Entertainment statt Empathie


Tatort aus Hannover, „… es wird Trauer sein und Schmerz“. Sonntag, 15.11.2009 um 20.15 Uhr

Note: Sehr gut !

Ich hatte Maya noch versprochen, dass ich während meines „on transfer“-Status in Deutschland einen Tatort mitnehme. Jedes Mal, wenn ich mit der Rezension anfangen wollte, überrollte mich jedoch der Schlaf. Mein Biorhythmus ist einfach völlig auf den Kopf gestellt. Inzwischen naht das Ende der Woche, der nächste Tatort droht ausgestrahlt zu werden und ich befinde mich in einem Starbucks in Seattle. Chloes Chörper scheint heute früh zumindest diese Zeitzone akzeptiert zu haben. Also nun der Anlauf zur Rezension…

Letzten Sonntag musste ich erstmal mit meinem Dad um die „Macht“ kämpfen. Die Fernbedienung war ganz auf die ersten Kommunalwahlen im Kosovo getrimmt. Ein historisches Ereignis für den jüngsten Staat Europas. Kurz vor meinem Abflug gen Amerika tat mir mein Vater jedoch noch einen letzten Gefallen und räumte das Schlachtfeld. Während er mit der Verwandtschaft skypte, zog mich der Tatort aus Hannover in seinen Bann.

Ein Sniper macht die Stadt unsicher. Der Tatort scheint wie immer wieder etwas hellseherisch. Kann es Zufall sein, dass genau in der Woche der Hinrichtung des Snipers von Washington die Ausstrahlung fällt?

Im Großraum Hannover werden in immer kürzeren Abständen anscheinend wahllos Opfer erschossen. Die Uhr tickt und Charlotte Lindholm (alias hinreißende Maria Furtwängler) hat die Aufgabe, den Täter zu fassen. Jedoch scheint hinter den Taten kein Motiv. Die Opfer können in keinen Zusammenhalt gestellt werden. Lindholm gelingt es trotz ihres völlig rabiat vorgehenden und unsympathischen Hauptkommissars Kohl (Felix Vörtler), das verbindende Element zwischen den Opfern zu erkennen. Alle waren an Silvester an der gleichen Unfallstelle und haben in ihrer voyeuristischen Manier die Rettungseinsätze behindert. Da das Unfallopfer nicht rechtzeitig aus dem Auto gerettet werden konnte, starb es elendig. Der Spannungsbogen ist jedenfalls hoch. Nicht nur, weil Lindholm selber etwas paranoid wird und hinter jeder Ecke den Sniper vermutet. (Für mich recht nachvollziehbar. Ich befand mich zur Zeit des Snipers von Washington selbst in Washington und hatte tatsächlich ein mulmiges Gefühl beim Gedanken daran, dass ein Verrückter willkürlich tötet).

Mit dem verbindenden Element in der Hand kommen die Ermittlungen nun erdrutschartig ins Rollen. Zuerst wird ein Autobahnpolizist verdächtigt (warum muss er gerade der Schwager des Kriminaldirektors Stefan Bitomsky (Torsten Michaelis) sein, der Lindholm bei den Ermittlungen zur Seite gestellt wird? Das war dann etwas too much). Und obwohl dieser aufgrund der harten Verhörungsmethoden Kohls gesteht, folgt Lindholm ihrer Intuition und ermittelt weiter. Über ein Video-Portal im Internet gelangt sie zu Aufnahmen vom Unfall und zu dem Gesicht, das sie neulich als Gaffer am Ermittlungsort eines Toden zur Rage gebracht hat. Um Zufälle handelt es sich also schon lange nicht mehr. Der verstörte Blick ist dem Ehemann des Unfallopfers zuzuordnen. Das Motiv ist klar: RACHE. Die Hinterbliebenen sollten für ihre Behinderung am Unfallort gestraft werden. Und zwar „Auge um Auge“. Die Kondolenzkarte mit den Worten „Leere, Stille, Trauer & Schmerz“ ist als Hinweis darauf zu sehen, was er, der, der nur gefilmt und angegafft wurde, nach dem Tod seiner Frau durchmachen musste. Die Gaffer am Unfallort verwechselten Empathie – die jeden Menschen zum Helfen bewegt – mit Entertainment. Statt Verständnis steht Vermarktung im Hintergrund. Die Blogger sind stolz auf ihre 6000 Hits am Tag, nachdem sie ein Unfallvideo online stellen. Lindholm kann zumindest das letzte Opfer vor dem Ehemann des Unfallopfers retten. Im Krankenwagen erfährt sie vom angeschossenen und gestellten Täter, dass er und seine Frau damals auf dem Weg zu ihren Eltern waren. Sie wollte ihnen endlich von der Schwangerschaft erzählen. Er sei morgens mit dem Gefühl aufgewacht, dass das der schönste Tag seines Lebens sei. Das berührt und bewegt.

Ohne die um eine wunderbare Nuance ergänzte Lindholm wäre der Tatort nur halb so gut gewesen. Lindholm steht der Sohn! Das Kind schränkt sie keinesfalls als fantastische starke Frau in ihrer Arbeit ein. Ganz im Gegenteil! Die Erfahrung des Mutterseins ist ein Gewinn für ihre Ermittlungen. Sie ist einfühlsam. Jetzt, wo sie eindeutig selbst eine „Hinterbliebene“ ist im Falle ihr Sohn fiele einem Mörder zum Opfer, nimmt sie Trauer & Ängste ihrer Gegenüber noch sensibler wahr. Sieht, was ihr grobschlächtiger Kollege Kohl nicht sieht: Die Geschichte zum Menschen. Statt zu Schreien, wenn sie nicht weiterkommt, hört sie zu.

Das Sahnehäubchen bildete mal wieder ihr idiotischer Mitbewohner. Martin Felser (Ingo Naujoks) ist als Kriminalautor vom Serientäter völlig fasziniert und stellt selber ein Täterprofil auf. Seine literarische Neugier steht der der Gaffer in Nichts nach. Daher ermahnt Lindholm auch ihn, dass die Hinterbliebenen den Täter sicherlich nicht als faszinierend empfinden. Nur bleibt immer noch die Frage offen: Wer ist der Vater ihres Sohnes. Etwa Kriminaldirektor Bitomsky? Hab ich irgendwas verpasst?

Egal. Einfach ein schöner runder Tatort, der zeigt, dass wir unsere Umwelt nicht als Objekt gefiltert über Buchseiten oder Bildschirme wahrnehmen sollten. Hinter den Menschen stecken Subjekte. Subjekte, die Schmerz und Trauer empfinden, wenn ihnen etwas zustößt. Es muss uns nicht erst selber etwas zustoßen, damit wir Empathie lernen.

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Eine Antwort

  1. Hey Chloe, ich fand es auch gut und du hast tatsächlich etwas verpasst: der Vater des Kindes ist ein One-Night-Stand aus der Nähe von Barcelona (deshalb ist das Kind auch ganz und gar nicht so nordisch wie die Mutter). In einer früheren Folge war Lindholm auch schon drauf und dran den Mann mal wieder zu besuchen…wenn ich mich richtig erinnere.

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