Vorweihnachtliche Tatort-Nachlese – Die guten ins Bayern-Töpfchen, die schlechten ins Sachsen-Kröpfchen


Lange, lange haben wir die Tatort-Rezensionspflichten vernachlässigt und zwar sogar so lange, dass ich mir jetzt vorkomme wie Aschenputtel in SpreeSees liebstem Weihnachtsfilm: vor mir hat die böse Stiefmutter ARD den Inhalt zweier Schüsseln ausgeschüttet und gesagt:

Faule Maya – jetzt aber hurtig, klaube das mal auseinander…und zwar so schnell wie gründlich.

Nun sitze ich hier und versuche mich zu erinnern, was so los war an den letzten Sonntagen, zum Glück war es fast so einfach und schwarz-weiß wie im Märchen, also schaffe ich es womöglich ohne die Hilfe von Federvieh. Los gehts mit „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen„:

1. Tatort aus Leipzig, Falsches Leben, 6.12.2009, Note 4
Am Nikolaustag kamen Maya und Charly berauscht von Bratapfel und Glühwein vom Adventstreffen mit Freunden und stöhnten verzweifelt auf. Ein Leipziger Tatort stand auf dem Programm, mit unserer meistgehassten Ermittlerin Eva Saalfeld, gespielt von Simone Thomalla, die derart verzweifelt auf jugendlich macht, dass man Mitleid bekommen könnte, würde sie nicht so nerven. Zum Glück gibt es da aber einen Lichtblick im sächsischen Team, der mich davon abhält, mich in Zukunft diesem Tatort völlig zu verweigern: Kai Schumann als äußerst ansehnlicher Rechtsmediziner ist auf jeden Fall ein Pro für den Leipziger Tatort, leider war er viel zu kurz im Bild…

Zur Story: Pünktlich zum ausgehenden Mauerfalljubiläumsjahr wurde hier mal versucht, ordentlich DDR-Geschichte aufzuarbeiten. Dabei weist schon der Titel daraufhin, dass sich hier kaum die Suche nach dem eventuellen richtigen Leben im falschen anbietet, sondern vielmehr lauter falsche Leben im falschen aufgetan um nicht zu sagen „aufgeklärt“  werden.

Ein abgebranntes Jugendhaus in dem sich eine Leiche befindet ist der Ausgangspunkt, die Ermittlungen führen zu einem Knäuel voller verschiedener Spuren, die alle einen gemeinsamen roten Faden in der Vergangenheit haben. Eine Rose aus Gold (haben die Tatortschreiberlinge etwa kürzlich einen Opernbesuch beim Rosenkavalier gemacht? die Reinkarnation Hugo von Hofmannsthals sind sie nämlich sicher nicht, der war millionenmal besser!- aber das nur nebenbei-) wird nämlich am Tatort gefunden. Das Knäuel an Menschen ist wirr, mögliche Schuldige sind zunächst die Antiquitätenhändler Kleeberg, denen das Grundstück gehört, auf dem das Jugenhaus steht. Schließlich laufen die Geschäfte nicht mehr so blendend und da wäre ein lukrativer Immobilienverkauf womöglich die Rettung. Und Huch – auch die Kleebergs sind Rosenbesitzer. Heiße Spur, sag ich mal.

