedes Leben aus… am Anfang dachte ich schon, dass sie in ihrer vorletzten Folge stirbt. Ulrich Tukur findet als todkranker Kommissar auf dieser verbrannten hessischen Erde sicherlich eine wahnwitzige Bühne vor.)

Zum Glück bringt Dellwo die nötige Sensibilität auf, um die Zusammenhänge zu erkennen: Sofia Martens metrosexueller, unterbezahlter Leibeigener ist eifersüchtig auf Martens Schützling Anett. Aus Neid und Hass sperrt er die verzogene Göre auf einer Baustelle weg. Martens entwendet noch rechtzeitig ihre Liebesbriefe aus Anetts Wohnung, um nicht in Verruf zu kommen. Ich gebe zu, dass Nina Petri die frenetischen Ausbrüche einer unerwiderten Liebe schauspielerisch sehr gelungen sind. Man nimmt ihr jede Minute die Verzweiflung über ihre abhanden gekommenen Muse ab. Das Objekt der Begierde ist jedoch nicht lesbisch. Anett treibt sich lieber mit dem Netzwerkstrichter Charlie (Thure Lindhardt) herum, der wirklich gut den Charme der billigen Prostituierten verkörpert. Blumen bemusterte Seidenhemden an Männern wirken wie Mini-Rock und Netzstrumpfhose bei Frauen, die anschaffen müssen. Schade, dass Charlie keine Hüftgurttasche umhängen hat. Aber in den Kreisen der High Society schickt sich das schließlich auch nicht. Martens Mann, der seiner genialen Frau zu Hause den Rücken freihält, schubst schließlich aus lauter Verzweiflung, sein Puppenhaus könnte einbrechen, den familiären Systemfeind Anett aus dem Hochhaus raus.

Langweilige Erzählstränge hin oder her. Was mich am meisten aufregte, war das Abbild der Architektur der Weiblichkeit! Anfangs fühlte ich mich noch positiv gesinnt, da die Matriarchin Martens mit ihrem Frauennetzwerk wohl gegen das Vorurteil der „Stutenbissigkeit“ unter Karrierefrauen anzukämpfen schien. Chloe hat selbst zum Glück niemals diese Erfahrung im Beruf machen müssen. Ihre Chefin ist Führungskraft mit Charme und Verstand, die Frauen wie Männer gleich fördert. Ihre Freundinnen – darunter zufälligerweise auch eine Architektin aus Frankfurt – sind alle wunderbare selbstständige Persönlichkeiten, die sich bei Krisen im Job gerne gegenseitig beraten, ohne – einer Parabel gleich – die Allüren der Männer anzunehmen: Stammtische, Erpressungen, Musen oder Puffs.

Die Schwäche der Frauen im Tatort besteht nämlich gerade darin, dass sie erfolgreich sein wollen, indem sie den Männern nachäffen. Statt sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, nehmen sie die Sünden des männlichen Geschlechts an. Zum Glück ist meine Generation durchaus klüger. Wir brauchen uns nicht hinter dem Merkel-Konformantenanzug zu verstecken. Vielleicht dauert es noch ein paar Jahrzehnte, bis die letzten Reste einer rülpsenden, umsatzsaufenden männlichen Handelsvertreterrunde ausgestorben sind. Nur sind wir – und dazu zähle ich auch geistreiche Männer wie Nero und Willie – sicherlich auf dem richtigen Weg . Bald werden Rezensenten hoffentlich auch nicht mehr in solchen Schubladen denken:

Wer meint, „Architektur eines Todes“ sei ein Tatort über Frauen, über Weibergesellschaft, Amazonen, Hysterie und Erfolg, der irrt. […] ohne es zu wollen, erzählt „Architektur eines Todes“ eine ganz andere Geschichte: die Tragödie von drei Männern in einer von Amazonen regierten Welt.

„die Tragödie von drei Männern“? Handelt es sich nicht vielmehr um eine Tragödie, die der Mensch unabhängig von seinem Geschlecht zu stemmen hat? Zum Beispiel: Für eine jüngere Frau verlassen zu werden? Das widerfährt im Tatort nämlich ironischerweise nicht der Ehefrau, sondern dem Hausmann!

„Hysterie“? Gibt es nicht inzwischen auch Männer, die sich ob eines gelben Seidenschals völlig entzücken können?

„Weibergesellschaft“? – „von Amazonen regierten Welt“? Da scheint wohl einer nicht stark genug zu sein für starke Frauen!

Who the fuck is „Judith Angerbauer“? wiederhole ich und muss nun doch anerkennend feststellen, dass ihr Tatort, richtig zugehört, doch mehr Substanz hat. Als Mertens Mann beim Abendessen seinen Kindern erklärt, was ein „Stammtisch“ ist, und diese nachfragen, warum sich nur Frauen dort versammeln dürfen, gibt er zu, dass die Idee des Stammtisches früher einmal aus der Männergesellschaft kam. Somit lese ich Angerbauers Tatort einfach als Dystopie. Und das macht Sinn: die grausame Welt der Stararchitektin Martens gleicht wirklich einer erfunden Gesellschaft. Lassen wir uns also ruhig von Frau Angerbauer vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen!

Und lassen wir der Rezensentin den Spaß am Interpretieren…

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2 Antworten

  1. […] Hintergrund: Tatort-Fundus *hihi* Kritiken: Doktor Mama, ChloevomSee, Tatort-Forum, Märkische Allgemeine, […]

  2. […] Netzwerkstuten & Netzwerkstricher SpreeSee – PeopleRank: 2 – 10.09.2009 …Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) eingeschaltet wird, erscheint doch übertrieben bei einem Vermisstenfall. Immerhin werden die beiden Stoiker zumindest für ein paar Tage aus ihrer Herbst-Lethargie herausgerissen…. Namen genannt : Nina Petri  Miss Undercover  Ulrich Tukur  + voten […]

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