Alte Liebe rockt nicht


…drum komm schnell in’s Hotel
Der Mond scheint heut‘ so hell
Das Leben ist zu kurz
Das Leben ist zu kurz

Doch hast Du Sex im Hotel
geht’s dir wieder gut
und hast du Geld auf der Bank
gibt’s auch kein Problem
und hast du Spaß in der Nacht
fühlst Du Dich wie neu
Sex im Hotel macht Dich froh

Tatort aus Kiel, „Borowski und die Sterne“, Sonntag, 20.9.2009, 20.15 Uhr

Bewertung: noch selten stand ich einem Tatort so gleichgültig gegenüber, also ist auch die Bewertung neutral – nächste Woche bei der Bundestagswahl wirds spannender!

Dieser Tatort beginnt ohne richtigen Fall, es geht in den Gesprächen im Präsidium lediglich um einen Freitod, der Mann, der da seinem Leben ein Ende gemacht hat, war

so einsam, dass er nicht einmal einen hatte, der ihn töten wollte

wie Chefzyniker Borowski bemerkt. Ein Lacher, aber leider kam danach nicht mehr viel außer Hugo Egon Balder als Alt-Rocker, der sein Comeback startet und zur Verkörperung dieser Rolle eine groteske Perücke (oder sind das seine Haare???) aufbekam:

Hugo Egon Balder als Bodo, versteinerter Ex-Geliebter des Mordopfers

Hugo Egon Balder als Bodo, versteinerter Ex-Geliebter des Mordopfers

Na ja, es ist schließlich auch keine Komödie, sondern ein Krimi. Spannung kam dann auch ein wenig auf. Helen Schneider lockt als wunderschön gealtertes Ex-Groupie Margret den Bodo ins Hotel, das einst Schauplatz einer Sex and Drugs and Rock´n Roll-Menage à trois zwischen ihm, ihr und dem Gitarristen war, wie uns sentimentale Rückblenden und das Kieler Boulevardblatt verraten. Man darf sich das quasi so vorstellen, wie Keith, Mick und Uschi Obermaier nur halt auf Tatort-Niveau und begleitet mit dem wehmütigem Blues der Stimme von Janis Joplin.

Im Hotel trifft Bodo, der trotz Comeback konsequent völlig versteinert (oder ist das cool?) dreinschaut, dann aber nicht auf Margret, die hat zwar auf dem Zimmer auf ihn gewartet, ist aber plötzlich spurlos verschwunden, unten an der Rezeption lernt er nur ihre seltsame Tochter, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist und auch noch Janis heißt, kennen. Es kommt was kommen muss – wo ist der Fall – denkt man sich immerhin schon seit einer ganzen Weile – Margret liegt tot zwischen den Mülltonnen im Regen. Der Jungkoch und Freund von Janis findet sie und los geht das Rätselraten der Kommissare Borowski und Jung: noch ein Freitod oder doch Mord?

Der Fall ist an sich so klar: es gibt drei Männer im Leben der Margret, zwei davon haben sie sehr geliebt und sind gute sowie erfolgreiche Kerle, einer ist ein Versager, fand sie nur heiß und der wars natürlich. Wären der fast schon in Hoffnungslosigkeit erstarrte Borowski und die unterkühlte Psychotante Jung nicht so damit beschäftigt, endlich zueinander zu finden, hätten sie den Fall sicher in der Hälfte der Zeit gelöst. Schließlich ist alles so klar: die fingierten Abschiedsbriefe, die Psychologie der Männer um Margret und das viel zu wenig kaltblütige Töchterchen Janis, das man uns in völlig unglaubwürdiger Weise per Elektra-Komplex als Tatverdächtige unterschieben will.

Gibt es was Gutes an diesem Tatort? In meiner wohlwollenden Art suche ich jetzt mal und finde es im Setting, dem Hotel.

Mit „Menschen im Hotel“ – das wissen wir seit Vicki Baum und Minna von Barnhelm – da lässt sich eigentlich ganz gut Geschichten erzählen. Schließlich treffen im Hotel Leute aufeinander, deren Wege sich sonst sicher kaum kreuzen würden: der ambitionierte kreative Jungkoch trifft den spießigen Portier mit der Mentalität eines Bänkers und beide streiten sich um eine schöne Frau (Janis), der  Rockstar geht samt Bodyguard aus und ein und auch der Wäschereibesitzer und Marineveteran, der Margret nach ihrer wilden Zeit Halt gab und ihrer Tochter der Vater war, den die Musiker nicht im Persönlichkeitsrepertoire hatten. Das Hotel ist die Folie der vergangenen wilden Zeiten und zeigt wie unpassend es schlicht und ergreifend ist, als Rockstar zu altern, Exzesse sind einfach nur sexy, wenn man unter 30 ist und passen eh nicht mehr in diese Zeit. Wer würde schon daran denken einen Fernseher aus dem Fenster zu schmeißen, wo man heute nicht mal mehr in der Hotelbar rauchen darf?

Trotzdem hat Sex im Hotel halt auch einen unbestreitbaren Reiz, dem sogar Eiszapfen Borowski und seine Eisprinzessin Jung nicht standhalten können, auch wenn sie sich danach wie Schulkinder vor den Kollegen schämen, dabei möchte man den einsamen Seelen, die endlich mal über ihren Schatten gesprungen sind, doch nur zurufen:

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Eine Antwort

  1. […] Hintergrund: Tatort-Fundus Meinungen: Sopranisse (Live Blogging), Annabell, MayavonderSpree, Ponkie (AZ), […]

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