Teil II: Chloe auf Parship


Datingunterschiede: Spree vs. See

Okay, okay, Kino-Woody vom See ermahnte mich gestern per Skype, dass ich doch bitte mal wieder was schreiben soll. Zwischen all meine Suchen schiebe ich also schnell eine Runde Reflektion rein.

Bevor ich später auf einzelne Dates eingehe, möchte ich hier auf einer Macro-Ebene noch ein paar Worte zum Gesamtprozess verlieren.

Das Treffen – Der Austragungsort

Am See hatten wir Singleseehasen immer das Problem, dass die Männer erstmal aus den diversen Großstädten inkl. Übernachtung anreisen mussten (natürlich auch vice versa!). Daher mündete ein Date meist in eine Frühjahrsputzaktion. Wer dafür wie Chloe sich morgens um 5 Uhr den Wecker stellt, ist mehr als durch! Aber als berufstätige Frau blieben damals recht wenige Zeitfenster zum Putzen offen. Vor allem im Winter, wenn es um 17 Uhr schon dunkel wird und der streifenfreie Glanz auf dem Parkett bei schattigem elektrischen Licht nicht mehr gewährleistet werden konnte. Um deutliche Zeichen zu setzen, wurde im Übrigen auch brav das Gästebett bezogen.

Einmal saugte ich eine halbe Stunde vor Ankunft meines Dates noch schnell im Bad durch. War aber natürlich schon geschminkt und im Abendoutfit. Plötzlich klopfte meine liebe Nachbarin an die Tür, um mir ein Paket vorbeizubringen. Ich öffnete ihr mit dem Staubsauger in der Hand. Meine Nachbarin reagierte ob meines Anblicks ganz entzückt:

Oh! Sie ziehen ja zum Putzen eine Schürze an!

Eine Schürze? Das Kleid hatte 150 Euro gekostet !! Dachte sich Chloe natürlich nur im Stillen…

Solche Wochenend-Dates liefen bei Chloe unter dem Fachbegriff „Stresstest“ (In der Informatik wird unter einem Stresstest ein Test verstanden, der das Verhalten eines Systems unter hoher Last überprüft). Da Chloe als pragmatisch verkopfter Mensch unfähig ist Gefühle walten zu lassen, wendet sie auch in Herzensangelegenheiten das bekannte V-Modell für die Planung und erfolgreiche Durchführung von Beziehungsentwicklungsprojekten an. Der Systemtest als eine der vielen Teststufen findet also am See einfach vor Ort beim Kunden (der Frau) statt:

Der Systemtest ist die Testphase, bei der das gesamte System gegen die gesamten Anforderungen (funktionale und nicht funktionale Anforderungen) getestet wird. Gewöhnlich findet der Test auf einer Testumgebung statt und wird mit Testdaten durchgeführt. Die Testumgebung soll die Produktivumgebung des Kunden simulieren. In der Regel wird der Systemtest durch die realisierende Organisation durchgeführt.

Zur Testumgebung gehört natürlich auch, dass das System Mann mit allen Freunden und Freizeitaktivitäten der Frau konfrontiert wird. So kann es auch mal passieren, dass eine degenerierte Yogarette (chloeisch für Großstadtmänner, die Yoga betreiben und dünner sind als sie selbst) zum grobschlächtigen Vereinsschießen mit muss. Um sich nicht vollends vor seinen Freunden zu blamieren, investiert man daher in See-Dates doch vorab mehr Zeit. In der Regel bis zu zehn Stunden Telefongespräch, bevor man jemanden einfach so zu sich einlädt. Naja, mit der Yogarette habe ich mich so oder so blamiert. Ein Mann in Röhrenjeans & 80er Jahre Schlangengürtel ist am Seeufer so fehl am Platz wie ein Pinguin in der Sahara.

Am See gibt es natürlich auch nur eine begrenzte Anzahl von Austragungsorten. Spätestens wenn man zum vierten Mal mit dem neben sich keuchenden Date den Pfänder hoch rennt, kommt einem alles so schrecklich repetitiv vor. Während man den Sonnuntergang in Eriskirch mit dem aktuellen Date zusammen erlebt, gehen Chloe die diversen Anekdoten der letzten Anwärter durch den Kopf – wie z.B. einer mit seiner schnicken Ledersohle auf den bemoosten Steinen in den See reinfiel – und sie brüllt laut los vor Lachen. Immerhin optimiert man seine schauspielerischen Leistungen und das Drehbuch mit jedem Mal. Wenn nur nicht dieser fade Beigeschmack einer Generalprobe ohne die Aussicht auf die Prinzen-Premiere in der Luft hängen würde… Dabei ist die Natur die romantischste Bühne der Welt!

