Gewerkschaftsobama verstrickt sich im Multi-Level-Game


Tatort aus München, Um Jeden Preis, Sonntag, 18.10.2009

Note: Tatort ohne Mord – München wird alt, nicht vergleichbar

Vorschlag zur Güte liebe Müncher: lasst die uns so ans Herz gewachsenen Batic und Leitmayr den Dienst quittieren und gebt ihnen ein schickes Spin-Off. Da können sie in ihrer Männerfreundschaft schwelgen und weitere Geschichten aus der Vergangenheit ausgraben, vielleicht Partnerinnen suchen, finden und wieder verlieren und saufen und kicken und sich gegenseitig ankauzen.Vielleicht könnten sie in neuem Format auch den alten Weggefährten Carlo wiederfinden – das waren noch Zeiten!

Aber als Tatort-Kommissare sind die beiden ganz offensichtlich auserzählt, haben schon jeden denkbaren Fall gehabt und waren schon in allen möglichen Konstellationen – mal der eine mal der andere – befangen, haben sich zerstritten und am Ende wiedergefunden. Weil auch die Schreiber das wissen, halsen sie uns Zuschauern in ihren verzweifelten Versuchen neues Blut heranzuschaffen „Austauschkollegen“ auf – ja sind wir denn wieder in der Schule?

Und heraus kommt dann sowas, wie am Sonntag:

Ein Tatort ohne Mord und ohne größere Ermittlung. Eine grotesk als Hassobjekt ausgestellte Journaille, die als dieses aber schon genauso abgegriffen ist wie die guten Kommissare. Ein Kollege, der als kleiner pummeliger Klischee-Italiener selbstverständlich permanent die MAMA am Telefonino hat, die bayerischen Jungs beim Fußball foppt, aber auch mit Espresso und Tramezzini tröstet, garniert mit dem Satz: „Nicht’e traurig, lieber essen!“

Dabei hatte die Story durchaus was für sich. Die Geschichte des „Arbeiterführers“ Leo Greedinger, der im schicken Anzug eine „Agenda“ vorlegt und Gefahr läuft, den Kontakt zur Masse zu verlieren, weil er um jeden Preis seine Vision der global vernetzten Gewerkschaften verfolgen möchte, wirkte doch durchaus realistisch fast schon parodistisch, wenn man an die Zeiten denkt, als noch ein Gerhard S. Kanzler und die SPD eine Volkspartei war.

Dieser „Gewerkschaftsobama“ wird witziger Weise von Thomas Sarbacher verkörpert, der letzte Woche als Trüffelfan und Frauenmörder Lena O. bezirzte, hätte auch mal jemandem auffallen können, dass man das nicht unbedingt an zwei aufeinander folgenden Sonntagen bringt.

Greedinger ist verstrickt in ein allzu kompliziertes Spiel. Sein Job sieht ein typisches Two Level Game vor, er muss im Aufsichtsrat Entscheidungen mittragen und diese an der Basis den Arbeitern schmackhaft machen, umgekeht bei den Bossen das Beste für seine Klientel herausholen, ein ständiges Verhandeln an zwei Fronten also. Doch wer Ambitionen hat, hats noch schwerer und spielt auf viel mehr Levels. Beim modernen Gewerkschaftsgame muss er mit seinem Vater, der ein Arbeiterführer der alten Schule war, über die neuen Zeiten streiten, sich gegen intrigante Genossen aus den eigenen Reihen behaupten, vom Aufsichtsrat wird er wiederum in schmutzige Bestechungsgeschäfte hineingezogen und ob seiner charismatisichen Ausstrahlung auf den schwulen investigativen Journalisten Rainer Truss angesetzt, der die Sauerei aufdecken möchte. Blöd nur, dass der junge Idealist noch nicht so abgebrüht ist, wie der Agenda-Autor. Er baumelt zu Beginn des Tatorts an einer Brücke und bringt die Ermittlungen der Kommissare in Gang, denn dieser Suizid scheint doch ein wenig herbeigenötigt und soll zu schnell unter den Teppich gekehrt werden. Deshalb muss Greedinger dann auch noch ein Level gegen seinen alten besten Kumpel Batic und die Polizei spielen. Weil Ivo sich aber genau erinnert, welche Cheats der Leo schon als Kind drauf hatte, heißt es dann am Ende für den Gewerkschaftsobama:

GAME OVER

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2 Antworten

  1. […] auf den nächsten Streich der Münchner Buben, schließlich hatte ich die Jungens beim letzen Mal angezählt. Doch die Bayern ließen mich nicht hängen, sondern lieferten mir endlich wieder einen Grund, den […]

  2. […] Hintergrund: Tatort-Fundus, Bayerischer Rundfunk Meinungen: MayavonderSpree, Annabell, Fielitz, […]

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