Wären da nicht die ziemlich verbitterte und zum Schluss hin verrückte Mutter des Verstorbenen, die Kunsthistorikerin Hannah Wessel (Thekla Carola Wied, die glaubhaft spielt aber furchtbar peinlich inszeniert und gefilmt ist) sowie der unsympathische Boxtrainer Zirner, dem Stasi ins Gesicht geschrieben steht, wäre das Rätsel schnell gelöst. So begeben wir uns aber jetzt nicht nur in die Stadthistorie und lernen etwas über den frevelhaften Abriss der Paulinenkirche und die Herkunft der goldenen Rosen – sie waren Beigaben in mittelalterlichen Gräbern unter der Kirche – nein wir kriegen mit auf welche unterschiedliche Weise man sich in so einen harten Regime durchschlagen kann oder eben nicht. Der Wessi Keppler muss dabei den Deppen geben, der nicht mitreden kann. Heraus kommt ein Geflecht aus physischer Gewalt gegen Kulturgüter und Menschen, und psychischen wie strukturellen Repressionen, die selbst das stärkste Muttertier nicht ertragen kann. Noch viel schlimmer: Saalfeld muss gar um den vererbten Heiligenschein fürchten, denn der fiese Boxtrainer Zirner ist ein Ex-Kollege ihres Vaters und pflanzt in ihr den schrecklichen Verdacht, selbst der Herr Papa hätte sich als Volkspolizist was zu Schulden kommen lassen – da kann eine Mordermittlung schon mal in den Hintergrund geraten.

Am Ende haben sich alle schuldig gemacht. Der Antiquitätenhändler hat gegen Devisen Kunst ins Ausland verhökert und damals wie heute bei der Brandstiftung auch noch gemeinsame Sache gemacht mit dem bösen Zirner, der zusätzlich auch noch mit brutalen Verhörmethoden die Wessel in den Wahnsinn getrieben und ihr ungeborenes Kind dabei verletzt hat, diese wiederum hat späte Rache geübt.

Fazit: Leider ist dieses Vorhaben gründlich misslungen, denn der Film verfolgt viel zu lange die Saalfeldsche Ahnenforschung, so ist ein Zwitterwesen entstanden, das weder die spannende Unterhaltung eines Tatorts noch die interessante und notwendige narrative Aufarbeitung des Lebens in der DDR liefen kann. Das war einfach alles ein bisschen zu viel. Liebe Drehbuchschreiber, packt doch nicht immer zehn Ideen in einen Sonntagabendfilm!

Äußerst unversöhnt mit dem Tatort war ich dann gespannt auf den nächsten Streich der Münchner Buben, schließlich hatte ich die Jungens beim letzen Mal angezählt. Doch die Bayern ließen mich nicht hängen, sondern lieferten mir endlich wieder einen Grund, den Tatort zu lieben!

2. Tatort aus München, Wir sind die Guten, 13.12.2009 Note 1

Na bitte – von wegen altersmilde – Batic und Leitmayr haben es immer noch drauf und liefern einen spannenden Krimi und eine dramatische emotionsgeladene Hymne an die Freundschaft.

Das ist doch mal was, nach all dem Klamauk der letzten Fälle bringt uns „Wir sind die Guten“ eine schlüssige runde Story, in der der Hauptkommisar Batic zum Tatverdächtigen wird, sein Gedächtnis und beinahe sich selbst verliert und dann durch den heldenhaften und verzweifelten Einsatz seines Freundes wieder rehabilitiert wird. Unerschütterlich kämpft der Franz für seinen Freund, denn er weiß es sogar, wenn der Ivo verstört von seiner Amnesie nicht einmal mehr an seine eigenen Unschuld glaubt – die beiden SIND HALT DIE GUTEN, da gibt es nichts dran zu rütteln. Das mag jetzt kitschig klingen, weil ich immer noch so gerührt bin von diesem dramatischen Drehbuch, es kam aber in keiner Sekunde so rüber, sondern war ein hochspannender unsentimentaler Film, der einfach nur grandios geschrieben, inszeniert und gespielt war.

Meckern ist immer leichter als lobhudeln, darum spar ich mir den Rest und empfehle jedem, der eine Wiederholung dieses Plädoyers für die Fortführung des Tatorts erwischt, sie sich reinzuziehen.

Mehr davon und hoffentlich wird es am Sonntag beim schwäbischen Tatort, den ich sogar im Kessel schauen werde, genauso erfreulich!

Advertisements

Eine Antwort

  1. […] Hintergrund: Bayerischer Rundfunk, Tatort-Fundus Meinungen: Annabell, Fielitz, MayavonderSpree, Sopran, Tittelbach.tv, […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s