An der Spree gibt es zumindest tausend Cafés, Museen oder Parks in denen man sich treffen kann. Und alles so herrlich unverbindlich. Einfach in der Mittagspause zum Essen oder auf eine schnelle Runde an der Spree. Kein Blick in meine oder seine Wohnung ist nötig! Und wenn man sich nicht mag, setzt man sich einfach in die nächste Tram und ist weg. Daher zögert man bei Spree-Dates das erste Treffen nicht so lange heraus wie bei See-Dates. In der Regel schreibt man zwei Emails und telefoniert eine halbe Stunde. Das reicht vollkommen! Schließlich ist alles andere reine Zeitverschwendung. Dieser Seelenstrip per Email bringt doch nix. Man verliert sich lediglich in Kopfgeburten oder feilt an seiner Copy & Paste-Satzbausteinmethode….

Dennoch scheinen die meisten Spree-Parship-Männer auf romantische Inszenierungen zu stehen. Chloe, die es wirklich nicht mit Tieren hat, wird ja gerne mal ins Aquarium oder in den Zoo eingeladen. Warum kann man nicht einfach einen Kaffee zusammen trinken??? Muss ich mir neben einem freilaufenden Affen auch noch eingesperrte anschauen? Maya maynte auch schon, dass man mit einem Ratgeber für romantische Online-Blind Dates in Berlin einiges verdienen könnte. Ich kann mir diesen Drang nach außergewöhnlichen Treffpunkten nur damit erklären, dass die fehlende Kennenlernromantik irgendwie kompensiert werden muss. Dann kann man sich später einbilden, sich im Planetarium statt auf Parship gefunden zu haben: „Du bist der Stern in meiner Nudelsuppe!“

Tagesausflüge stehen an beiden Ecken Deutschlands ebenfalls hoch im Kurs. Und hier muss ich schmerzvoll zugestehen, dass die Spree dabei schrecklich ins Hintertreffen gerät. Auch wenn Tucholsky mit seinen werten Damen im Schloss Rheinsberg einigen Spaß hatte, das kann einfach nicht mit dem Monte Verità in Ascona mithalten! Neulich drohte mir ein Date mit einem romantischen Ausflug gen Caputh. Ich zuckte sofort innerlich zusammen, da ich noch Mayas Blogeintrag im Ohr hatte… Caputh macht kaputt.

Und obwohl ich wirklich nichts mit Autos als Penisverlängerung am Hut habe, scheine ich dennoch allergisch auf folgendes Bild zu reagieren: Wenn mich ein Mann in einem kleinen gemieteten roten Fiat zum Spaziergang an einem Brandenburger Tümpel abholt. Ach, waren das noch Zeiten, als mir die Männer das Lenkrad ihres Alfa Romeos in die Hand drückten und ich die Tessiner Serpentinen genießen durfte… und um mich herum „Lagos“.

Der Mann – Das Objekt

An der Spree gibt es einfach unglaublich viele Männer im besten Single-Alter. Zum ersten Mal kann ich auf der Online-Plattform nach Größe und Alter filtern und es bleiben immer noch über tausend Kandidaten übrig! Am See hingegen lurcht auf meine Recherche hin in der Datenbank gerade mal ein Ingenieur herum… So ist man am See wohl gezwungen auf die umliegenden Großstädte oder das Hinterland auszuweichen. Und plötzlich geht man dann wohl wieder doch zu viele Kompromisse ein und datet zu kleine Männer…

Eigentlich hatte ich auch erwartet, dass ich an der Spree endlich mal mehr Männer mit Migrationshintergrund kennen lerne. Aber dafür scheint Parship einfach das falsche Portal zu sein. Die Schweiz oder Österreich zählen bei mir nicht als Migrationsland. Andere Nationalitäten habe ich bisher nicht gefunden.

