Teil III: Tanguera Chloe und die Männer


Ob Mayas Maultaschen musste ich meine Erzählung kurz abbrechen. Nun zurück zum Griechen. Zwei Tage bevor der Tango-Intensivworkshop anfangen sollte, schrieb er mir noch eine ellenlange E-Mail zu den „geschichtsträchtigen Hallen von Clärchens Ballhaus”. Mit dem Kommentar “übermotiviert” klickte ich die Mail einfach weg. Ja nicht mit einer Antwort auch noch Zeichen von Interesse zeigen.

Nach meiner durchzechten Nacht tauchte ich total verkatert aber pünktlich zum Kurs auf. Chloe chann in diesem Zustand ganz schön ungeduldig und zickig sein. Jeder Satztropfen auf ihren überstrapazierten Nerven macht aus der Frau vom See schnell eine Choleric Chloe. Der Grieche tat mir jetzt schon Leid und ich hoffte für ihn, dass er über Nacht dem Kloster der Trappisten beigetreten war. Aber von Schweigen war keine Rede! Kaum saß der Kerl neben mir, kam schon der erste Vorwurf: „Ist es nicht schön hier? Ich habe Dir ja Bilder vom Spiegelsaal in meiner letzten Email geschickt. Hast Du meine Email nicht gelesen?“

Chloe – zweiter Vorname „Delete“ – ignorierte die Bemerkung einfach und nickte nur mit dem blauen Kopf. Ich sprang vom Stuhl auf und sah ob dieser schnellen Bewegung nur noch Sterne vor mir. Bevor ich mich fangen konnte, hatte mich der Grieche schon fest im Griff und wir marschierten über die Tanzfläche. Zum Glück revoltierte zumindest nicht mein Magen. Es wäre doch all zu lustig gewesen, hätte ich mich beim Tanzen übergeben.

Qualvoll war es so oder so. Die nächsten drei Stunden sollten mir richtig in die Knie gehen. Bzw. voll auf die Kniescheiben. Sirtaki Moves beim Tango sind nicht nur unsexy, sondern auch schwer gefährlich.

Die O-beinigen Kniebeugen meines griechischen Gegenübers führten konstant zu Kollisionen. Da ich erst zwei Tage zuvor klettern war (mit einem coolen „oben ohne“ Kletterpartner, den ich danach nie wieder angerufen habe) und dabei meine Knie an der Kletterwand aufgerieben hatte, bildeten sich nun fette Hämatome um meine Kniescheiben.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so froh darüber sein könnte, wenn mir jemand beim Tanzen einfach nur auf die Füße tritt. Aber jeder Fußtritt entlastete meine Knie. Schlimmer als der physische Schmerz war jedoch der ästhetische. Das wankende Boot vor mir war so rhythmisch wie ein Rhinozeros. Es rollte einfach auf mich zu und ich war stets darum bemüht auszuweichen oder wegzudrücken. Genervt schrie ich: „Mach doch mal langsamer, aber dafür richtig!“ Mein Tanzlehrer lachte sich krank als Zeuge meiner zickigen Ausbrüche. Als ich nach einer Kniescheibenattacke mal wieder bösartig die Augen rollte, fragte mein Tanzlehrer nun aber besorgt, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich knirschte ein „Ja“ heraus. Kurz vor einem cholerischen Wutausbruch meinerseits – das Rhythmus-Genie hatte gerade schmachtend bemerkt, was das für eine schöne Musik sei – gab es zum Glück eine Pause. Ich hyperventilierte erstmal auf der Toilette. Contenance, Chloe! Meinem Tanzlehrer flüsterte ich noch entschuldigend ins Ohr, dass ich total verkatert sei.

Bei den Getränken wartete mein persönlicher Folterkörper auf mich. Prompt fragte er, was ich denn da dem Tanzlehrer ins Ohr geflüstert hätte. Außerdem sähe ich wirklich nicht gut aus. „Warst Du etwa gestern Abend aus?“, fragte er vorwurfsvoll. Ich hatte auf dieses ganze Verhör echt keinen Bock und brachte die Mega-Notlüge: „Ich habe Menstruationsschmerzen.“ Von da an ließ er mich peinlich berührt nun einigermaßen in Ruhe.

Meine Stimmung nach der Pause wurde jedoch nicht besser. Mein Rausch ließ nach und meine Wahrnehmung verschärfte sich leider. Plötzlich bemerkte ich all diese Tanzpärchen um mich herum, die sich sehnsuchtsvoll mit den Augen die Klamotten vom Leib rissen. Dabei ist es beim Tango streng verboten sich in die Augen zu schauen. Oder sich gar zu küssen (pfui)! War das eine Paartherapie in der ich gelandet war? Tanzen gegen die Trennung!

