Teil III: Chloe auf Parship


Zurück in Berlin. Zurück auf Generalsuchemodus.

Einen Tag vor Abflug gen Süden sagte mir die WG kurz vor Einzug ab. Nun befinde ich mich also wieder als Tramp in der Obhut von Freunden und bin auf Wohnungssuche. Am Donnerstag kämpfte ich mich mit den maroden Nahverkehrsmitteln bis nach Treptow vor. Aufgrund einer Umleitung war ich sieben Minuten zu spät dran. Aus Angst, der Vermieter könnte des Wartens Leid sein, schrieb ich zur Sicherheit eine SMS.

Pardon. Ich bin in sieben Minuten da. LG, Chloe.

Prompt rief mich der Mann mit einer völlig erstaunten Stimme zurück.

Wofür?

Am liebsten hätte ich in den Hörer reingeschrien: „Ich bin die bestellte Prostituierte!“, blieb jedoch vernünftig:

Die Wohnungsbesichtigung!?!

War ja klar. Er hatte die Wohnung inzwischen schon an einen Freund vermietet und vergessen mir abzusagen. Diese Stadt der Unverbindlichkeiten nagt tödlich an meiner Frustrationstoleranz…

Und die Männersuche? Eigentlich wollte ich eine kleine Pause einlegen, jedoch reizt es mich zugleich, Kreuzberg näher kennen zu lernen. Zu zweit macht das mehr Spaß. Da mir das Männer-Portfolio auf Parship etwas auf die Nerven geht (ich bin keine Gebärmutter auf zwei Beinen!), inspizierte ich diese Woche das Angebot auf Dating Café. Ich muss wirklich sagen, dass das Portal überzeugt (nicht nur weil die Mitgliedschaft für Frauen unter 40 Jahren umsonst ist)! Man bekommt zwar keine Psychoanalyse und „Matchingpoints“ wie auf Parship, aber dafür einfach banale Funktionen wie Chat und einen übersichtlicheren Posteingang. Und die Männer scheinen auch einfach unkomplizierter zu sein.

Inzwischen glaube ich auch, dass man generell alle zwei Wochen die Partnersuchmaschine wechseln sollte. Nie bekommt man so viele Anschriften wie kurz nach der Anmeldung. Ich gehe mal davon aus, dass das das Frischfleischsyndrom ist.

Ich bin all der Worte jedenfalls überdrüssig. Scheiß auch auf Sympathieklicks und Anstupser oder wie das alles heißt. Einem netten Profil schrieb ich daher direkt:

Gut. Machen wir es mal wirklich „blind“ ! Kein Foto, kein Name, kein Austausch von Belanglosigkeiten vorab. Denn die blinden Dater sehen mehr. Du oder ich – je nachdem wer zuerst da ist – sitzen also an der Bar mit einem Gin. Die Gurke ist wichtig.

Der Herr gab mir als Austragungsort den Würgeengel und die Olfe zur Auswahl. Ich entschied mich für den Würgeengel. Sein Kommentar:

Ich dachte mir schon, Du würdest den Würgeengel bevorzugen. Klingt dramatischer.

Nach meiner Tangostunde lief ich also gut gelaunt mit Mayas Spanferkelcompilation im Ohr durch den Regen zum Würgeengel. Und in der Tat saß ein Mann alleine an der Bar mit einem Glas Hendrick’s Gin und Gurke. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich jemand auf so was einlässt. Jedenfalls stellte ich mich souverän daneben und bestellte:

Für mich bitte das gleiche wie der Herr.

