Spione in Glaskästen


Tatort aus Hamburg, Sonntag, 28.3.2010, 20.15 Uhr

Solide 2-3

Charly und ich sind beim Public Viewing im Galao, der Übertragung scheinen zunächst einige technische Probleme im Weg zu stehen, die Linsensuppe ist trotzdem lecker und dann harmonieren auch noch Bild und Ton.

An der Brezel-Deko, die über des Kommissars Kopf schwebt, erkennt man deutlich: das Public Viewing findet im Schwabenland statt. Zum Glück ist es ein Hamburger Tatort, dann bekommt man auch um 20.10 Uhr noch einen Platz

Cenk Batu ist mal wieder in verdeckter Mission unterwegs, er bezirzt einen innovativen älteren Erfinder, der bald tot ist und eine seltsame Zettelwirtschaft hinterlässt –

Bestimmt Alzheimer oder Demenz

raunt Charly mir zu – im Galao herrscht nämlich absolute Schweigepflicht während des Tatorts – und schon geht die Jagd nach der Pandoradatei und durch die verworrenen Personalien los.

Morgen Jetzt gibt es dann hier die vollständige Ein- oder Mehrsatz-Kritik:

Hamburg hat definitv das Zeug, einer mayner Lieblingstatorte zu werden. Weil Mehmet Kurtulus (der leider im Vergleich zu seinem ersten Tatort-Einsatz ein wenig zugelegt hat und nicht mehr ganz so schnittig aussieht) den einsamen Wolf Cenk Batu so eindringlich spielt und damit eine angenehme Abwechslung zu all den klamaukigen Kommissar-Teams von Münster bis München ist. Wenn er sich mit seinem Vorgesetzten Uwe (der ständig betont er sei ja auch nur an Weisungen gebunden- von einem großen Unbekannten, den wir nicht kennenlernen – und das gibt der ganzen Sache einen völlig kafkaesken Touch)  an den seltsamsten Orten trifft und jedes kleinste Accessoire – etwa den Vanille-Duftbaum im Auto – als Indiz für die Legende seiner Figur ausbaut, dann gefällt mir das richtig gut. Auch die moderne Kameraführung, der Splitscreen, der Blick aufs schöne Hamburg bringen mich in Stimmung und dann inszeniert der Film sehr schlau seine Figuren wie kleine Spielfigürchen in gigantischen Setzkästen mit Glasfront, auf die wir von außen blicken, jedes Figürchen alleine in seinem viereckigen Kästchen:

Cenk Batu in seiner schicken Wohnung, ganz alleine, mit der Außenwelt nur über das Handy verbunden, beim Fernschach mit dem Baba.

Die Mitarbeiter der Firma, die irgendein rüstungsrelevantes Sillicium 3 entwickelt, in der Driving-Range – jeder in seinem einen kleinen Feld.

Nur kurz bekommt Batu Besuch in seinem Setzkastenfach – er darf mit der schönen Mia (gespielt von Desiree Nosbusch, die im echten Leben mit Kurtulus zusammen ist) gemeinsam beim Japaner sitzen und wir sehen wieder von außen durch das Fenster, wie die beiden sich selig gegenseitig füttern. Doch auch das ist nur eine Episode, bald schon soll Batu wieder alleine in seinem Fach sitzen.

Ein schönes Bild haben Kamera und Regie hier gefunden, für die Vereinzelung, die diesen Fall auf Touren bringt. Denn Batus Job, das Loch in der Firma zu stopfen und den Maulwurf unschädlich zu machen, ist schnell getan und man will ihn schon wieder abziehen, doch Batu hat sich festgebissen – in der Firma ist noch viel mehr faul und außerdem ist er längst emotional engagiert. Mia, die Tochter des toten Erfinders  hat es ihm angetan und der vermeintliche Ermordete selbst hat ihm per Brief die Aufgabe hinterlassen, seine Datensammlung „Pandora“ mit den neuesten Erfindungen zu finden und die Firma vor den miesen Machenschaften und der Spionage zu schützen. Also setzt er sich auf der Suche nach der Pandora-Datei über Weisungen hinweg und bringt alle in Gefahr. Dabei entspinnt sich ein kompliziertes Netz aus Helfern und Widersachern – irgendwie ist keiner mehr, der der er scheint, es fehlt nur noch, dass alle sich die  Masken vom Kopf reißen, dann wäre es wie bei Mission Impossible.