Das Date – Der Prozess

Am See war stets klar, dass der einsame Mann am Bahnhof zu einem gehört. Bzw. man erspähte aus seiner Wohnung das auffällig fremde Nummernschild und sah den Kerl aus dem Auto steigen. Und auch wenn man sich in aller Öffentlichkeit traf, so konnte man unter den Bodenseerentnern am Ufer gleich sein Blind Date ausmachen. Wer noch Pigmente im Haar hat, ist eine wahrer Außenseiter in Lindau! Wie auch immer: Man fand immer zueinander.

An der Spree ist das komplizierter! Den einen Mann anhand eines Fotos sofort in einem Café mit 200 Leuten zu erkennen ist so gut wie unmöglich! Und wer gibt sich auch freiwillig der Blöße hin und rennt von Tisch zu Tisch mit der Frage „Bist Du David?“, nur weil gefühlte zehn Leute im Raum eine Glatze sowie Hornbrille tragen? Am besten vereinbart man also, dass man sich vor dem Café trifft!

Die ersten fünf Minuten sind die schlimmsten! Man mustert sich und lässt der Enttäuschung oder Freude freien Lauf. Peinlich sind die Männer, bei denen nach 30 Minuten das Handy klingelt und man ganz genau weiß, dass das eine gut gemeinte Rettungsaktion von Freunden ist. Zumeist wird das ja Frauen unterstellt… aber ich mache mein Handy immer aus! Höflichkeit will gelernt sein. Auch bei Dates. Und wer wie ich gar mit Programmieren ein Gespräch führen kann, übersteht jedes Blind Date mit Small Talk.

Was ich hingegen immer hasse, ist das Ende! Meine amerikanische Schwägerin gab mir vor meiner Weiterreise von Übersee gen Spree noch einen Tipp mit:

Date so viele Männer wie möglich. So kommst Du immerhin zu ein paar guten Essen! Such Dir die besten Restaurants aus und genieße ein tolles Glas Wein neben Deinem Steak.

Vergiss es! Nicht hier in Deutschland: Am See waren die schwäbischen Männer stets zu geizig und an der Spree sind sie einfach zu pleite. Bisher hat mich nicht ein einziger Mann zum Essen eingeladen! Ganz im Gegenteil – es kommt immer zu super peinlichen Situationen, sobald die Frage „Zusammen oder getrennt“ gestellt wird. Wenn der Mann verlegen auf den Boden schaut, diese schreckliche Stille einkehrt, dann bin ich auch mal so patzig und sag „zusammen“ und zahl selber. Dann ergötze ich mich einfach an der Erniedrigung. Man ist doch erwachsen und könnte das wirklich vorher besprechen! Jedenfalls sollte man als Frau genug Bargeld dabei haben, um zur Not im Borchardts doch die eigene Rechnung zu übernehmen. Nicht dass man am Schluss noch in der Küche Teller waschen muss…

Ob der sicherlich nicht spätrömisch-dekadenten Spree-Dates sowie der kahlen Austragungsorte hängt mir zum Abschluss noch ein „sparsamer“ Schlager im Ohr:

Sie sprach: Ich fühl mich nur am Lido wohl
Er sagt: Du willst ans Meer, mach keinen Pol!
Mein Kind was brauchst Du baden?
Wasch Dir Zuhaus die Waden!
Und für die Füß nimm Kukirol

Sei sparsam Brigitte,
nimm immer Ullstein-Schnitte
und näh Dir selbst Dein Kleid
Was brauchst Du zu laufen
Modelle einzukaufen
In dieser schweren Zeit?
Geh so wie Eva ging
Das ist gesund
Ganz nackt und höchstens ein
Bonbon im Mund

Der Abschluss – Das Projektfeedback

Die See-Dates stehen auf Aussprache. Nachdem man z.B. ein ganzes Wochenende bei ihm in Florenz (so weit kann die Hinterland-Suche einen versetzen!) verbracht hatte, musste man sich schon noch mal höflich verabschieden. Auch wenn man meinte, eindeutige Signale gesetzt zu haben. Einmal war Chloe derart schlecht auf ihr nerviges Date anzusprechen, dass sie am letzten Tag des verlängerten Wochenendes einfach schlecht gelaunt schwieg. Als der Tag ausgesessen und wir uns auf dem Weg zu meinem Auto befanden, nahm mich mein Date rührend in den Arm und maynte doch ernsthaft:

Ich merke schon den ganzen Tag, dass Du traurig bist jetzt gehen zu müssen. Du bist so ruhig.