Die Musik, das Interieur, der Barkeeper, die Getränkeauswahl – ich befand mich im hochprozentigen Himmel! Daher hatte ich in der Tat einen ausgelassenen Abend mit meinem Gegenüber, der sich ebenfalls als standfester Kenner und Trinker erwies. Unser genialer Barkeeper – ich hätte stundenlang zuschauen können; was für ein Handwerk! – tanzte die Cocktails förmlich zusammen und schmeckte zum Abschluss jeden Drink mit einem Röhrle kurz ab. Um uns türmten sich die Menschen und bestellten Flüssigkeiten, die nicht einmal ich kannte! Ich kam aus dem Staunen kaum heraus, als ich eine Flasche sah, aus der ein blutochsenfarbenes Getränk floss. Der Barkeeper ertappte mich in meiner Neugier und stellte die Flasche unauffällig vor meine Nase, damit ich schnell ein Foto schießen konnte.

Rīgas Melnais Balzams

Rīgas Melnais Balzams

Hinter mir wurde es plötzlich laut. Ein Mann kam schnurstracks aus dem Off auf mich zugelaufen und meinte:

Ah! Hast Du etwa diese iPhone-App mit der man den Barcode einscannen und gleich online Preissuchmaschinen für das beste Angebot aktivieren kann?

Ich schrie nur entsetzt:

Nein! Ich finde nur die Flasche so schön.

Dabei erinnerte ich mich an einen Diskurs, den ich mit Maya und Woody neulich hatte. Woody war mit Muckie in München und wollte den Saffron Gin über den ich neulich berichtete testen. Fand ihn aber an keiner Bar und fragte, wo ich denn meinen Stoff immer her habe. Ich gab zu, dass ich das recht unkompliziert über Online Versand abwickle. Woody war etwas verwundert. Kurz danach telefonierte ich mit Maya und maynte, dass Woody wohl entsetzt darüber war, dass ich Alkohol online bestelle und mir in Päckchen anliefern lasse. Schließlich hatte ich vier Jahre lang im oberschwäbischen Hinterland gelebt, da muss man sich SCM Strategien überlegen, um an seine Güter ranzukommen! Andere kaufen sich Schuhe online. Das würde ich nie tun! Bei Spirituosen weiß ich doch schließlich, was drin ist.

Maya lachte lediglich:

Andere bekommen Newsletter mit der neuesten Unterwäschekollektion und Du wirst über die Top-Spirituosen informiert.

Ja! Meine Mai-Angebote habe ich gerade frisch erhalten:

Spirituosen Newsletter

Jedenfalls war der Abend im Würgeengel ein voller Erfolg. Die Bar ist in meiner Top-Ten-Liste aufgenommen! Mein Date – ein Vegetarier – und ich diskutierten noch kurz was schlimmer ist: Männer, die nicht trinken oder Männer, die kein Fleisch essen. Die Antwort könnt Ihr Euch wohl denken.

Am Kotti stiegen wir dann in entgegengesetzter Richtung in die U-Bahn ein. Neben mir stand eine stark unter Rauschmitteln stehende Jugendgang. Das Gewaltpotential richtete sich jedoch nur gegen sich selbst. Der Anführer, ein kleiner Mann mit Migrationshintergrund, beschimpfte seine bildhübsche um einen Kopf größere blonde Freundin. Mit voller Wucht knallte er ihr plötzlich eine Ohrfeige, deren Echo die ganze Vorhalle erfüllte. Mich beeindruckte es stark, mit welch dumpfer Stille das Mädel diese Aggression ertrug. Kein Schreien, kein Weinen. In der Luft hing lediglich die rote Wange.

Willkommen in Berlin, Chloe!

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Eine Antwort

  1. […] Was ich von Chloes Abenteuern mit bekomme, erinnert mich mehr an Hochleistungs-Shopping – nur die Trefferquote beim Männerfang ist geringer als bei der Suche nach dem perfekten Kleid. Ich darf das (hoffentlich) sagen, da Chloe nicht unbedingt verzweifelt die Liebe ihres Lebens sucht, sondern kürzlich selbst  gestanden hat, es gehe mehr um den Spaß und die Erkundung von Flora, Fauna und Barkultur des neuen … […]

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