Und was hat das jetzt mit der Vereinzelung zu tun?

Ganz einfach, die Widersacher, zu denen leider auch Mia gehört, sind Spione des schwedischen Geheimdienstes und die Helfer Beamte des BND. Die deutschen Behörden wissen einfach nicht, wie man sich so richtig abstimmt und pfuschen sich gegenseitig in die Arbeit. Jeder hockt in seinem Kästchen und arbeitet vor sich hin und auch die private Liebe ist eben keine, sondern nur ein Job. Am Ende klappt es dann doch noch mit der Kooperation, aber nur um den Preis, dass Cenk alias Sinan vor den Augen der geliebten Spionin „hingerichtet“ wird, auf dass beide wieder alleine in ihr jeweiliges Setzkasten-Fächlein zurückkehren und auf den nächsten Einsatz warten, zu dem sie vom großen Unbekannten gesendet werden.

Auszusetzen gibt es nicht viel an diesem Tatort, außer vielleicht, dass die Lovestory schon arg schwelgerisch bis über die Grenzen des Kitschigen hinaus inszeniert ist – aber wir wissen nun wenigstens – der Cenk könnte schon ein ganz einfühlsamer Liebhaber sein, der extra morgens mit den Schuhen in der Hand die Wohnung verlässt, um die Geliebte nicht zu wecken, er könnte so glücklich sein – wenn er nicht in den Zwängen seines Jobs festsitzen würde. Aber zu Lasten dieser langen Charakterisierung geht eben, dass der Film eine Stunde lang dahinplätschert und plötzlich zum Schluss hin ganz rasant wird, dass man kaum mehr in der Lage ist, alle Fäden wieder aufzunehmen und zusammen zu bekommen.

Deshalb drehen sich auch die Gespräche im Galao nach dem Ende der Übertragung um die Rekonstruktion – hat der Erfinder sich nun umgebracht oder wurde er ermordet? Ersteres war es wohl – nur eines ist ganz klar – Charly hatte die Zeich(nung)en natürlich richtig gedeutet: der Erfinder hatte Alzheimer.

In Zukunft also weiter so – liebe Hamburger – nur mit ein bisschen weniger Schmelz…

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4 Antworten

  1. Ah, da scheine ich ja doch was verpasst zu haben. Das Stück „Der Schwester Schatten“ im Theater unterm Dach hat mich jedoch auch mitgerissen.

  2. Hmm, da ich das Tatort-Schauen mittendrin abbrechen musste, hatte ich nach Eurer Ankündigung letztens schon gehofft, hier vielleicht eine Zusammenfassung zu finden – aber irgendwie bin ich jetzt auch nicht schlauer als vorher, außer, dass Mia nicht das war, was sie zu sein schien…. :S Mir war das Ganze etwas zu kühl, und die Liebesszenen eine fast willkommene Abwechslung deshalb. Kurtulus ist und bleibt für mich einfach auch für immer der leicht reizbare Autofahrer aus Fatih Akins „Im Juli“, den ich fast auswendig kenne, so oft hab ich ihn schon gesehen… 😉 Aber dafür kann er ja nichts 🙂

  3. Ja – Nacherzählungen sind nicht so mayn Ding, aber warum wirfst du nicht einen Blick in die Mediathek? Da kannst du den Tatort zu Ende schauen – es war schon noch sehr leidenschaftlich zum Schluss hin – wenn dir die Lovestory gefallen hat, schau es dir an!

  4. Oh, das lese ich jetzt erst. Ich habe das gar nicht als Kritik an Deinem Blogpost gemeint – anscheinend wurde der Tatort einfach nicht so richtig klar aufgelöst. So liest sich das, und so meinte ich das. Aber den Tipp mit der Mediathek befolge ich beizeiten trotzdem noch! Daran hatte ich nicht gedacht.

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