Oh Kleist! Welche Brillen tragen wir immer nur… Jedenfalls rief ich nach meiner erleichterten Ankunft zwei Tage später an und hatte den Mut ganz offen anzusprechen, dass ich leider keine Beziehung will. Der Mann war wirklich reif und bedankte sich noch für meine ehrliche Aussprache, die mich in seinen Augen zu einem noch besonderen Menschen machte.

An der Spree herrscht hingegen das Gesetz der Unverbindlichkeit vor. Daran musste ich mich erst noch gewöhnen. Wenn man sich nie wieder mit jemanden treffen will, dann meldet man sich gefälligst auch nie wieder! Auch das musste ich erst durch eine schmerzhafte Erfahrung lernen (obwohl Maya mir die Kunst des Nichtkommunizierens stets versucht hatte in Bezug auf Berlin einzuprügeln). Nach einem unsäglichen Date war ich so höflich und versuchte die Verbindung dezent zu beenden:

Hi Du,

danke für die schöne Runde in der für mich unbekannten Ecke. Ich glaube jedoch, dass wir beide recht unterschiedlich sind.

Die Antwort kam promt:

Hi Chloe,

merci fürs Mail. Schwer zu sagen nach einer so kurzen Runde, aber vermutlich hast Du recht.

Nun folgt ein grober Fehler meinerseits…

Hallo Du,

ich könnte jetzt natürlich neckisch kontern: weibliche Intuition 😉

… denn nach der folgenden Antwort ließ ich mich doch noch zu einem zweiten Date weichklopfen…

Also meine männliche Intuition sagt, dass Du attraktiv bist und auf den ersten Blick interessant wirkst. 🙂 Ich würde gerne mit Dir ins Theater gehen.

Inzwischen passiert mir das nicht mehr! Ich bin assimiliert: See ist erfolgreich an der Spree angekommen.

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3 Antworten

  1. ooooh jeeeee chloeeeee – du Material Girl, du!
    Von wegen Fiat versus Alfa Romeo – also das ist nun wirklich ziemlich kleinkariert von dir, demnächst versuchst du es vielleicht mal auf Elite-Partner.de oder lässt dir vorher die Eckdaten senden: Haus, Auto, Yacht, Konten.
    Wer vom See bis in die Toskana gefahren ist, um ein interessantes Wochenende zu haben, der sollte sich übrigens nach bisher zwei Ausflügen ins Brandenburgische nicht beschweren. In und um Berlin bis hin zur Ostsee (denn dafür scheint dein Radius locker auszureichen) gibt es vielleicht doch noch den ein oder anderen romantischen Ort.
    Und nun zum Schluss: „Times they are changing“ habe ich heute schon einmal gesagt.
    Es ist 2010 – Männer sind nicht mehr verpflichtet Frauen zum Essen einzuladen und zwar – das ist das Tolle daran, deshalb sollte man sich nicht darüber beschweren – weil Frauen heute arbeiten gehen und danach sogar das Geld behalten können!
    Stark oder?
    Einladung nicht notwendig.
    Da geht man so modern online auf die Partnersuche und dann kommt da ein solches Rollendenken hervor. Pfui!
    Übrigens ist es auch keine Demütigung für einen Mann, eingeladen zu werden. Na ja – vielleicht ist das ja eine neue Anregung für Parship: man könnte im Profil angeben
    Ich zahle beim ersten Date
    a) für mich
    b) für uns beide
    c) gar nicht
    d) ich bringe Brote und eine Thermoskanne mit und du kriegst zum Selbstkostenpreis etwas ab.“
    Was bin ich froh, dass ich nicht suchsüchtig bin!

  2. Hmmm… also, ich bin da eher wie Chloe veranlagt. Moderne Zeiten sind nicht unbedingt schlecht, aber bevor ich ihm in den Mantel helfe, muss noch viel passieren – manche Dinge sollten einfach so bleiben, wie sie mal waren… dafür wird auch über bestimmte männliche Eigenschaften hinweggesehen, sollte es mal auf einer Suche soweit kommen, dass man die kennenlernt… 😉

    Berlin-Dating klingt wie München-Dating! Bis auf dass die Männer hier nicht so pleite, dafür aber deutlich oberflächlicher sind…

  3. […] die Männersuche? Eigentlich wollte ich eine kleine Pause einlegen, jedoch reizt es mich zugleich, Kreuzberg näher […]

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