Unter Pennern


Tatort aus Köln „Platt gemacht“, Sonntag 4.10.2009, 20.15 Uhr

Gut gedacht, schlecht gemacht – Trivial, überzeichnet, fehlbesetzt, bisschen spannend 3-4

dietmar bär hat coole mütze im tatort

so uninteressant war der Tatort, dass die Menschen vor lauter Langeweile die Mütze des Kommissars googleten. Chloe und ich sind uns nach kurzer Lagebesprechung einig: die Mütze war echt nichts besonderes. Während die Madame am See sich an die 90er Kangoo-Caps erinnert fühlte, fiel mir Heinz Beckers Kappe ein, COOL – lieber Googler – ist anders.

Allerdings sagt die Anfrage doch einiges über die Qualtität des Tatorts aus Köln aus. Der trat zwar ambitioniert mit einem sozialkritischen Thema und einem spannenden Fall an – zwei Tote mit Glykolvergiftung im Pennermilieu – machte den Ansatz aber durch ganz platte Nebenhandlungen und schreckliche Überzeichnungen nieder. Wer sich mit dem Leid von Obdachlosen auseinandersetzen und etwas darüber erfahren möchte, der lese den Erfahrungsbericht von Günther Wallraff in der Zeit. Hätten sich die Tatort-Schreiber mal lieber davon inspieren lassen anstatt vom Lokalkolorit-Song „Alles verlore“ der unerträglichen Karnevalsband Höhner.

Was wir hier geboten bekommen ist ein fein nach dem Rezept des Trivialromans zusammengemanschtes Kriminalragout.

Man nehme einen Haufen Gegensätze:

die ärmsten der Armen – eine Horde Obdachlose inklusive einer jungen schönen Stricher-Leiche

die reichsten der Reichen – Plastische Chirurgen, Anwälte, Elektromarkt-Imperien-Besitzer

zwei aufrechte und einen gefallenen Helden – die Kommissare Ballauf und Schenk sowie ein ehemaliger Kollege und jetzt Privatdetektiv

eine große Portion Schicksalschläge – hier eine HIV-Infektion, da ein tötlicher Autounfall, der die Familie des Ex-Polizisten zerstörte. Dieser griff aus Trauer zur Flasche und musste den Polizeidienst quittieren. Der Unfallverursachers tut nun seine Buße, indem er als Obdachloser lebt und dauernd jedem, der es hören mag oder nicht, ein situationsbezogenes Zitat aus der Hochliteratur  hinwirft.

eine große Aufregung, die alle Beteiligten zusammenbringt – unter den Obdachlosen treibt ein Mörder sein Unwesen, er killt die Leute perfide mit Frostschutzmittel in teuren Weinflaschen – wer sollte da widerstehen können…

Jung und alt, reich und arm, Betroffenheitsgeschwafel, schwere Schuld und Läuterung, Selbstjustiz, Undercover-Obdachlosen-Einsätze, böse Kioskbesitzerinnen, gierige Erbschleicherei, seltsame Kommissarhintergrundstorys

Alles klar? Dieser Eintopf ist eindeutig überwürzt.

Am Ende hat man einiges Sodbrennen und muss sich erstmal sortieren und zusammenreimen, was einem da alles serviert wurde.

Verdauliche Bestandteile:

Die Aufklärung der verschiedenen Fälle verlief einigermaßen spannend. Der junge Stricher hat sich selbst vergiftet, der zweite Tote fiel einer Verwechslung zum Opfer, weil er dem wahren Ziel des Anschlags – dem Buße-Penner Beethoven – den Mantel geklaut hatte. Der zweite und dritte Mordversuch an Beethoven durch den Detektiv, dessen Familie er damals in einem Unfall getötet hatte und durch die Anwältin, die seine Cousine ist und das Elektro-Imperium alleine erben möchte, konnten verhindert werden. Der Penner Beethoven ist nämlich in Wahrheit steinreich. Da waren schon ein paar irreführende Fährten gelegt, denen man hätte auf den Leim gehen können, wäre da nicht die andauernde Empörung über

die unverdaulichen Bestandteile:

Ich liebe Udo Kier, aber an der Darstellung einer derart fehl-konstruierten Figur muss auch er scheitern. Ich nehme ihm das nicht ab, dieses selbstauferlegte Leben auf der Straße, wo er natürlich allen Anfeindungen standhält, weder schnorrt noch trinkt, noch stinkt, denn als Erbe einer Unternehmerfamilie gehört er ja gar nicht hier her und das Schnorren, Saufen und Stinken, davor schützt einen natürlich die bei Elektromarkt-Betreibern übliche hochkulturelle Bildung (Mediamarkt – „Ich bin doch nicht blöd“???). Ich finde das ziemlich zynisch. Unverständlich ist auch, dass er dann plötzlich am Ende des Films doch wieder aus der Gosse auftaucht und im schnieken Anzug einen Großteil des Erbes an eine Obdachlosenstiftung spendet. Genug gebüßt – ab jetzt gibt er seine Orgelspielkünste und literarischen Anspielungen wieder der vornehmen Gesellschaft zum Besten.

Ebenfalls indiskutabel ist der Plastische Chirurg, der ein Verhältnis mit dem suizidalen Stricher hatte und dem Kommissar Ballauf bei jeder Gelegenheit eine neue Nase aufschwätzen möchte – Klischeealarm hoch zehn.

Dass der fette Mützenträger Schenk ausgerechnet die mörderische Anwältin anheuert, um den besagten Schönheitsdoktor auf Schadenersatz wegen des missglückten Facelifts seiner Frau zu verklagen, hat mir den Eintopf endgültig vergällt.

Kölner Tatort bestelle ich nicht so bald wieder!

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Eine Antwort

  1. […] Hintergrund: Tatort-Fundus Meinungen: MayavonderSpree, Fielitz, Sopran, Tatort-Forum, […]

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