Und plötzlich sollten sich alle im Kreis aufstellen. Der Führende hinter die Folgende. Ich ahnte Furchtbares! Der Tanzlehrer wollte unsere Haltung mit einer Übung verbessern. Bevor ich mich wehren konnte, drückte der Grieche meine Hüften schon gen Boden! Ha! Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, wann ein Mann zum letzten Mal meine Hüften angefasst hatte. Fuck! Maya hatte mich zwar gewarnt, aber ich hatte das mit dem „Körperlichen“ beim Tango echt unterschätzt!!! Die Rückrunde stand an und die Frauen sollten bei den Männern Hüfte und Rippen strecken. Mein Schrecken stand mir diesbezüglich wohl im Gesicht geschrieben. Mein Tanzlehrer sprang für mich ein, da das körperliche Verhältnis (David gegen Goliath) nicht stimmte. Ich spreche den Mann hiermit nachträglich heilig!

Beim letzten Tanz gab der Tanguero-Zorba-Mann alles. Meine Hand kam mir in seiner wie ein weißes Taschentuch vor, das er nach einer Flasche Ouzo glücklich hin und her wedelte. Ooooooopa ! Super – nach drei Stunden Tanz war ich zwar ausgenüchtert, dafür war meine Schulter nun komplett verkatert. Ich bedankte mich und verabschiedete mich gen Bahn. Aber weil ich so klein und gebrechlich bin, musste mich mein Tanzpartner natürlich zu meiner Haltestation begleiten. Hier offenbarte ich ihm dann auch, dass er mir zu groß für einen festen Tanzpartner sei. Er nahm es mit Fassung.

Der nächste und letzte Tag sollte von Ochos bestimmt sein.

Typische Merkmale des Tanzes sind neben dem engen Kreuzen der Beine („Kreuz“ oder „Cruzada“) die so genannten „Achten“ bzw. „Ochos“, die vor allem von den Frauen getanzt werden. Dabei beschreiben die Füße der Tänzerin – wie der Name sagt – auf dem Boden eine Acht. Diese Acht kann in Vorwärts- wie Rückwärtsrichtung getanzt werden; mehrere Ochos hintereinander sind durchaus üblich. Während die Frau solche – natürlich geführten – Ochos tanzt, begleitet der Mann sie in der Regel mit einfachen seitwärts gerichteten Schritten.

Ich musste mir nun von meinem Tanzadonis anhören, dass wenn ich nicht so arg auf meine Figur achten würde, das mit den Ochos sicherlich besser klappen würde. Hallo??? Ich war nur darum bemüht, bei der Torsion auf meine Bandscheiben zu achten! Bisher hatte ich mich wirklich arg zusammengerissen. Aber nun kannte ich auch kein Pardon mehr! Als der vom Tanzolymp gestürzte nun Rückwärts-Ochos zu improvisieren versuchte, stellte ich mich stur.

Chloe: „Ich tanze nur, was ich gelernt habe. Sonst schleichen sich Fehler ein. Und sich Gewohnheiten abzugewöhnen ist schwieriger als Neues zu lernen!“

Grieche: „Ach, das klingt ja so intelligent. Sag bloß, Du hast studiert?“

Chloe schnippisch: „Ja!“

Grieche beeindruckt: „Ach, wirklich?“

Chloe sich dumm stellend: „Nein, natürlich nicht.“

In der Pause gab es dann die große Aussprache.

Grieche: „Ich habe das Gefühl, dass Du mich nicht magst. Du läufst immer mindestens 2 Meter vor mir her und tust so, als würdest Du mich nicht kennen. Du bist immer so, so…“

Chloe: „Forsch!“

Grieche: „Ähm, ja. So wollte ich das jetzt nicht ausdrücken, aber das Wort trifft es wirklich gut.“

Chloe: „Ich bin zu allen so. Das ist meine Art. Nimm das bloß nicht persönlich. Ich danke Dir auch, dass Du mich erträgst. Ich weiß, dass ich keine leichte Frau für nen Tanzkurs bin. Danke, dass Du das mit mir durchmachst.“

Zum Abschluss begleitet er mich wieder zur Bahn. Da ich dieses Mal aber meinen Freunden zu einer Ausstellung nachfolgte, musste ich zu einer anderen Station. Das verwirrte ihn. Vielleicht glaubte er auch, dass ich das mit den Freunden nur erfunden hatte, um ihn loszuwerden. Wer so forsch ist wie Chloe, kann ja keine Freunde haben. Er verabschiedete sich mit der Floskel „Du weißt ja, man sieht sich immer zwei Mal im Leben.“ Für mich klang das fast wie eine Drohung. Vor allem, da wir uns doch schon drei Mal im Leben gesehen hatten. Und das kann auch mal einfach reichen!

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